Die Pflicht ruft

Eine Willensleistung ist gegen Honduras gefragt, wenn die Schweiz den Achtelfinal erreichen will.

Er ist überzeugt, dass sein Team in den Achtelfinal kommt: Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld.

Er ist überzeugt, dass sein Team in den Achtelfinal kommt: Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld. Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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Die Kalauer liegen für heute bereit. Applaus in Manaus. Oder: Aus in Manaus.

Eine Rechnung fürs Weiterkommen ist einfach. Die Schweiz muss gegen Honduras einen Punkt mehr machen als Ecuador gegen Frankreich. Alles andere ist komplizierter.

Der grösste Trumpf für die Schweizer, so wie sie sich in den ersten Spielen präsentiert haben, sind die Franzosen. Wenn die so auftreten, wie sie das seit dem Rückspiel der Barrage gegen die Ukraine tun, wenn sie weiterhin die Ernsthaftigkeit zeigen, die ihren Coach Didier Deschamps schon als Captain der Weltmeister von 1998 und Europa­meister von 2000 ausgezeichnet hat, wenn sie ihre Qualitäten ausspielen wie beim 5:2 gegen die Schweiz.

Wenn die Franzosen all das machen und nach 26 Treffern in den letzten sieben Spielen im Abschluss auch heute maschinengleich arbeiten, reicht der Schweiz gegen Honduras ein Bloemfontein-Resultat. Ein langweiliges 0:0 wie damals, als sie damit den Achtelfinal der WM in Südafrika verpasste.

Die lange Mängelliste

Mit drei Punkten aus zwei Spielen stehen die Schweizer eigentlich solid da, es ist keine Überraschung, dass sie gegen Ecuador gewonnen und gegen Frankreich verloren haben. Das Problem liegt in der Qualität ihrer Auftritte – von teilweise nervösen, spielerisch meistens uninspirierten Auftritten, von einem langatmigen Spiel, wie es nicht zu diesem von stürmischem Fussball geprägten Turnier passt.

Es sind Auftritte, mit denen sie ebenso für Verwirrung wie für Verärgerung sorgen. Und das tun sie, weil sie nicht das bieten, was sie versprochen haben, weil sie nicht den Eindruck machen, für die Aufgabe bereit zu sein. Da ist das Verhalten von Xherdan Shaqiri auch keine Hilfe. Auf dem Platz lamentiert er, daneben tut er das ebenso, indem er sich über Kritik schon «grausam nervt». Er reagiert, wie es zu seinem Alter von 22 Jahren passt: mit wenig Verständnis für die Realitäten.

Shaqiri ist aber nur einer von den fünf zentralen Spielern in dieser Mannschaft, die sich nicht auf dem gefragten Niveau bewegen. Diego Benaglio hat nicht die Ausstrahlung von Südafrika, das 0:1 gegen Frankreich hätte er verhindern können, das 0:2 verhindern müssen. Stephan Lichtsteiner ist im Tief, Valon Behrami auch, Gökhan Inler spielt nicht im Entferntesten so, wie ein Captain spielen sollte, und Shaqiri trifft selbst dann das Tor nicht, wenn er aus 13, 14 Metern frei zum Abschluss kommt.

So viele Problemfälle kann keine Mannschaft verkraften. Und es gibt weitere Baustellen: die Innenverteidigung, das offensive Kreativzentrum. Es liegt so vieles im Argen, dass heute, in der feuchten Hitze von Manaus, wo es auch um Mitternacht noch um die 30 Grad warm ist, nur eines hilft: «den inneren Schweinehund überwinden», wie das Shaqiri formuliert. Gefragt ist eine Willensleistung. Gefragt ist der Nachweis, dass die Spieler so gut sind, wie sie selbst glauben. «Wir müssen wieder die Schweiz sein, die wir ­waren», wünscht sich Blerim Dzemaili. Soll heissen: eine kämpferische, solidarische, zähe, gut organisierte Schweiz.

Zwei Hürden für die Schweiz

Der eine Gegner dabei heisst Honduras. Die Mittelamerikaner pflegen einen physisch robusten und fussballerisch einfachen Stil, immer wieder mit langen Bällen auf den Sturmbrocken Carlo Costly. Darauf sind von der Schweiz weniger spielerische als vielmehr körperliche Antworten gefragt.

Der zweite Gegner der Schweizer sind sie selbst. In der Aufarbeitung des 2:5 von Salvador wirkten einzelne Spieler nicht besonders selbstkritisch, sie verklärten gleich beide bisherigen zweiten Halbzeiten und sagten, die seien gut gewesen. Womit wir lernen, dass auch «gut» ein relativer Begriff sein kann. Gegen Ecuador waren die Schweizer nach der Pause bloss weniger schlecht und gegen Frankreich optisch vor allem deshalb besser, weil der Gegner ihnen mit der sicheren Führung im Rücken ein paar Freiheiten zugestand.

Verschobene Wahrnehmung bei den Spielern also? Oder Sportler-typisches positives Denken? Vermutlich liegt beides vor. Es hilft so oder so nichts, wenn die Spieler in der Arena Amazônia den Ernst der Lage verkennen. Die Pflicht ruft. Nur eine überzeugende Leistung kann verdrängen, was bisher war. Und lässt Ottmar Hitzfeld die Chance, sich auf gebührende Art in den Ruhestand zu verabschieden.

Der Trainer hat seinen 60. Einsatz mit der Schweiz. Der eine Teil seiner Bilanz ist dank 29 Siegen positiv, der andere wegen des Verpassens des WM-Achtelfinals 2010 und der EM 2012 durchwachsen. Ein erneutes Scheitern in den Gruppenspielen würde das Bild seiner Amtszeit nachhaltig prägen.

Unter Druck ist er am besten. Heisst es von Hitzfeld. Der Druck ist nun besonders gross, weil es für ihn danach kein Spiel mehr gibt, um etwas zu korrigieren. Weil seine Karriere mit einer persönlichen Niederlage enden würde.

Hitzfelds Überzeugung

Er hat gut gecoacht gegen Ecuador, als er mit Mehmedi und Seferovic den Sieg einwechselte. Er hat erfolglos gecoacht gegen Frankreich, weil seine Mannschaft grundsätzlich chancenlos war. Und heute? Er sei überzeugt, dass sie in den Achtelfinal kommen, sagt er. Damit ist er all jenen voraus, die nach den ersten 180 Minuten weit weniger optimistisch sind.

«Honduras ist ein wichtiges Spiel, wie ein WM-Final», sagt Xhaka, «du gehst nach Hause oder bist im Achtel­final.» Manchmal folgen Fussballer einer eigenen, unbeschwerten Logik. Vielleicht hilft ihnen das heute ab 16 Uhr Ortszeit in Manaus. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.06.2014, 07:24 Uhr

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