Copacabana – Strand der vergessenen Träume

Der berühmte Strand von Rio de Janeiro gilt als Ursprung des Zauberfussballs der «Selecao». Doch der Zauber ist mittlerweile dem Realismus gewichen.

In die Höhe: «Der Ball gehört in die Luft» an der legendären Copacabana, wo der Strandfussball so populär ist.

In die Höhe: «Der Ball gehört in die Luft» an der legendären Copacabana, wo der Strandfussball so populär ist.

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«Valdao! Valdao!» Die Rufe von den Teamkollegen bleiben unerwidert. Denn Valdao, der eigentlich Valdemar de Souza heisst, will jetzt nicht kicken. Sondern lieber erzählen. «Eigentlich bin ich zu alt für all das», sagt er und blinzelt in die Sonne. Über den Bauch des 53-Jährigen aus Rio de Janeiro spannt sich ein verwaschenes Brasilien-Trikot, von dem er mit Vehemenz schwört, dass es ihm früher perfekt gepasst habe.

Früher, das war im Sommer 1982, damals, als die Welt den Atem anhielt, wenn die «Selecao» an der WM in Spanien zauberte. Und als die Welt trauerte, als die scheinbar unbesiegbaren Ballkünstler von der Effizienz der Italiener aus dem Turnier geworfen wurden.

Ursprung im Sand

«Da war ich noch voll im Saft, habe hier jeden Abend gespielt.» Wehmütig blickt Valdao hinüber zu seinen Teamkollegen, mit denen er sich hier inzwischen noch einmal in der Woche trifft. Dann schweift sein Blick weiter, über die anderen Plätze, die auf dem halbmondförmigen, vier Kilometer langen Strand eng aufeinanderfolgen und noch immer von jenem Mythos zeugen, der die Copacabana bis heute umweht. «Damals, da musstest du meist schon am Nachmittag da sein, wenn du dir einen freien Platz sichern wolltest – ausser wenn Brasilien spielte.»

Wie die Strandkicker traten sie damals in Spanien auf. Herrliche Ball­stafetten, oft auch in der Luft. Und halfen mit diesem wundervollen Spiel mit, den Ruf der Copacabana zu zementieren – obwohl nur die wenigsten von ihnen je im Sand der Copacabana den Ball gestreichelt haben. Der damalige Offensiv-Verteidiger Junior soll den Fussball zwar so erlernt haben. Aber nicht in Rio de Janeiro. Und Zico stammt zwar aus der Metropole am Zuckerhut, seine Strandaktivitäten sind aber nicht verbürgt.

Das einst so kunstvolle brasilianische Spiel, das den Fussball der Selecao früher auszeichnete und in jenem Sommer 1982 seinen Höhepunkt erlebte, hat seinen Ursprung trotzdem im Sand. Und damit auch an der legendären Copacabana, wo wie an keinem zweiten Ort auf dieser Welt Strandfussball betrieben wurde. «Viele, viele sind sie danach in die Ligen, vor allem noch vor meiner Zeit», sagt Valdao. Und die vielen, die vom Strand oder aus den Favelas und damit von der Strasse kamen, prägten den Stil bis in die Spitze mit.

Der Ball gehört in die Luft

Valdaos Karriere auf dem grünen Rasen war kurz und bescheiden. «Nur vierte Liga, ein Jahr. Dann war ich verletzt.» Am Strand der Copacabana jedoch, da habe er sich immer wieder mit den Besten gemessen. «Und ich war nicht schlecht, was damals etwas hiess. Jedenfalls besser als das, was man jetzt zu sehen bekommt.»

Jetzt sieht man an der Copacabana viele leere Plätze und alte Flutlicht­masten, die es noch immer ermöglichen, auch am Abend Sport zu treiben. In diesen Tagen sind es vor allem Touristen, die einmal im Leben an der Copacabana dem Ball nachjagen wollen.

Ein paar Franzosen haben ihre ­Tricolore-Flagge um ein Tor gewickelt. Sie spielen so, wie man auf Gras spielt. «Das funktioniert aber nicht», sagt Valdao. «Der Ball gehört in die Luft – auch so ist es noch anstrengend genug.» Seine Waden belegen dies, die ähnlich stramm sind wie sein Bauch. «Aber nicht vom Bier, sondern vom steten Training im Sand. Das hält fit.»

Die Spieler füllen leere Kassen

Fit sind heute andere. Jene, die ihren Körper an den Metallgerüsten stählen, die den Strand säumen. Die besten Fussballer, die kicken schon lange nicht mehr am Strand. Sondern werden auch in Brasilien bereits im Kindesalter in die Nachwuchs-Akademien der grossen Clubs gelockt. So wie Ronaldo, der einst tatsächlich am Strand entdeckt wurde.

In Rio de Janeiro jagen Fluminense und Flamengo, Vasco da Gama und Botafogo die Talente, die noch immer überwiegend aus ärmlichen Verhältnissen stammen. Der Nachwuchs ist seit Jahrzehnten das Kapital der Clubs. Seit jener Zeit, da Zico, Junior, Socrates oder Falcao zauberten. In den 1980er-Jahren nahm die Finanzkraft der europäischen Clubs Überhand und die Brasilianer zogen in die Welt hinaus.

Seit der Jahrtausendwende, da wechseln jährlich Hunderte brasilianischer Fussballer ins Ausland. Aktuell wird die Zahl der Brasilianer, die nicht in der Heimat professionell Fussball spielen, auf um die 5000 geschätzt. Da geht es nicht nur um Klasse, sondern auch Kasse: Brasilianer spielen inzwischen längst nicht nur in den grossen Ligen Europas, sondern überall. Die Clubs in der Heimat kommen so über die Runden. Und einige der Besseren, die lassen sich von jenem Land, in dem sie spielen, gleich einbürgern, weil sie ihre Chancen trotz allem gering schätzen, je in der Selecao Fuss zu fassen. An dieser WM ist Spaniens Diego Costa ein Beispiel. Für Deutschland spielten schon die gebürtigen Brasilianer Kevin Kuranyi, Cacao oder auch Paulo Rink.

Der Realismus bringt Titel

Sie rufen ihn wieder. Valdao steht auf, schleppt sich schwerfällig rüber zu seinen Kollegen und stoppt dann – leicht wie eine Feder – einen hohen Ball mit der Brust, um ihn dann volley zwischen die Pfosten zu schmettern.

So hat Brasilien früher an Weltmeisterschaften gespielt und Träume genährt. Träume, die inzwischen vergessen sind. Der Zauberfussball hat keine Titel mehr gebracht, die Anpassung an einen realistischeren, weniger schnörkelvollen Stil hingegen schon.

Auf dem Rasen sind die Brasilianer noch immer stark. Aber nicht mehr die Künstler von einst. Im Sand sind sie das Nonplusultra geblieben. Auch wenn dies am Strand der Copacabana immer seltener zu sehen ist. (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.06.2014, 13:56 Uhr

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