Demonstranten stürmen Rathaus von St. Louis

In St. Louis haben Demonstranten den verhinderten Prozess gegen den Polizisten nachgestellt, der Michael Brown erschossen hat. Daraufhin drangen Aktivisten ins Rathaus der Stadt ein.

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Bei Protesten gegen die Entscheidung der Geschworenen im Fall des erschossenen schwarzen Jugendlichen Michael Brown haben Demonstranten das Rathaus der Stadt St. Louis gestürmt. Ein Teil der Aktivisten gelangte in das Gebäude und skandierte dabei «Schande, Schande». Polizisten und Nationalgardisten drängten die Menge jedoch zurück. Mindestens zwei Personen seien bei der Aktion festgenommen worden, teilte die Polizei mit.

Die Demonstranten hatten zunächst einen Prozess für Darren Wilson nachgestellt, jenen weissen Polizisten, der Brown im August in Ferguson erschossen hatte. Anschliessend stürmte die Menge das Rathaus. Mehr als 100 zusätzliche Polizisten wurden herbeigerufen. Sie riegelten das Gebäude ab.

58 Personen verhaftet

Insgesamt wurden in und um St. Louis seit Dienstagabend 58 Personen festgenommen, allein 45 im Vorort Ferguson, wo es im August zu den tödlichen Schüssen gekommen war. Eine Geschworenenjury hatte am Montag entschieden, dass Wilson dafür nicht angeklagt werden soll.

Der Verzicht auf Anklage hat im ganzen Land Proteste ausgelöst. Tausende Menschen gingen in der Nacht zum zweiten Mal in Folge auf die Strassen, um ihren Unmut kundzutun.

Browns Mutter betet mit anderen Eltern

Die Eltern des erschossenen US-Teenagers Michael Brown haben gemeinsam mit den Familien von zwei weiteren von der Polizei erschossenen Schwarzen für Gerechtigkeit gebetet. Browns Mutter Lesley McSpadden und ihr Ehemann – der Stiefvater des 18-Jährigen – versammelten sich am Mittwoch in New York City mit dem US-Bürgerrechtler Al Sharpton und Angehörigen der beiden Dunkelhäutigen Eric Garner und Akai Gurley, die wie Brown unbewaffnet gewesen sein sollen und von Polizeibeamten getötet wurden. Ihr Gebet verrichteten die Angehörigen im Hauptquartier von Sharptons Organisation in Harlem.

Browns Mutter Lesley McSpadden sagte dem Fernsehsender NBC, sie mache seit der Verkündung der Geschworenenentscheidung eine «schlaflose, harte, herzzerreissende und unglaubliche» Zeit durch. Sie hatte im Zuge der teils gewalttätigen Demonstrationen nach der umstrittenen Geschworenenentscheidung zu friedlichen Protesten aufgerufen. Die Grand Jury hatte am Montag entschieden, den verantwortlichen Polizisten nach seinen Todesschüssen auf Brown nicht anzuklagen.

(Video: Reuters)

Am Mittwoch wurde die Leiche eines 20-jährigen Mannes gefunden. Sie befand sich in einem Auto, das während des Beginns der Aufstände in Ferguson am Montagabend absichtlich angezündet wurde. Die Behörden ermitteln nun wegen Mordes, wollten aber nicht bestätigen, ob der Todesfall in Zusammenhang mit den Unruhen steht. Eine Obduktion fand heraus, dass dem 20-Jährigen einmal in den Kopf geschossen wurde.

Scharfe Kritik

Viele Demonstrationen von New York bis Kalifornien machten unterdessen deutlich, dass der Fall Michael Brown nicht nur ein örtliches Problem sei, sondern Ausdruck eines auch gut ein halbes Jahrhundert nach der Bürgerrechtsbewegung in den USA zu beobachtenden grundsätzlichen Konflikts.

Die Anwälte der Familie des am 9. August erschossenen Brown verschärften ihre Kritik an dem leitenden Staatsanwalt Bob McCulloch. Dieser habe die zwölf Geschworenen der Anklagekammer – neun Weisse und drei Schwarze – durch die Art der Präsentation des Beweismaterials beeinflusst. «Die Entscheidung der Grand Jury war nach unserem Eindruck eine Reflektion der Meinung derer, die die Beweise präsentierten», sagte Anwalt Anthony Gray auf einer Pressekonferenz. So sei beispielsweise fragwürdig, warum Zeugen aufgerufen worden seien, die den Zwischenfall mit den Schüssen auf den 18-jährigen gar nicht gesehen hätten.

«Beispiel für die Schwäche des Grand-Jury-Systems»

Auch McCullochs persönliche Situation wurde von den Anwälten und Aktivisten angesprochen: Der Vater des Staatsanwalts, ein Polizist, war bei einem Einsatz getötet worden, bei dem es um einen schwarzen Verdächtigen ging. Anwälte und Aktivisten stellten erneut die Frage, warum McCulloch eine Grand Jury einberufen hatte, statt einen Sonderstaatsanwalt zu berufen.

Rechtsprofessoren kritisierten das System der Anklagekammern, die in kontroversen Fällen entscheiden, ob sich ein Verdächtiger vor Gericht verantworten muss. «Normalerweise benutzt ein Staatsanwalt eine Grand Jury zum Abnicken (seiner Entscheidung) und die Leute beschweren sich dann darüber«, sagte die Juraprofessorin Laurie Levenson an der Loyola-Universität in Los Angeles. «Diesmal wollte er, dass sie die politische Verantwortung für eine schwierige Entscheidung übernimmt und er gab ihr ein Übermass an Information. Jetzt wird also kritisiert, dass der Staatsanwalt nicht die Verantwortung für die Entscheidung übernimmt.»

Ein Strafrechtsprofessor der Stanford-Universität, David Sklansky, sagte, der Fall Brown sei auch ein Beispiel für eine Schwäche des Grand-Jury-Systems: «Grand Jurys sind nicht gerade gut, wenn es darum geht, übereifrige Staatsanwälte in Zaum zu halten – aber sie sind noch schlechter als unabhängige Kontrolle eines Staatsanwalts, der überhaupt keinen Eifer zeigen könnte.» Er sage damit nicht, dass dies bei McCulloch der Fall gewesen sei.

«Ich weiss, dass ich meinen Job richtig gemacht habe»

Nach der Entscheidung der Jury gab der Polizist Darren Wilson Interviews, in denen er beteuerte, dass er geschossen habe, weil er bei der Konfrontation mit Brown um sein Leben gefürchtet habe. Er habe nicht anders reagieren können. Er bestritt Zeugenaussagen, der 18-Jährige habe die Hände erhoben, um sich zu ergeben. «Ich weiss, dass ich meinen Job richtig gemacht habe», sagte Wilson dem ABC-News-Moderator George Stephanopoulos.

(ajk/chk/sda/AP)

Erstellt: 26.11.2014, 06:56 Uhr

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