Der unbekannte Hoffnungsträger 

Juan Guaidó hat die Opposition in Venezuela erweckt – obwohl ihn kaum einer kennt.

Er hat einen klaren Plan: Der selbsternannte venezolanische Interimspräsident Juan GuaidóFoto: Yuri Cortez/AFP

Er hat einen klaren Plan: Der selbsternannte venezolanische Interimspräsident Juan GuaidóFoto: Yuri Cortez/AFP

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Hinter ihm ist eine weisse Wand, kein Poster, kein Spiegel, die verraten könnten, von wo er mit dem US-Sender Univision spricht. Dieses Handy-Interview ist typisch für das Venezuela dieser Tage: Juan Guaidó, der Mann, den die USA, Kanada und weite Teile Lateinamerikas als den rechtmässigen Staatschef anerkennen, muss sich verstecken wie ein Krimineller.

Und Nicolás Maduro, jener Mann, dem der Grossteil der westlichen Welt als Wahlbetrüger und Diktator die Anerkennung verweigert, hat immer noch alle Mittel zur Verfügung, seinen jungen Kontrahenten verschwinden und foltern zu lassen.

Noch vor wenigen Tagen gänzlich unbekannt

«Es kann gut sein, dass sie mich heute verhaften werden», wird Juan Guaidó nicht müde zu sagen. Entsprechend bange warten Tausende auf der Plaza Bolívar in der Hauptstadt Caracas. Wird er um elf Uhr sprechen? Wird er ihnen weiter Hoffnung machen können auf ein Ende der Herrschaft von Nicolás Maduro? Ist er wieder festgesetzt worden wie vor knapp zwei Wochen, als der Geheimdienst ihn auf der Autobahn ausbremste und in ein Auto steckte, das er eine Stunde später wieder verlassen konnte, mit roten Striemen an den Handgelenken?

Die wenigsten, die hier auf Guaidó warten wie auf ihren Erlöser, kannten vor einem Monat überhaupt seinen Namen. Bis zum 5. Januar war er ein einfacher Abgeordneter in einem entmachteten Parlament. Nach ihrem Wahlsieg 2015 vereinbarten die wichtigsten Parteien des Oppositionsbündnisses, dass die Präsidentschaft der Nationalversammlung jährlich rotieren solle.

Video: Guaidó erklärt sich zum Staatschef

Die USA und Kanada wollen Juan Guaidó als Übergangspräsidenten anerkennen. Video: AFP

2019 war Voluntad Popular an der Reihe, die sozialdemokratische Gruppe des Ex-Bürgermeisters Leopoldo López, der unter Hausarrest steht. Weil mehrere Führer der Partei im Exil oder inhaftiert sind, fiel am 5. Januar die Leitung des Parlaments an den 35-Jährigen Ingenieur aus der Hafenstadt La Guaira, der vorher kaum Interviews gab und nun täglich seine Wohnung wechselt.

Guaidós erster Auftritt war ein Frontalangriff: Maduro masse sich ein Amt an, das ihm nicht zustehe, sagte er in seiner Antrittrede als Parlamentspräsident. Die Wahlen im Mai 2018 seien eine Farce gewesen, deshalb sei die Präsidentschaft ab dem 10. Januar verwaist. Nun müsse, wie in der Verfassung vorgesehen, der Parlamentspräsident die Amtsgeschäfte vorläufig übernehmen und Neuwahlen ausrufen. Diese Ansage überrumpelte die Regierung. Und sie wirkte wie ein Fanal für Millionen Venezolaner.

Seitdem Juan Guaidó am 23. Januar den zweiten Schritt machte und sich vor Hunderttausenden in Caracas zum Übergangspräsidenten erklärte, ist Venezuelas Apathie verflogen. Als Guaidó an diesem Freitag, mit anderthalb Stunden Verspätung erscheint, hallt über die Plaza «Sí, se puede», die spanische Version jenes «Yes, we can!», das Barack Obama ins Weisse Haus begleitete. Nach einer Schweigeminute für die Opfer dieser tumultuösen Tage verspricht er, endlich humanitäre Hilfe ins Land zu bringen, 20 Millionen Dollar hat die US-Regierung dafür genehmigt. Guaidó ist gross, schlank und sportlich, wie viele Venezolaner spielt er Baseball – die Zeitungen schreiben, er sei ein begeisterter Salsa-Tänzer. Seine Frau Fabiana Rosales lernte er in der Oppositionsbewegung kennen, bei den Protesten 2017 traf ihn ein Gummigeschoss der Nationalgarde in den Rücken, hinterliess aber keine bleibenden Schäden. Guaidó ist jung genug, um nicht mit der korruptionsverseuchten Vor-Chávez-Zeit in Verbindung gebracht zu werden.

Bilder: Machtkampf in Venezuela

Er ist kein Mitglied der weissen Elite wie die anderen Oppositionsführer Henrique Capriles oder Leopoldo López. Er ist eines von sieben Kindern einer Familie, die bei einem Erdrutsch 1999 Hab und Gut verlor. Vater Wilmer chauffiert deshalb seit 16 Jahren ein Taxi auf Teneriffa. Guaidó hat sich das Ingenieursstudium und die zwei Aufbaustudien – eines davon an der amerikanischen George-Washington-Universität – hart erarbeiten müssen. Erstmals verfügt Venezuelas Opposition über einen Führer, der Not am eigenen Leib erfahren hat.

«Juan ist ein sehr transparenter Typ, dem Institutionen sehr wichtig sind», sagte eine ehemalige Studienkollegin den Reportern der BBC. «Er ist kein Freund der Improvisation. Er plant sein Vorgehen genau.» Seine Strategie für die kommenden Wochen stellt er nun auf der Plaza Bolívar dar. Erstens: Die Demonstrationen müssen weitergehen. Zweitens: Die Militärs sollen von Maduro ablassen, darum verspricht er allen Soldaten Straffreiheit, die sich «auf die Seite der Verfassung stellen». Eine Amnestie ist notwendig, um die kriminelle Kameraderie aufzubrechen, darüber sind sich sämtliche Experten einig.

Den Soldaten verspricht er Straffreiheit

Am Donnerstag hatte Militärführer Vladimir Padrino Guaidós Vorstoss als «null und nichtig» abgetan und die Verbundenheit der Streitmacht mit Maduro bekräftigt. Seit Jahren liess der Präsident der Militärspitze freie Hand zur Bereicherung, heute verdienen Uniformierte an der staatlichen Ölfirma, am Handel und Vertrieb von Lebensmitteln und am Drogenhandel. Doch die schmutzigen Dollars sickern nicht nach unten durch: Mittleren und unteren Dienstgraden geht es ebenso schlecht wie dem Rest der Bevölkerung. Hier setzt Guaidós Plan an.

An diesem Wochenende ging die Opposition im ganzen Land auf die Familien von Soldaten und Nationalgardisten zu, um sie zu überzeugen, nicht auf Menschen zu schiessen, denen es genau so mies geht wie ihnen selbst. Guaidó sagt am Freitag auf der Plaza Bolivar: «Die Streitkräfte stehen bald vor einer grossen Probe.» Dann verschwindet Venezuelas flüchtiger Hoffnungsträger wieder. Wohin, wissen nur wenige. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.01.2019, 17:48 Uhr

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