Russland spielt mit Muskeln, die es nicht hat

Den Georgien-Krieg hat die russische Armee gewonnen. Gegen einen stärkeren Gegner hätte sie kaum Chancen, sagen Experten. Nun plant der Kreml eine kolossale Aufrüstung.

Der russische Präsident Dmitri Medwedew besucht den Marine-Stützpunkt Severomorsk.

Der russische Präsident Dmitri Medwedew besucht den Marine-Stützpunkt Severomorsk. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dieser Sieg tut gut, sehr gut. Das Moskauer Museum der russischen Streitkräfte hat dem Fünf-Tage-Krieg gegen Georgien eigens eine Ausstellung gewidmet. In den Vitrinen liegen haufenweise Trophäen, welche die siegreiche russische Armee den Georgiern abgenommen hat: amerikanische Sturmgewehre, Nato-Schlafsäcke, türkisches Fladenbrot in Armeeverpackung. Hier materialisiert sich, was die staatlichen Fernsehkanäle seit gut zwei Monaten in die Köpfe der Russen hämmern: Der Westen hat Georgien aufgerüstet – aber unsere Armee hat gesiegt!

«Russland hat nur zwei Verbündete – seine Armee und seine Flotte.» Das Bonmot von Zar Alexander III. (1881–1894) ist heute wieder aktuell. Um dies zu unterstreichen, veranstaltet der Kreml bereits im vergangenen Mai eine waffenstarrende Militärparade. Interkontinentalraketen, Panzer und Paradeuniformen auf dem Roten Platz – so etwas gab es seit Sowjetzeiten nicht mehr.

Waffen veraltet

Auch sonst setzt man in Moskau gerne auf Muskelspiele nach alter Schule. Es vergeht kaum eine Woche ohne Grossmanöver. Im Oktober schossen russische Bomber übungshalber Marschflugkörper ab, zum ersten Mal seit 1984. Anfang November sollen russische Kriegsschiffe im Hinterhof der USA aufkreuzen: Geplant sind gemeinsame Seemanöver mit der Flotte Venezuelas.

Viel von dem militärischen Aktivismus ist Show. «Eine der wichtigsten Thesen der staatlichen Propaganda lautet, Russland habe sich von den Knien erhoben», sagt Militärexperte Alexander Goltz. Die demonstrierte Stärke der Armee dient dazu gleichsam als Beweis.

Wie steht es aber wirklich um die Kampfkraft der russischen Streitkräfte? Nicht allzu gut, sagt eine Studie des Instituts für nationale Strategie. Demnach ist die Modernisierung des Waffenarsenals beinahe zum Stillstand gekommen. Gerade mal zwei neue Kampfjets und ein Bomber wurden in den Jahren 2000–2007 geliefert. Selbst in den krisengeschüttelten 90er-Jahren waren es mehr gewesen. Auch Panzer, ballistische Raketen und Luftabwehrkanonen kauft die Armee nur in relativ geringer Stückzahl.

Sorgen macht Experten zudem das technische Niveau der Ausrüstung. Selbst die Georgier waren besser bestückt gewesen: Sie hatten unbemannte Aufklärungsdrohnen und Satellitennavigation in ihren Panzern. Von solcher Hochtechnologie kann Moskaus Truppe bisher nur träumen. Auch die Luftüberlegenheit der Russen war zunächst nicht eindeutig: Wegen veralteter Bombenlenktechnik müssen russische Jets sehr nah an ein Ziel heran, um es zu treffen. Das machte sie verwundbar für die modernisierte georgische Flugabwehr.

Letztlich siegten die Russen dennoch, weil der georgische Präsident Michail Saakaschwili seine Mini-Armee abzog, bevor es zum Kampf kam. Die 30'000 Georgier wären von der personellen Übermacht Russlands früher oder später ohnehin aufgerieben worden. Dennoch bleibt es dabei: «Die grösste Gefahr für Russlands Sicherheit ist seine technologische Rückständigkeit», bilanziert Rüstungsexperte Michail Rastopschin. Kollege Goltz doppelt nach: Russland würde gegen jeden Gegner verlieren, der auch nur ein bisschen grösser ist als Georgien.

Der Kreml hat dies offenbar erkannt und arbeitet an einer umfassenden Armeereform. Das Projekt ist geheim, Präsident Dmitri Medwedew hat aber ein paar Eckpunkte verraten. «Wir brauchen eine Armee mit allermodernsten Waffen», sagte er kürzlich. Bis 2020 soll das Land neue Atomsprengköpfe, Kampfschiffe, Atom-U-Boote und eine satellitengestützte Luftabwehr erhalten. Das Verteidigungsbudget wächst kräftig: allein im kommenden Jahr um ein Viertel auf 53 Milliarden Dollar.

Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow kündigte zudem eine Umkrempelung der Armeestruktur an. Die Zahl der Soldaten soll in den nächsten vier Jahren von 1,134 Millionen auf eine Million reduziert werden. Beschnitten werden soll insbesondere das Offizierkorps: von derzeit 330'000 Offizieren auf weniger als die Hälfte. Im Visier ist auch der aufgeblähte Generalstab. Jeder zweite General müsse, heisst es in Moskau, demnächst den Hut nehmen.

Diese Strukturreform halten Beobachter für einen Schritt in die richtige Richtung. Sie fordern längst eine Verkleinerung und Professionalisierung der Truppe. Für Alexander Goltz ist das derzeitige Konzept der Massenarmee vollkommen veraltet. «Man nimmt sechs bis sieben Millionen Männer, gibt ihnen eine primitive Ausbildung und schickt sie an die Front. Ein Soldat lebt dabei eine Schlacht lang, dann kommt der nächste dran», fasst Goltz zusammen. So habe die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg gesiegt.

Dem Land fehlen die Söhne

Heute fehlen dem Land für eine solche Strategie die Söhne. Nicht nur der demografische Schwächeanfall von Mütterchen Russland ist dafür verantwortlich. Viele junge Männer versuchen mit allen Mitteln, sich vor dem Militärdienst zu drücken. Hauptgrund ist die immer noch grassierende Gewalt in der Truppe, die sogenannte Dedowschina, die «Väterchenherrschaft»: Rekruten müssen ihren älteren Kollegen bedingungslos gehorchen, sonst setzt es Schläge ab. Nach Schätzung der Soldatenmütter, einer unabhängigen NGO, sterben jedes Jahr 2000 russische Soldaten, weil sie von Kameraden zu Tode geprügelt werden oder sich umbringen.

Ob die jetzt angeschobene Reform eine Wende zum Besseren bringt, muss sich erst noch weisen. Bereits Ex-Präsident Wladimir Putin hatte versucht, eine fast 150'000 Mann starke Elitetruppe aus Profisoldaten zu formen. Doch das Projekt ist weitgehend gescheitert, weil die Generäle es sabotierten und sich zu wenige junge Männer freiwillig meldeten.

Die russische Volksseele hat sich ihre Meinung von den eigenen Streitkräften ohnehin schon gemacht. Sie kommt in einem alten Sprichwort zum Ausdruck, das lautet: «Unsere Armee ist nie so stark, wie sie sich selbst darstellt, aber auch nie so schwach, wie sie von aussen erscheint.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.10.2008, 00:08 Uhr

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Blogs

Mamablog Die Angst vor dem dritten Kind

Von Kopf bis Fuss Eiweiss ist kein Wundermittel

BaZ Auktion

Auf zur Schnäpplijagd! Traumreisen und mehr bis zu 50% günstiger. Mitbieten vom 25.11. bis 5.12.17.

Die Welt in Bildern

Hauslieferung: Der Weihnachtsbaum wird direkt zur First Lady Melania Trump und ihrem Sohn Barron Trump ins Weisse Haus geliefert. (20.November 2017)
(Bild: Carlos Barria) Mehr...