Im Morast des Abscheulichen

Krimi der Woche: Trotz Etikettenschwindel des deutschsprachigen Verlags ist «Hinter den drei Kiefern» der Kanadierin Louise Penny ein ziemlich guter Roman.

Bereits zum 13. Mal schickt Penny ihren Ermittler Armand Gamache los, um einen Kriminalfall aufzuklären.

Bereits zum 13. Mal schickt Penny ihren Ermittler Armand Gamache los, um einen Kriminalfall aufzuklären. Bild: Jean-François Bérubé

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Das Buch
Der Buchumschlag zeigt eine Indian-Summer-Idylle mit bunten Bäumen, der Buchtitel lautet «Hinter den drei Kiefern», und auf der Buchrückseite wird von «unberührter, wilder Natur» in der kanadischen Provinz Québec, von «charmantem Französisch» und «vielen sympathischen und schrulligen Bewohnern» geschwurbelt. Eine Anhäufung von allem, was mich abschreckt bei einem Krimi. Ohne den Hinweis eines Kollegen aus der Jury der deutschen Krimibestenliste, man solle sich da nicht täuschen lassen, wäre das Buch auf meinem Ramschstapel verstaubt.

«Glass Houses» heisst der Roman der Kanadierin Louise Penny im Original, «Glashäuser». Den goldenen Herbst vom Umschlag findet man in der Handlung nicht. Diese spielt zu einem Teil in einem zwar durchaus idyllischen Dorf, aber an grauen Novembertagen mit Schneeregen, zum anderen in der Hochsommerhitze in der Grossstadt Montreal. Es ist der bereits 13. Titel einer international erfolgreichen Reihe um Armand Gamache von der Sûreté du Québec; nur die ersten vier sind früher auf Deutsch erschienen.

In diesem Roman ist Gamache zuoberst auf der Karriereleiter angekommen, er ist Polizeichef von Québec. Da watet er «durch einen Morast des Abscheulichen, Gottlosen, Tragischen, Grauenvollen». Still und leise hat er den Drogenkartellen den Kampf angesagt, hat wenige getreue Beamte um sich geschart, da den meisten nicht zu trauen ist, um zum entscheidenden Schlag auszuholen: «Wenn wir die Drogen nicht mehr unter Kontrolle haben, verlieren wir die Kontrolle über alle Verbrechen.»

Ein grausiger Mord im kleinen Dorf an der Grenze zu den USA, in dem Gamache wohnt, hat offenbar mit dem Drogenkrieg zu tun. Louise Penny schildert parallel die Vorgänge im November im Dorf, den Prozess wegen dieses Mordes im Hochsommer in Montreal und die Vorbereitungen zum grossen Schlag gegen die Kartelle. Das ist harter Stoff, dramaturgisch raffiniert aufgebaut, spannend erzählt und mit psychologischer Tiefe ausgestattet. Denn um die Drogenschieber nicht vorzeitig zu warnen, müssen Gamache und seine Getreuen grosse Lieferungen durchgehen lassen, die tödliche Wirkungen haben. Sie müssen lügen und tricksen, und Gamache setzt mit einem Meineid nicht nur seine Karriere aufs Spiel.

Unnötig und deshalb besonders ärgerlich ist der Kniff der Autorin, während mehrerer Tage Prozessverlauf nie zu sagen, wer auf der Anklagebank sitzt – die daraus resultierende Pseudospannung braucht es nicht. Ebenso wenig braucht es die – in Québec spricht man bekanntlich Französisch – penetrant eingestreuten französischen Worte von so grosser Bedeutung wie «Oui» und «Non» in den Dialogen. Doch selbst solche nervende Details können nichts daran ändern, dass «Hinter den drei Kiefern» ein ziemlich guter Kriminalroman ist.

Die Wertung

Die Autorin
Louise Penny, geboren 1958 in Toronto, studierte angewandte Kunst für Radio und Television an der Ryerson University in Toronto. Sie arbeitete während 18 Jahren als Radiojournalistin bei der Canadian Broadcasting Corporation (CBC) in verschiedenen Städten Kanadas, zuletzt in Montreal. 2005 erschien ihr erster Kriminalroman «Still Life» (Deutsch: «Denn alle tragen Schuld», Limes, 2006) zunächst in England, da sich im kanadisch-amerikanischen Raum kein Verlag dafür erwärmen mochte. Inzwischen ist die Serie um Armand Gamache von der Sûreté du Québec international erfolgreich. Die ersten vier Bände sind von 2006 bis 2011 auf Deutsch erschienen (bei Limes und Blanvalet). Der jetzt vom neuen Kampa-Verlag auf Deutsch präsentierte Titel «Hinter den drei Kiefern» (Original: «Glass Houses», 2017) ist bereits der 13. Gamache-Roman; in Kanada und in den USA erscheint Ende November bereits der nächste Titel, «Kingdom of the Blind». Louise Penny lebt im Dorf Sutton, das gut 100 Kilometer südöstlich von Montreal an der Grenze zu den USA liegt. Ihr Mann Michael Whitehead, früherer Chefarzt für Hämatologie am Montreal Children’s Hospital, ist 2016 im Alter von 82 Jahren gestorben.

Louise Penny: «Hinter den drei Kiefern» (Original: «Glass Houses», Minotaur Books/St. Martin’s Press, New York 2017). Aus dem Englischen von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck. Kampa, Zürich 2018. 496 S., ca. 23 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.10.2018, 11:53 Uhr

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