Warum fuhr der Thurbo einfach los?

17 Fahrgäste wurden gestern verletzt, als in Neuhausen zwei S-Bahnen zusammenstiessen. Das Sicherheitssystem an der Unfallstelle ist veraltet. Die Untersuchungsbehörde schliesst aber auch menschliches Versagen nicht aus.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der mit 200 Fahrgästen besetzte Entlastungszug S 11 war nach Zürich-Altstetten unterwegs. Die S 33, eine Thurbo-Komposition, hätte 80 Leute nach Schaffhausen bringen sollen. Wenn alles nach Fahrplan abgelaufen wäre, hätten sich beide Züge im Bahnhof Neuhausen gekreuzt – und wären um 7.34 Uhr wieder abgefahren.

Stattdessen sind sie gestern um 7.34 Uhr gut 200 Meter nördlich des Bahnhofs ineinandergekracht. Auf einer Weiche prallten sie seitlich frontal zusammen. Die rote 80-Tonnen-Lok aus Stahl, welche die Doppelstockwagen des Entlastungszugs zog, verkeilte sich mit dem Führerstand des Thurbos – und schob den leichten Gelenktriebwagen um 20 Meter zurück. Glas splitterte, die Aluminiumfrontpartie der S 33 wurde eingedrückt. Wie durch ein Wunder kamen die Lokführer unbeschadet davon.

Zwei Züge auf einem Gleis

Beide S-Bahnen waren auf demselben Gleis unterwegs. Die S 11 hatte aber Verspätung. Sie war erst dabei, auf der Weiche aufs Gleis 2 einzuspuren. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Thurbo bereits beschleunigt, um pünktlich vom Gleis 3 aus dem Bahnhof zu fahren. 17 Personen wurden beim Aufprall verletzt. 9 von ihnen mussten laut Schaffhauser Polizei ins Spital – die anderen konnten die Rettungskräfte vor Ort versorgen. «Es hätte viel schlimmer ausgehen können», sagte Sprecherin Anja Schudel.

Die grosse Frage nach dem Unfall ist: Warum können in einem modernen Bahnbetrieb, der durch Computer und Stellwerke gesteuert wird, zwei Züge zusammenstossen? Und warum fuhr der Thurbo schon los, obschon das Gleis noch belegt war? Weder die SBB noch die Unfalluntersuchungsstelle des Bundes lassen sich auf Spekulationen ein. Letztere schliesst weder technisches noch menschliches Versagen aus. Klar ist jedoch, dass die Unfallstelle nicht durch eine moderne Zugsicherung überwacht wird. Die beiden Signale nördlich und südlich der Weiche sind bloss durch das Warnsystem Integra-Signum aus den 30er-Jahren gesichert. Missachtet der Lokführer ein Haltesignal, wird der Zug automatisch gebremst.

Nachteil des 80-jährigen Integra-Systems: Die Bremsung setzt erst beim Signal ein. Weil Züge lange Bremswege haben, kann eine Kollision trotz Vollbremsung nicht mehr verhindert werden. Das scheint beim gestrigen Unglück der Fall gewesen zu sein. Der Thurbo-Zug hat voll aus dem Bahnhof Richtung Norden beschleunigt. Sollte das Signal rot gewesen sein, hätte der Bremsweg bis zur nahen Weiche nicht mehr gereicht. Die einfahrende S-Bahn hingegen hatte vom Signal bis zur Unfallstelle eine deutlich grössere Distanz. Sollte dieses ebenfalls rot gewesen sein, hätte die Doppelstock-S-Bahn anhalten können. Das heisst: Tendenziell ist eher der Thurbo aus dem Bahnhof weggefahren, obschon er noch die Einfahrt der anderen S-Bahn hätte abwarten sollen.

2011 lag es am Lokführer

Ein ähnlicher Unfall hat sich 2011 in Döttingen AG abgespielt: Obwohl sein Signal auf «Halt» stand, fuhr ein Regionalzug damals einfach aus dem Bahnhof los – und kollidierte auf einer Weiche mit einen Güterzug. 16 Reisende wurden leicht verletzt. Der Lokführer gab später an, wegen eines privaten Problems gedanklich abwesend gewesen zu sein.

Das modernere Zugüberwachungssystem ZUB hingegen überwacht die Geschwindigkeit eines Zuges zwischen einem Vor- und einem Hauptsignal kontinuierlich. Es rechnet fortlaufend die Bremskurve des Zuges aus. Ist die Geschwindigkeit für einen vollständigen Halt vor einem Gefahrenpunkt zu hoch, greift es automatisch ein und bremst den Zug schon vor dem Signal. Wäre der Bahnhof Neuhausen mit einem ZUB ausgerüstet, wäre der Thurbo wohl beim Signal oder kurz vor der Weiche zum Stillstand gekommen. Möglich ist aber auch ein Stellwerkfehler.

SBB-Sprecher Daniele Pallecchi betont, dass die Einrichtung des Bahnhofs Neuhausen «allen Vorschriften durch das Bundesamt für Verkehr entspricht». Auch Hubert Giger, Präsident des Verbands Schweizer Lokomotivführer (VSLF), bestätigt, dass der Bahnhof Neuhausen grundsätzlich sicher sei. Seit der Einführung des Halbstundentakts Schaffhausen–Zürich vor einem Monat sei die Frequenz der Züge in Neuhausen jedoch um rund 20 Prozent gestiegen.

«Infrastruktur ist ausgereizt»

«Neuhausen ist heute ein Flaschenhals», sagt Giger. Der Lokführer-Präsident kritisiert denn auch die SBB und den Bund: «Wenn die Infrastruktur immer mehr ausgereizt wird, dann müssen auch die Installationen und die Sicherheitsvorkehrungen Schritt halten.» Wäre der Bahnhof Neuhausen mit einem modernen ZUB ausgerüstet gewesen, hätte sich der Unfall allenfalls nicht ereignet. Giger stellt auch fest, dass sich der Druck auf die Lokführer fortlaufend erhöhe. «Arbeitseinsätze von fünf Stunden ohne Pause» würden immer häufiger. Der Verband hat dies auch der zuständigen Bundesrätin Doris Leuthard klargemacht.

Die SBB haben ihr Zugsicherungssystem anhand einer Gefahrenanalyse ausgelegt. Bei dichtem Verkehr wurde das ZUB eingebaut, bei geringerem Gefahrenpotenzial reicht das alte Integra-Signum. Vor allem aber: Auch das ZUB ist schon wieder veraltet. Wo schneller als 160 gefahren wird (Lötschberg, Mattstetten–Rothrist), kommt die Führerstandssignalisierung ETCS zum Einsatz. Mittelfristig wird dieses System in ganz Europa eingeführt. In der Schweiz soll ein vereinfachtes ETCS ab 2017 Integra-Signum und ZUB ablösen.

Neuhausen war bereits einmal Schauplatz eines schlimmen Bahnunfalls. Im März 2005 erfasste der Interregio Zürich–Schaffhausen dort einen Jugendlichen. Der Zug war um 23.52 Uhr mit 70 km/h in den Bahnhof eingefahren. Der 14-Jährige war am Perronrand gesessen und vornüber vor den Zug gekippt; er war sofort tot. Die Untersuchung durch den Bund ergab, dass dem Lokführer kein Vorwurf gemacht werden konnte und es sich um ein tragisches Unglück handelte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2013, 09:54 Uhr

1,5 Millionen Franken Schaden

Bei dem Bahnunglück am Donnerstagmorgen in Neuhausen am Rheinfall SH ist ein Sachschaden von rund 1,5 Millionen Franken entstanden. Zwei S-Bahnen stiessen zusammen und 17 Personen wurden verletzt, neun davon mussten ins Krankenhaus. Acht haben das Spital noch am selben Tag verlassen.

Die Bergungsarbeiten sind um 4 Uhr abgeschlossen worden, wie SBB-Mediensprecher Reto Schärli am Freitag auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda sagte. Der Verkehr laufe wieder normal. Auch der kriminaltechnische Dienst der Schaffhauser Polizei habe seine Arbeit beendet, sagte Polizeisprecher Patrick Caprez.

Der Unfall wird nun von der Schweizerischen Unfalluntersuchungsstelle SUST untersucht. Erkenntnisse zur Unfallursache gebe es noch keine, sagte Walter Kobelt, Leiter Bahnen und Schiffe der SUST. Zuerst müssten die Fahrtenschreiber und die Stellwerkprotokolle ausgewertet sowie die Lokführer befragt werden. Er geht von einer Schadensumme von rund 1,5 Millionen Franken aus.

Lokführer sollen sich in Sicherheit bringen

Dass der Zusammenstoss des SBB-Doppelstockzugs mit einer Thurbo-Komposition so glimpflich abgelaufen ist, liegt zum einen daran, dass die Züge nicht schnell gefahren sind. Der Thurbo hatte gerade den Bahnhof verlassen, der Doppelstockzug wollte in diesen einfahren. Zum anderen hat der Thurbo eine grosse Knautschzone, wie Kobelt sagte.

Der Doppelstockzug wiegt rund 4 Mal mehr als der Thurbo und hat diesen rund 20 Meter auf dem Gleis zurückgeschoben. Dabei ist die Lokomotive des Doppelstockzugs entgleist. Sie musste zum Abtransport mit einem Spezialkran auf einen Hilfswaggon gehoben werden.

Verschiedene Sicherheitssysteme sollen Unfälle auf dem Schienennetz verhindern. Am Unfallort ist das älteste von drei Systemen im Einsatz. Dieses bewirkt, dass eine Schnellbremsung eingeleitet wird, sobald ein Zug an einem Rotlicht vorbeifährt. Reicht die Strecke dafür nicht aus, kann es jedoch trotzdem zum Zusammenstoss kommen.

Für diesen Fall werden die Lokführer speziell ausgebildet. Ist eine Schnellbremsung eingeleitet, können sie nichts mehr tun. Sieht ein Lokführer den Crash kommen, sollte er sich selbst in Sicherheit bringen, sagte Schärli. «Ob die beiden Lokführer in Neuhausen dies getan haben, ist noch unklar», sagte Kobelt. Beide überstanden den Unfall unverletzt.

«Kein Zusammenhang mit Halbstunden-Takt»

Spekulationen über einen Zusammenhang des Unfalls mit dem zum Fahrplanwechsel eingeführten Halbstunden-Takt wies Schärli zurück. Es gebe überall in der Schweiz einen dichten Fahrplan und Nadelöhre. Auch Kobelt sagte, es gebe keinen Zusammenhang mit dem Halbstunden-Takt. Das Risiko sei zwar um so grösser, je mehr Züge fahren, doch der Betrieb sei prinzipiell sicher.

Eine Entschädigung erhalten die betroffenen Fahrgäste nicht automatisch. Dies würde individuell abgeklärt, sagte Schärli. Wer beispielsweise durch den Unfall einen Flug verpasst habe, werde entschädigt.

Zug-Crash bei Neuhausen

Massiver Sachschaden

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von baz.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).

Promotion

Kostenlose Ebooks

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Kommentare

Blogs

Outdoor 3 Kilo weniger in 30 Tagen
Private View Schneeweisse Männerhälse

Die Welt in Bildern

Hereinspaziert: Ein chinesischer Ehrengardist öffnet den Vorhang für den französischen Premier Bernard Cazeneuve, der in der Grossen Halle des Volkes in Peking mit einer Willkommenszeremonie empfangen wird. (21. Februar 2017)
(Bild: Mark Schiefelbein/AP) Mehr...