Hintergrund

Der Jihad 3G und sein Vater

Die Gewalt islamistischer Einzeltäter wie kürzlich in Boston oder 2012 in Toulouse geht auf Abu Musab al-Suri zurück – der Syrer gilt als Chefideologe und Vordenker des neuen, dezentralen Terrorismus.

Kopfgeld: 2004 bot die US-Regierung fünf Millionen Dollar für die Auffindung von al-Suri und publizierte diese Aufnahme.

Kopfgeld: 2004 bot die US-Regierung fünf Millionen Dollar für die Auffindung von al-Suri und publizierte diese Aufnahme. Bild: Keystone

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Abu Musab al-Suri ist, der Name sagt es, Syrer. Geboren 1958 in Aleppo. Mit seinem rötlichen Bart, den blauen Augen, der hellen Haut könnte er aber auch ein irischer Lehrer sein. Er besitzt einen europäischen Pass; 1985 kam er nach Spanien und heiratete eine Einheimische. In England hat er ebenfalls eine Zeit lang gelebt.

Das sind gute Voraussetzungen für einen global tätigen Terroristen. Suri, der einst die Treffen von Al-Qaida-Führer Osama Bin Laden mit westlichen Journalisten organisierte, ist der Chefideologe der radikalislamischen Gewalt in der unmittelbaren Gegenwart. Jetzt. In Boston zum Beispiel. Den «gefährlichsten Terroristen, von dem Sie noch nie gehört haben»: So nannte ihn der US-Nachrichtensender CNN.

Al-Suris Theorie ist zusammengefasst im Begriff «Jihad 3G», Jihad der dritten Generation. Die erste Generation: Das ist der Widerstand der Achtzigerjahre-Mujahedin in Afghanistan gegen die Russen. Die zweite Generation: Das sind al-Qaida und 9/11. Die dritte Generation erlebte man eben am Boston Marathon, wo die Gebrüder Tsarnaev selbst gebastelte Kochtopfbomben deponierten.

Al-Suris 1500-Seiten-Schrift «Aufruf zum weltweiten islamischen Widerstand» begründet und lehrt diese Art Gewalt bis ins Detail. Sie fordert Terror von Einzeltätern. Dezentralen Terror überall auf der Welt. Terror von Einheimischen, die ihre eigene Zelle kreieren.

Viele islamistische Gewaltakte der letzten Jahre waren nur scheinbar isolierte, sprunghafte, «irre» Handlungen. In Wahrheit sind es Punkte, die logisch verknüpft sind. Al-Suris Lehre ist die Linie, die sie verbindet. Vier dieser Zwischenfälle:



Boston
Die Tsarnaev-Brüder, gebürtige Tschetschenen, sind typische Einwandererkinder. Die Eltern schuften, die Söhne sollen es besser haben, halten dem Druck aber nicht stand. Tamerlan, der dominante ältere Bruder, scheitert am College und bringt auch keine richtige Boxkarriere zustande – ein Verlierer, der sich in seiner Männlichkeit kompromittiert fühlt. Mit dem jüngeren Bruder schlägt er zu im Bestreben, als Terrorist berühmt zu werden. Laut dem französischen Orientalistikprofessor Gilles Kepel drücken die beiden «mit dem Gewaltexzess ihre Zugehörigkeit zu einer imaginären Cybercommunity von Jihadisten» aus.

Toulouse
Mohamed Merah hat eine zwischen Algerien und Frankreich zerrissene Familie. Im März vor einem Jahr fährt er mit einem schwarzen Motorroller los, auf dem Kopf einen Helm mit verdunkeltem Visier. Er erschiesst zuerst einen Fallschirmjäger, der aus einer Sporthalle kommt. Tage später zwei Soldaten an einem Geldautomaten. Und wieder Tage später in einer jüdischen Schule in Toulouse einen jungen Rabbiner, dessen zwei kleine Kinder und die achtjährige Tochter des Schuldirektors.

Fort Hood
2009 kommt es in der texanischen Militärbasis zu einer Amoktat. Militärpsychologe Nidal Malik Hasan betritt ein Grossraumbüro, springt mit dem Ruf «Allahu Akbar» auf einen Tisch und beginnt zu schiessen. 13 Leute sterben, 42 werden verletzt. Zuvor hat sich der Major die Radikalpredigten von Imam Anwar al-Awlaki angehört, Anhänger und Gesinnungsgefährte al-Suris.

London
Roshonara Choudhry, eine Britin mit Wurzeln in Bangladesh, stürzt sich 2010 in London auf den prominenten britischen Parlamentarier Stephen Timms. Die 21-Jährige tut so, als wolle sie dem Politiker die Hand schütteln, sticht ihn mit einem Messer zweimal in den Unterleib. Timms überlebt seine schweren Verletzungen. Choudhry begründet die Attacke mit dem Militäreinsatz der Briten in Irak: «Ich bin Muslim, und alle Muslime sind Brüder und Schwestern.»



US-Präsident Barack Obama sprach nach Boston düster von «selbst radikalisierten Individuen, die schon in den Vereinigten Staaten sind». Die «New York Times» merkte an: «Offizielle Stellen sind besorgt, dass es Nachahmer geben könnte.» Die Vorlage geliefert hat al-Suri, sind sich die Experten einig. Im erwähnten Werk, das 2005 im Internet auftauchte, schrieb er: «Unsere Methode sollte darin bestehen, den Muslim, der am Widerstand teilnehmen will, dazu anzuleiten, dass er dort operiert, wo er ist oder wo er auf natürliche Weise sein kann. Wir sollten ihm raten, sein Alltagsleben auf natürliche Weise fortzuführen und den Jihad und Widerstand verdeckt und allein zu betreiben, oder mit einer kleinen Gruppe vertrauenswürdiger Leute.»

Der «Bieler Gotteskrieger» Majd N., 19-jährig, der aus dem Kanton Bern nach Somalia in den Jihad zog, dabei aber kläglich scheiterte: ein Auslaufmodell. Wer in eine Konfliktzone reist, die von Geheimdiensten observiert wird, der hinterlässt potenziell Spuren. Und die Wirkung, die er zeitigt, ist im Normalfall klein. Oft stirbt er an irgendeiner Front, ohne viel bewirkt zu haben.

Der neue Terrorist informiert und schult
sich per Internet.

Ganz anders, wenn er zu Hause aktiv wird. Darauf wies soeben in «Le Monde» Orientalist Kepel hin, weltweit wohl der beste Kenner des islamistischen Terrors. Über die Gebrüder Tsarnaev und über Mohamed Merah schrieb er, frappant sei «die enorme Rendite der terroristischen Investition, das Echo, das unvergleichbar ist mit den armseligen Mitteln, mit denen da zu Werk gegangen wurde». Mehr als eine Million Menschen waren in Boston zu Immobilität und Hausarrest verurteilt, derweil ein Riesenaufgebot von Polizisten auf Terroristenjagd ging. Die Tsarnaevs hatten ihre Bombe aus Allerweltsmaterialien gebaut: Dampfkochtöpfe, Nägel, Schiesspulver aus Feuerwerkskörpern und Spielzeug-Fernbedienungen. Kepel nennt es den «Jihad des armen Mannes».

Al-Suri, der Mann, der ihn propagiert, trat 1976 als 18-Jähriger dem paramilitärischen Zweig der syrischen Muslimbrüder bei. Sechs Jahre später kam es zur offenen Konfrontation mit der Assad-Diktatur. Diese gewann. Panzer und Flugzeuge zerstörten Hama, Hochburg der Muslimbrüder. Zwischen 10 000 und 40 000 Menschen starben.

Al-Suri floh. Von Spanien und später England aus arbeitete er als Berufsagitator für alle möglichen Jihad-Kräfte. Aus seiner Sicht ist der Islam die einzig mögliche Lebensform, wohingegen die westliche Zivilisation und das Judentum mit allen Mitteln zu bekämpfen sind. 1996 ging er wieder nach Afghanistan, das nun von den Taliban dominiert wurde, stiess ins Innerste von al-Qaida vor. Nun war er endgültig Berufsterrorist.

Al-Suri kritisiert Bin Laden

Als am 11. September 2001 in New York die Zwillingstürme des World Trade Center stürzten, frohlockte die al-Qaida. Al-Suri sah im Triumph den Untergang. Tatsächlich schlugen die Amerikaner zurück. Sie zerschmetterten die Taliban-Dominanz in Afghanistan. Al-Qaida-Kader und -kämpfer, ihrer Heimbasis beraubt, flohen oder starben. Militärische Spezialkommandos, verbesserte Geheimdienstarbeit, Drohnenschläge dezimierten die Führungsriege weiter. 2006 kam Abu Musab al-Zarqawi ums Leben, der umstrittene Al-Qaida-Führer im Irak. 2011 starb Osama Bin Laden selber, die Amerikaner hatten ihren Hauptfeind in Pakistan aufgespürt.

All das belegt die Diagnose al-Suris: Der heutige Jihadist hat keine Chance gegen westliche Armeen und Militärtechnologie. Die zentralisierte, die hierarchische Terrororganisation, die sich unter dem Schutz eines obskuren Regimes irgendwo einnistet, ist nie sicher – irgendwann schlägt die Cruise Missile ein. Als Osama Bin Laden noch lebte, schrieb ihm al-Suri: «Wir sitzen auf einem Schiff, das du aufgrund deiner Irrtümer verbrennst.»

Al-Suris Motto auf Arabisch: «Nizam la Tanzim.» Zu Deutsch: System statt Organisation. «System» im Sinn von: eine Idee, eine Blaupause, anwendbar und übertragbar auf jeden Ort der Erde.

Der neue Soldat gemäss al-Suri legt seine Einstellung nicht offen. Er schult und inspiriert sich per Internet; etwa im englischsprachigen Al-Qaida-Magazin «Inspire», das regelmässig Al-Suri-Aufsätze publiziert. Er schlägt zu, wo er lebt. Und er finanziert die Tat selber, womit das Problem entfällt, dass internationale Geldtransaktionen aufspürbar sind. Al-Suris Vision ist – siehe Boston – die einer Serie verhältnismässig kleiner Schrecknisse mit hohem Symbolwert.

Wutanfälle in der Moschee

Polizeibehörden und Geheimdienste haben das System hinter dem «Jihad al-Fardi», dem individuellen Jihad, mittlerweile erkannt. Samt der eigenen Hilflosigkeit. Die 3G-Terroristen schicken keine Mails durch die Welt, die von Geheimdiensten gelesen werden können. Sie suchen in der Regel auch keine ausländischen Trainingsplätze auf. Boston-Bomber Tamerlan Tsarnaev begab sich zwar zwischenzeitlich in die alte Heimat, doch ist noch unklar, wie «politisch» der Besuch war; eine Befragung durch den FBI überstand er.

Vor der Tat fiel der ältere Tsarnaev einzig durch zwei Wutanfälle in seiner Moschee auf, als Prediger über das Thanksgiving-Fest und Martin Luther King sprachen. Es hätte bei den Gemeindeführern ein extremes Feinsensorium in Kombination mit enorm viel Vertrauen in die Behörden gebraucht, dass sie deswegen zum FBI gegangen wären, befand die «New York Times».

Al-Suri will relativ
kleine Attacken mit
hohem Symbolwert.

Einzeltäter hätten immer wieder den Verlauf der arabischen Geschichte geändert, schreibt al-Suri. So habe die Ermordung des napoleonischen Generals Jean-Baptiste Kléber 1800 durch einen Muslim dazu geführt, dass die Franzosen ein Jahr später aus Ägypten abzogen. Al-Suris zynische Vision ist es, dass der Terror Gegengewalt auslöst, dass aufgebrachte Bürger Moscheen anzünden oder Muslime lynchen. Ziel ist es, die schweigende Mehrheit des Islams zum Jihad zu mobilisieren. Nur so könne es zum Endkampf kommen, der die westliche Zivilisation auf ihrem eigenen Terrain vernichtet.

Al-Suri wurde 2005 in Pakistan gefangen genommen. Zuvor hatten die Amerikaner ein Kopfgeld von fünf Millionen Dollar auf ihn ausgesetzt. Pakistan übergab ihn der CIA, die ihn später den Syrern überliess. Die Syrer kerkerten ihn ein, sollen ihn aber einigermassen pfleglich behandelt haben. Die letzte Meldung zum Vater des Jihad 3G ist mehr als ein Jahr alt: Al-Suri soll freigelassen worden sein. Syriens angeschlagenes Assad-Regime habe so den Amerikanern vor Augen führen wollen, was passiert, wenn die Assads islamistischen Terror nicht mehr zügeln. Abu Musab al-Suri ist seither verschwunden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.05.2013, 10:30 Uhr

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