Wir schaffen das, oder?

Angela Merkel schafft es, der deutschen Zivilbevölkerung eine Million Flüchtlinge aufzubürden, ohne auch nur einen einzigen zusätzlichen Cent für systemische Lösungen auszugeben.

Stämpfli über Merkel: «Sie radelt nicht an Flüchtlingsheimen vorbei und überlegt sich, ob sie statt den Shorts vielleicht doch nicht besser die lange Hose anziehen soll.»

Stämpfli über Merkel: «Sie radelt nicht an Flüchtlingsheimen vorbei und überlegt sich, ob sie statt den Shorts vielleicht doch nicht besser die lange Hose anziehen soll.» Bild: Keystone

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Angela Merkel regiert im Urlaub wie normal: mit sinnentleerten Worthülsen. Nur ­letztes Jahr war es ein einziges Mal anders: Da sprach sie, für ihre Verhältnisse erstaunlich deutlich artikuliert, den Satz: «Wir schaffen das.»

Was sie damit meinte, wird erst ein Jahr später brutal klar. Sie schafft es, die Ermächtigungsgesetze Erdogans zu ignorieren, ohne dass sie von Medien, Regierungskollegen und Wählern diesbezüglich belästigt wird. Sie steckt den Finanzcoup gegen Griechenland locker weg und verhindert damit gleichzeitig die Wahl von ­Podemos in Spanien. Sie schafft es, Julian Assange aus den Schlagzeilen zu drücken und in London fast verrecken zu lassen (sie hätte ihren britischen Kollegen schon längst ermahnen ­müssen). Sie redet über diesen politisch Gefangenen ebenso wenig wie über Edward Snowden, den sie praktischerweise als «causa Putin» medial ­entsorgen kann.

Waffenexport zu vervielfacht

Sie schafft es, die deutsche Staatsanwaltschaft gegen den Satiriker Jan Böhmermann zu ­ermächtigen, und lässt den Drohungen Erdogans gegen Böhmermann freien Lauf. Sie schafft es auch, die Briten aus der EU zu drängen – die EZB in Frankfurt dankt es ihr schon. Sie schafft es, zur ­Abschaffung der Demokratie in Polen kein Wort zu verlieren. Sie feiert während der grössten ­sozialen Unruhen in Frankreich fröhlich die EM. Sie schaffte es, ohne sich selber die Hände schmutzig zu machen, den deutschen Waffenexport zu vervielfachen (der dicke Gabriel ist dafür zuständig). Sie schafft es, der deutschen Zivilbevölkerung eine Million Flüchtlinge aufzubürden, ohne auch nur einen einzigen zusätzlichen Cent für systemische Lösungen, schnellere Verfahren, Ausbildung oder sinnvolle Arbeiten auszugeben.

Sie schafft es, die Willkommenskultur in Deutschland derart auszubeuten, dass viele ehrenamtliche Helferinnen und Helfer nach Monaten Kampf mit Bürokratie, alleingelassen und ermattet, aufgeben. Sie schafft es, die Staatsmedien und die ­privaten Medien auf einen Terrordiskurs einzuschwören, der nur Angst macht, nichts erklärt, nichts bewegt, ­sondern im Wesentlichen dazu dient, die Zeit bis zur nächsten Merkel-Wahl zu überbrücken. «Wir schaffen das» – klar doch, oder?

Shorts oder lange Hose?

Die Bundeskanzlerin benützt nie die S-Bahn. Oder geht an ein Rockkonzert. Hängt beim ­McDonald’s rum. Sitzt in der Deutschen Bahn. ­Flaniert schutzlos auf der Promenade in Nizza. Sie hat keine Kinder an öffentlichen Schulen. Sie radelt auch nicht an Flüchtlingsheimen vorbei und überlegt sich, ob sie statt den Shorts vielleicht doch nicht besser die lange Hose anziehen soll. Sie geht nie mit einem zwölfjährigen Mädchen ins Michaelibad, um sie vor allfälligem «Anschwimmen» zu schützen. Sie stört es nicht, wenn ­eine Erdogan-Anhängerin – unter dem Applaus deutscher Medien – erste Richterin mit Kopftuch werden soll. Die Bundeskanzlerin hört nie Sprüche von Nachbarn, die nüchtern meinen: «Als unverschleierte Frau bist du halt anderen Blicken ausgesetzt.» Angela Merkel hat das ­Joggen im Freien aufgrund des mühsam gewordenen Wohnquartiers auch nie für einen öden Hometrainer aufgeben müssen.

«Wir» schaffen es aber trotzdem. Und wie! Die Frage ist aber doch: «Schaffen Sie eigentlich auch was, Frau Bundeskanzlerin? Beispielsweise für ‹uns› oder die Demokratie?»

(Anmerkung: Diese Kolumne kann Elemente frustrierter Satire ­aufweisen. Bei allfälligen Nebenwirkungen konsultieren Sie bitte die EMRK oder «Das Zeitalter der Extreme» von Eric Hobsbawm).

Regula Stämpfli ist regelmässige Kolumnistin der Basler Zeitung. Hier kann das ePaper der BaZ abonniert werden. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.07.2016, 17:12 Uhr

Regula Stämpfli, Kolumnistin.

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