Drahtzieher hinter Attentat auf Velofahrer kriegt lebenslänglich

Tadschikistan hat den Verantwortlichen für das tödliche Attentat auf westliche Velofahrer verurteilt. Auch ein Schweizer war unter den Opfern.

Lebenslänglich: Die Reaktion des Anwalts und der Mutter des Drahtziehers Hussein A. (21. November 2018) Video: AFP

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Es ist die schlimmste Attacke auf Ausländer, die Zentralasien je erlebt hat: Ende Juli wurden in Tadschikistan ein Schweizer, ein Holländer und zwei Amerikaner getötet. Die Angreifer hatten die Velofahrer zuerst mit einem Auto angefahren, dann gingen sie mit Messern und einer Axt auf sie los. Die Täter bekannten sich in einem später von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) veröffentlichten Video zu der Tat.

Vier der fünf Männer wurden bei der folgenden Verhaftungsaktion erschossen. Der Anführer der Gruppe, der 33-jährige Hussein A., ist nun wegen «besonders gewalttätigem Mord» zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Der Prozess fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Gemäss Augenzeugen sagte der Hauptangeklagte, er sei von einem aus Russland stammenden tadschikischen Geistlichen angeworben worden, dem 45-jährigen Qori Nosir. Dieser hatte die Aktion gegen Ausländer, die möglichst grosse internationale Aufmerksamkeit erregen sollte, offenbar per Whatsapp abgesegnet. Hussein A. erklärte, er habe vier Verwandte und Freunde für den Überfall angeworben, die in Russland arbeiteten. Der Anführer war den Behörden bekannt, wurde aber als «nicht besonders gefährlich» eingestuft.

Verwandte verhaftet und entlassen

Obwohl er der einzige Überlebende war, stand Hussein A. nicht allein vor Gericht. Insgesamt wurden 15 Personen verurteilt, die meisten von ihnen offenbar Verwandte oder Freunde der Attentäter. Zwei wurden wegen Zugehörigkeit zu einer extremistischen Gruppe zu 16 Jahren Haft verurteilt. Die anderen wurden beschuldigt, die Attentatspläne nicht an die Behörden gemeldet zu haben; sie bekamen Strafen bis zu 18 Monate.

Der Anschlag auf die Velofahrer geschah südlich der Hauptstadt Duschanbe. (Archiv) Bild: Keystone

Ihre Angehörigen beklagen, dass die Polizei sie faktisch in Sippenhaft genommen habe. Eine der Mütter erklärt gegenüber Radio Free Europe, ihr Sohn sitze nur im Gefängnis, weil er der Cousin eines Attentäters sei. Denn er habe nichts gewusst über die Attentatspläne. Zudem haben mehrere Angehörige der Täter ihre Arbeitsstellen verloren, andere müssen sich regelmässig bei speziellen Antiextremismusstellen melden oder werden von der Polizei schikaniert.

Die Heimatstadt der Attentäter liegt in einem der ärmsten Gebiete Tadschikistans und war den Behörden schon vor dem Attentat bekannt: Von hier allein sollen rund 30 Einwohner für den IS in den Krieg gezogen sein. Die Behörden haben die Eltern nun in die Pflicht genommen, ihre Kinder zu beaufsichtigen – auch «Kinder», die zwischen 20 und 30 Jahre alt sind. Verdächtiges Verhalten sollen sie dabei umgehend den Behörden melden.

Tadschikischer IS-Kriegsminister

Allerdings arbeiten viele junge Tadschiken in Russland, auf rund eine Million wird ihre Zahl geschätzt. Unter diesen Entwurzelten haben die Extremisten offenbar besonders leichtes Spiel: Keine ausländische Volksgruppe ist im IS so stark vertreten wie die Tadschiken. Sie stellen die meisten ausländischen Selbstmordattentäter, und auch in den hohen Kadern der Terrormiliz spielten die Tadschiken eine wichtige Rolle. Einer von ihnen war Gulmurod Chalimow, den das russische Militär als «Kriegsminister des IS» bezeichnete. Laut offiziellen Angaben halten sich noch immer rund 1900 tadschikische Kämpfer in Syrien und im Irak auf. Ein Teil ist aber offenbar nach Afghanistan weitergezogen.

Keine ausländische Volksgruppe ist im IS so stark vertreten wie die Tadschiken. Die Regierung geht deshalb scharf gegen muslimische Gläubige vor. Foto: Reuters

Doch das Regime des Autokraten Emomali Rahmon hält weiterhin daran fest, dass nicht der IS hinter dem Mord an den Velofahrern steckt, sondern die Islamische Partei der Wiedergeburt Tadschikistans. Sowohl Hussein A. als auch der Geistliche Qori Nosir seien langjährige Mitglieder der Partei gewesen, hiess es beim Prozess. Die Partei hatte im Bürgerkrieg eine zentrale Rolle gespielt, der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ausbrach und bis zu 100'000 Menschen das Leben kostete. Im Friedensvertrag von 1997 wurde ihr eine Regierungsbeteiligung garantiert. Doch Rahmon, seit Kriegsbeginn 1992 an der Macht, hat die Partei ausgebootet. 2015 wurde sie zur terroristischen Organisation erklärt und verboten.

Gegen lange Bärte und Kopftücher

Es gebe nach wie vor keinerlei Belege dafür, dass die Islamische Partei der Wiedergeburt an dem Anschlag vom Sommer beteiligt war, betonen Experten. Das Regime missbrauche den Vorfall vielmehr dazu, Sicherheitsmassnahmen weiter auszubauen und gegen alles Religiöse vorzugehen – seien es lange Bärte oder Kopftücher. Die Moscheen im Land mussten sich alle neu registrieren lassen, über 1500 Gotteshäuser wurden danach geschlossen. Minderjährige, die in dem Land als religiöser gelten als ihre Eltern, dürfen nicht in die Moschee und auch nicht an religiösen Veranstaltungen teilnehmen.

Der Staat installiere Videokameras in den Moscheen, gebe den Inhalt des Freitagsgebets vor und zertifiziere die Prediger, schreibt der tadschikische Historiker Musaffar Olimow in einem Aufsatz. Deshalb vertiefe sich die Kluft zwischen Gesellschaft und Staat immer weiter. «In diesem angstbesetzten sozialen Klima sind junge Muslime der Propaganda radikaler Islamisten im globalen Internet schutzlos ausgeliefert.» (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.12.2018, 19:11 Uhr

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