«Das Ziel war, so viele Menschen wie möglich zu töten»

30 Anklagepunkte werden dem 21-jährigen Boston-Attentäter vorgeworfen – dem Angeklagten, Dschochar Zarnajew, droht die Todesstrafe. Die Staatsanwaltschaft eröffnete mit einem harten Plädoyer.

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Vor einem US-Bundesgericht hat die Hauptverhandlung gegen den überlebenden mutmasslichen Attentäter beim Bostoner Marathonlauf begonnen. Die Staatsanwaltschaft warf Dschochar Zarnajew in ihrem Eröffnungsplädoyer vor, den Anschlag am 15. April 2013 gemeinsam mit seinem Bruder Tamerlan geplant zu haben. Bei dem Bombenanschlag waren drei Menschen getötet und 264 weitere verletzt worden.

«Das Ziel war, so viele Menschen wie möglich zu töten», sagte Staatsanwalt William Weinreb. Dschochar und Tamerlan Zarnajew sollen auf ihrer Flucht zudem einen Polizisten erschossen haben.

Der damals 19-jährige Dschochar wurde vier Tage nach dem Anschlag schwer verletzt festgenommen, der sieben Jahre ältere Tamerlan kam bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei ums Leben. Die Brüder stammen aus einer tschetschenischen Familie und waren als Kinder in die USA eingewandert. Die US-Behörden stufen die Tat als islamistischen Terrorakt ein.

Dschochar Zarnajew erschien in Jackett und offenem Hemd zur Verhandlung, auch zahlreiche Opfer und Angehörige sassen im überfüllten Gerichtssaal. Weitgehend regungslos folgte der Angeklagte den Ausführungen von Staatsanwalt Weinreb, der den Prozessteilnehmern die Ereignisse vom 15. April 2013 ins Gedächtnis rief.

Auf dem Trottoir verblutet

Einige Opfer, darunter ein achtjähriger Junge, seien auf dem Trottoir verblutet, sagte er. Nur 20 Minuten nach der Tat habe Zarnajew in einem Supermarkt Milch gekauft, «als wenn überhaupt nichts passiert wäre».

Weinreb beschrieb, wie sich der mittlerweile 21-Jährige von 2011 an zunehmend radikalisiert habe. Zarnajew habe im Internet «terroristische Propaganda» gelesen. Ermittler hätten auf seinem Computer Ausgaben des englischsprachigen Online-Magazins «Inspire» des Terrornetzwerks al-Qaida gefunden.

Laut Anklageschrift haben die Brüder auch die Anleitung zum Bau von Bomben in Schnellkochtöpfen den Internetseiten von al-Qaida entnommen. Wenige Wochen vor dem Anschlag habe Dschochar Zarnajew mit seinem Bruder eine Pistole gekauft und das Schiessen geübt, sagte Weinreb weiter.

Zarnajew werden 30 Anklagepunkte vorgeworfen, darunter der Gebrauch einer «Massenvernichtungswaffe». Der junge Mann plädierte auf nicht schuldig.

Bei Schuldspruch Todesurteil

Die Verteidigung zeichnete in ihrem Eröffnungsplädoyer das Bild eines unsicheren Teenagers, der unter dem Einfluss seines älteren Bruders gestanden habe.

17 der Punkte der 30 Anklagepunkte wiegen allerdings so schwer, das sie ihm die Todesstrafe einbringen könnten. Bei einem Schuldspruch droht Zarnajew die Todesstrafe. Mit einem Urteil wird im Juni gerechnet.

Der Prozess hatte Anfang Januar mit der Auswahl der Geschworenen begonnen. Der Verhandlungsbeginn verzögerte sich wegen des langwierigen Auswahlverfahrens und mehrerer Schneestürme.

Zarnajews Anwälte hatten ausserdem erfolglos versucht, den Prozess an einen anderen Ort zu verlegen. Sie bezweifelten, in Boston eine unvoreingenommene Jury zu finden. Die Bedeutung des toten Tamerlan dürfte im Prozess noch für grösseren Streit sorgen. Während die Verteidigung Beweise und Zeugen einbringen möchte für das Verhältnis der Geschwister zu einander, lehnt die Anklage dies ab. Die Staatsanwaltschaft möchte sich zunächst nur darauf konzentrieren, ob Dschochar Zarnajew die Taten begangen hat, ob er also schuldig ist. Richter O’Toole hat sich dem angeschlossen. Es soll in den kommenden Monaten nur um das „Ob“ gehen, nicht um das „Warum“.

Lebenslange Haft oder Todesstrafe

Wie sehr der kleine Bruder unter dem Einfluss des grossen stand, wie seine Motive lauteten, wie gross also seine eigene Schuld war – all dies soll nun erst in der zweiten Prozesshälfte eine Rolle spielen, wenn über das Strafmass entschieden wird. Dann stehen wohl nur zwei Varianten zur Wahl: Lebenslange Haft oder Tod durch die Giftspritze.

Die Verteidigung glaubt, dass es dann zu spät ist, um über Tamerlan zu reden. Ignoriere man dessen Rolle in der ersten Prozesshälfte, entstehe ein «verzerrtes »Bild des Angeklagten. Ohne den Einfluss Tamerlans wäre der junge Student Dschochar demnach wohl nie blutend und als mutmasslicher Mörder unter einer Bootsplane gelandet. (pst/sda)

Erstellt: 04.03.2015, 17:26 Uhr

Dschochar Zarnajew


Quelle: FBI

Name: Dschochar Zarnajew
Alter: 21
Geburtsort: Tokmok, Kirgistan
Studium: Meeresbiologie, University of Massachusetts

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