Schlafen auf fremden Sofas – rund um den Globus gratis

Tausende von Schweizern nehmen Reisende kostenlos bei sich auf. Das Internet macht es möglich. Der 37-jährige Evert Smit ist Gastgeber für «Couch Surfing».

Obdach für Reisende: Hier beherbergt Evert Smit rund 200 Gäste pro Jahr.

Obdach für Reisende: Hier beherbergt Evert Smit rund 200 Gäste pro Jahr.
Bild: Reto Oeschger

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Von der Luxussuite bis zur Bruchbude

«Couch Surfing» stammt ursprünglich aus den USA. Das Ziel ist, Reisende und Einheimische zusammenzubringen, indem Einheimische den Reisenden kostenlose Übernachtungen anbieten. Derzeit sind auf der Internetplattform mehr als 1,6 Millionen Nutzer aus 235 Ländern eingetragen. In der Stadt Zürich gibt es rund 1500 «Couch Surfer», etwa 500 von ihnen sind aktiv. Jeder Nutzer legt ein eigenes Profil an, kann Freundschaften schliessen und Empfehlungen sammeln. Die Website dient auch dazu, Infos über Reiseziele auszutauschen.

Längst nicht alle Gastgeber schlafen selbst auf fremden Sofas, wenn sie reisen. Anderseits gibt es keine Verpflichtung für Reisende, daheim anderen ein Bett anzubieten. Kostenlos ist nur der Schlafplatz, nicht aber das Essen: Oft teilt man sich die Kosten und kocht gemeinsam, oder der Gast übernimmt sogar das Kochen. Wer bei Wildfremden übernachtet, muss flexibel sein. Die Gastgeber stellen ihre eigenen Regeln auf und bestimmen selbst, was sie bieten wollen und was nicht.

Die Qualität der Unterkünfte ist sehr unterschiedlich, sie reicht von der Luxussuite bis zur Bruchbude. Man kann auch nicht erwarten, immer und überall ein frisch bezogenes Bett zu finden; manchmal besteht der Schlafplatz einfach aus einer Matte im Wohnzimmer.

Manche Gastgeber lassen die Surfer nie allein in ihre Wohnung, andere vertrauen ihnen problemlos den Hausschlüssel an, ohne sie vorher gesehen zu haben. Es gibt Gastgeber, die für ihre Gäste Fremdenführer spielen; andere überlassen die Surfer sich selbst. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt – es gibt sogar Gastgeber, die gar keine Übernachtung anbieten, dafür aber Ausflüge organisieren.

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Wenn Evert Smit reist, übernachtet er oft auf fremden Sofas, in fremden Betten oder auf einer Matte im Wohnzimmer von Leuten, die er nie zuvor gesehen hat. Und wenn er daheim in Zürich ist, nimmt er selbst Reisende bei sich auf, die er nicht kennt. Mehr als 200 Männer und Frauen aus aller Welt haben im letzten Jahr in seinem Gästezimmer geschlafen. Alle kostenlos. Und es hätten noch viel mehr sein können, sagt der 37-Jährige, der als Projektleiter bei einer Grossbank arbeitet, wenn er nicht gerade Gastgeber spielt. In der Hochsaison hat er manchmal 20, 30 Anfragen an einem Wochenende.

Warum er das tut? «Ich geniesse es, mit Menschen aus anderen Kulturen zu reden, von ihnen zu hören, wie sie leben, und ihnen zu zeigen, wie wir leben», sagt Evert. So öffneten sich ihm Welten, zu denen er sonst nie Zugang hätte. Evert schwärmt von einer Übernachtung bei einem Jazzmusiker, mit dem er im norwegischen Trondheim ein Jazzfestival besucht habe: «Das war enorm spannend, weil er mir die Musik genau erklärt hat.»

Erstes Treffen im Café

Dass das Ganze nichts kostet, sei nicht das Wichtigste, sondern bloss eine angenehme Nebenerscheinung: «Wer nur dabei ist, weil er für die Übernachtung nichts zahlt, hört schnell wieder damit auf. Weil es keinen Spass macht. Und weil man schlechte Referenzen bekommt.» Referenzen sind das A und O beim Couch Surfing. Jeder, der im Internet ein Bett anbietet oder sucht, beschreibt sich selbst in einem Profil. Gastgeber und Gäste können einander bewerten und Freundschaften schliessen.

Auch wenn die Referenzen recht aufschlussreich sind: Evert lässt niemanden einfach so in seine Wohnung. Er trifft seine Gäste immer erst in einem Café. «Ich will wissen, was für Leute ich aufnehme, das Gefühl muss stimmen», sagt Evert. «Und ich mache die Leute auch immer im Voraus auf die Regeln aufmerksam, die bei mir gelten.» So lässt er zum Beispiel nie Gäste allein in seiner Wohnung: «Wenn ich gehe, gehen sie auch.»

«Meist passiert ja nichts»

Dennoch: Braucht es nicht Vertrauen, jemand Fremden zu beherbergen? Evert stellt die Gegenfrage: «Warum denn? Warum gehen wir immer davon aus, dass etwas passiert? Meist passiert ja nichts.»

Dennoch hat Evert schon einmal einen Gast abgelehnt. Das war ein junger Russe, dessen einziges Ziel es gewesen sei, zu trinken und Frauen aufzureissen. «Nicht mein Ding», sagt Evert. Es gehört zu den Regeln des Couch Surfings, dass ein Gastgeber niemanden aufnehmen muss. Und ein Gast muss auch nirgends bleiben. Auf der Strasse strandet trotzdem keiner. Dem jungen Russen verhalf Evert zu einer Bleibe in einer Studenten-WG. «Die haben sich prächtig amüsiert», erzählt er grinsend.

Stimmt Everts Gefühl, dann geht er gemeinsam mit «seinen Surfern» einkaufen und kocht mit ihnen daheim ein Abendessen. Nicht selten geht er danach mit seinen Gästen aus. Frühstück gibts bei Evert nicht: Dafür ist das Café um die Ecke da.

Grosse Gemeinschaft

Auch wenn beim Couch Surfing auf den ersten Blick das Übernachten im Fokus steht, geht es um mehr. Die Surfer sehen sich als lockere, alternativ angehauchte Gemeinschaft, die eine Vision teilt: Jeder ist in Ordnung, wie er ist. Das zeigt sich auch am grossen Surfer-Treffen, zu dem Evert die Schreibende mitnimmt. Man kennt sich nicht, und doch entwickeln sich innert kürzester Zeit Gespräche. Erfahrungen und Geschichten werden ausgetauscht.

Da ist zum Beispiel Florentin, der neun Monate lang durch ganz Europa und bis in den Iran gereist ist. Und der in Teheran ankam, als die Proteste nach der Präsidentschaftswahl hochkochten. «Kein schönes Erlebnis», sagt er. «Aber dank dem Couch Surfing habe ich viel darüber erfahren, was die Leute dort denken. Das wäre als normaler Reisender nicht möglich gewesen.»

Da ist Grazia, die findet, gerade für allein reisende Frauen sei Couch Surfing ideal: «So lerne ich viel einfacher Leute kennen, mit denen ich etwas unternehmen kann. Und die mir sagen, was ich wirklich wissen muss.»

Und da ist Ahmed, der aus Ägypten stammt, seit fünf Jahren in Deutschland lebt, fast akzentfrei deutsch spricht und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Er schläft an diesem Abend bei Evert. Ihm gefällt die Offenheit der Surfer-Gemeinschaft: «Ich bin Muslim, ich bin Araber, ich heisse Ahmed. Und trotzdem werde ich überall akzeptiert.»

Gastgeber verschwunden

Natürlich läuft nicht immer alles rund. Jemand erzählt von einem Gastgeber, der kurz vor dem Eintreffen seines Gastes verschwand, obwohl er ihm ein Bett zugesagt hatte. Hin und wieder kommt es auch vor, dass Gast und Gastgeber sich doch nicht vertragen. Aber das seien Einzelfälle, beteuert Evert. Er selbst habe noch nie schlechte Erfahrungen gemacht. Nicht einmal, als ein Künstler bei ihm nächtigte, der schon im Voraus gewarnt hatte, er sei Kleptomane. «Er sagte mir, wenn ich gehe, dann musst du genau prüfen, ob etwas fehlt. Kann sein, dass ich etwas mitlaufen lasse – ist nicht böse gemeint, ich kann nicht anders. Und so gingen wir am nächsten Morgen gemeinsam durch die Wohnung. Es war alles noch da.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2010, 07:24 Uhr

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1 KOMMENTAR

Eugen Boller

09.02.2010, 09:16 Uhr

Super! Das ist wahre Globalisierung die auf völkerübergreifende Verständigung setzt. Es setzt das Vertrauen voraus, wo sich manch einer der mauernden Nationalisten eine grosse Scheibe davon abschneiden kann. Das es dabei auch Risiken geben mag, ist klar. Doch ist nicht unser ganzes Leben ein Risiko? In jedem Fall absolut unterstützungswürdig! Nun fehlt nur noch das globale Grundeinkommen...






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