Amerika entdeckt den Antisemitismus neu

Mehr noch als US-Präsident Donald Trump weckt die Identitätspolitik den latenten Judenhass.

Trauer um elf Tote. Rabbi Chuck Diamond am Sabbat-Morgen des 3. November vor der Synagoge in Pittsburgh. Foto Keystone

Trauer um elf Tote. Rabbi Chuck Diamond am Sabbat-Morgen des 3. November vor der Synagoge in Pittsburgh. Foto Keystone Bild: Keystone

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Jüdische Amerikaner wurden vom Massaker in Pittsburgh abrupt einer Illusion beraubt. Die meisten von ihnen hatten sich sicher gefühlt in dem Land, das in seiner Verfassung die Glaubensfreiheit an die erste Stelle setzte. Für hierher Geflüchtete waren Pogrome und der Holocaust ein Schatten der Vergangenheit. Sie und ihre Nachfahren würden in den USA vom Judenhass der alten Welt nie mehr eingeholt, hatten sie gedacht.

Doch dann richtete ein von antisemitischem Hass erfüllter Extremist in der Lebensbaum-Synagoge des Quartiers Squirrel Hill ein Blutbad an. Während er «Alle Juden müssen sterben» schrie, erschoss der 46-jährige R. B. am Sabbat vor einer Woche elf jüdische Gemeindemitglieder.

Es war der schlimmste Akt von Judenhass in der amerikanischen Geschichte. «Ich bin kein Angsthase», sagte die Historikerin Deborah Lipstadt der New York Times, «doch jetzt glaube ich, es ist schlimmer denn je.» Die Spezialistin für Holocaust-Geschichte vergleicht Antisemitismus mit einer Herpes-Infektion, die inaktiv ruht, bis sie in Zeiten von Stress erwacht. Deshalb werde Antisemitismus nie verschwinden, so angepasst Juden in Amerika auch seien, glaubt Lipstadt. Der Grund: «Es ist eine Verschwörungstheorie.»

Hakenkreuze und Vandalen

Dass das Amerika der Gegenwart durch eine Stressphase geht, wissen alle, die Nachrichten verfolgen. Für das Jahr 2017 verzeichnete die Anti-Defamation League 1986 antisemitische Vorfälle in den USA, 57 Prozent mehr als im Vorjahr. Hakenkreuze werden auf Mauern gesprüht und in Notizbücher von Studenten gekritzelt. Mit erschreckender Regelmässigkeit wüten Vandalen auf jüdischen Friedhöfen. Vor einer Woche entdeckte der Friedhofswart in Orange, Texas, umgestürzte Grabsteine und abgebrochene Blumenvasen. Obwohl sie bloss zwei Prozent der Bevölkerung ausmachen, sehen sich Juden in den USA öfter von Hassern angegriffen als jede andere religiöse Minderheit.

Die Urheber der antisemitischen Vorfälle werden zumeist in rechtsradikalen Kreisen vermutet, unter Hetzgruppen, Neonazis, weissen Nationalisten, Skinheads. «Sie sind alle Antisemiten – dies bindet sie zusammen», erklärt Heidi Beirich vom Southern Poverty Law Center. Die Direktorin der auf Hass-Gruppen spezialisierten Organisation sagt: «Sie alle glauben, dass Juden hinter dem Negativen im Land die Fäden ziehen.»

Verschwörungstheorien wittern Morgenluft unter Trump, der seine politische Karriere mit «Birtherism» begann. Der heutige Präsident war einst der lautstärkste Promoter der Theorie, dass Barack Obama statt auf Hawaii in Afrika geboren wurde und seine Geburtsurkunde eine Fälschung sei. Noch vergangenen Monat behauptete er ohne Faktengrundlage, dass die mittelamerikanischen Migranten in den sogenannten Karawanen vom jüdischen Milliardär George Soros finanziert seien.

Donald Trump befördert Hetzer auch, weil ihn die Rassisten unter seinen Fans nicht bekümmern. Trump glaube, dass er sie alle für seinen Erfolg brauche, schreibt der Journalist Jonah Goldberg. Wenn Versöhnung gefragt sei, versage er.

Trump «ist der erste Präsident, der nicht einmal weiss, wie er eine einigende Figur spielen könnte, zumindest für länger, als das Vorlesen eines Statements dauert.»

Frühere Präsidenten waren eloquenter. Die US-Regierung dulde keinen religiösen Fanatismus und helfe keiner Verfolgung, schrieb George Washington 1790 in einem Brief an eine Synagoge in New Hampshire. «Möge es den Kindern abrahamischer Herkunft in diesem Land wohl ergehen … während jeder einzelne in Sicherheit unter seinem eigenen Rebstock und Feigenbaum sitzt und es niemanden gibt, der ihm Angst macht.»

In Washingtons Sympathie für Juden drückt sich ein verwandtes Selbstverständnis aus. Vor allem religiöse Amerikaner sehen ihr Land als weltgeschichtlichen Sonderfall und verstehen daher die jüdische Vorstellung des auserwählten Volks. Die Solidarität mit Israel ist nirgends so gross wie unter Amerikas Evangelikalen.

Die amerikanische Zivilreligion stellt den Glauben an Verfassung und Fahne ins Zentrum und erklärt Religion zur Privatsache. Gegen Antisemitismus war sie nicht immer eine wirksame Barriere. Nur nach erbitterten politischen Kämpfen erhielten Amerikas Juden Zugang zu führenden Universitäten, zu Country Clubs und zu Verwaltungsräten. Am schlimmsten wütete Judenhass in den 1920er-Jahren, als Henry Ford seine Schriftenreihe «The International Jew» veröffentlichte. Das Machwerk gegen die angebliche jüdische Verschwörung entfaltete auch in Europa Wirkung. Der Autopionier wird als einziger Amerikaner in der ersten Auflage von Hitlers «Mein Kampf» erwähnt.

Opfer- und Täterrollen

In den letzten Jahren wurde der Amerikanismus als einigendes Credo fundamental geschwächt. Von Universitäten ausgehend, begreifen zunehmend viele die Welt als Kampfplatz von einander konkurrierenden Gruppen, die sich durch Hautfarbe, Glaube, Geschichte und sexuelle Orientierung unterscheiden. Im grösseren Zusammenhang der Kolonialkritik erscheint dabei die islamische Welt als Opfer und Israel als Täter.

«Für die extreme Linke ist der Schlüsselfeind oft Israel, das als Verkörperung westlichen Rassismus gesehen wird», schreibt Gideon Rahman in der Financial Times. Die Extremen von Links und Rechts «haben Gemeinsamkeiten, die sie zum Nährboden für Antisemitismus machen», glaubt Rahman. «Die Verbindung ist ihre Vorliebe für Identitätspolitik.»

Das Denken in Gruppen, darüber sind sich Beobachter einig, hat in den USA seinen Höhepunkt noch nicht erreicht. Progressive Aktivisten unterliegen ihm ebenso wie Trump und seine Anhängerschaft. Mit Identitätspolitik bricht ein fundamental illiberales Zeitalter an. Zu seinen Opfern werden auch Juden zählen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 05.11.2018, 09:48 Uhr

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