«Ja, wir haben psychische Probleme»

In den USA ist die Selbstmordrate unter indigenen Völker überdurchschnittlich hoch. In einem Bundesstaat ist das Problem besonders ausgeprägt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie sei eine ganz normale Ureinwohnerin aus Alaska, sagt Natasha Singh. Sie versuche, cool zu wirken, obwohl sie es nicht sei. Und dann spricht sie das Problem ganz unvermittelt und direkt an: Sie leidet an Depressionen. In dem US-Staat mit einer beunruhigend hohen Selbstmordrate, insbesondere unter Ureinwohnern, ist dies gerade bei jenen ein Tabuthema.

Singh glaubt, dass viele Selbstmorde unter ihren Altersgenossen von diesem Schweigen junger Menschen ausgelöst werden. Viele verleugnen ihre Seelenpein oder betäuben sie mit Alkohol und Drogen, um dann schliesslich den einzigen Ausweg zu suchen, von dem sie wissen. Singh, die selbst auch unter Angstgefühlen leidet, will das Stigma beseitigen, das Menschen in den Gemeinden der Ureinwohner davon abhält, Hilfe zu suchen.

«Das Problem beim Namen nennen»

Deshalb entschloss sie sich, sich in einer der zehn «Zuhörsitzungen» zu Wort zu melden, die bis Februar US-weit abgehalten werden. «Was wir unseren Leuten sagen müssen ist, ‹Ja, wir haben psychische Probleme›», erklärt die 28-jährige Anwältin nach ihrer Rede bei der Anhörung in Anchorage. «Wir müssen das Problem beim Namen nennen und darüber sprechen.»

Die Sitzungen sollen nach offiziellen Angaben dazu dienen herauszufinden, wie der überproportional hohen Selbstmordrate unter – vor allem jungen – Ureinwohnern in den USA begegnet werden kann. Von 2006 bis 2007 war die Rate unter indigenen Amerikanern zwischen 15 und 29 Jahren laut den jüngsten vorliegenden Zahlen der Gesundheitsbehörden fast doppelt so hoch wie der nationale Durchschnitt.

Und die Zahlen für Alaska sind noch erschreckender. Im selben Zweijahreszeitraum gab es in dem Staat insgesamt 284 Selbstmorde. Auf Ureinwohner, die weniger als 18 Prozent der geschätzten Einwohnerzahl von 680'000 ausmachen, entfielen davon 96. Das entspricht einer Rate von 42,3 Selbstmorden pro 100'000 Menschen, verglichen mit 16,6 unter Nicht-Ureinwohnern.

Zahlreiche Vorschläge bei Anhörung

Nur die wenigsten sind in ihrem Umfeld nicht persönlich betroffen. Singh, die sich professionelle Hilfe suchte, hat gerade erst einen 22-jährigen Verwandten durch Selbstmord verloren. Ausserdem nahm sich die Schwester ihres Lebensgefährten das Leben. Und kürzlich erst nahm sie an der Beisetzung eines Mannes teil, der sich umgebracht hatte. «Wir gehen so oft zu solchen Beerdigungen», sagt sie. «Wir sehen das Leiden.»

Das Ziel der Sitzungen ist nach Angaben von Rose Weahkee vom Indianischen Gesundheitsdienst (IHS), gemeinsam mit Stammesführern Gegenstrategien zu entwickeln und Ressourcen zu koordinieren. Beteiligt sind ausserdem das Büro für indianische Angelegenheiten des Innenministeriums und die für Drogenmissbrauch und psychische Gesundheit zuständige Behörde. «Die Sitzungen geben uns die Gelegenheit, direkt von den Stämmen zu hören», sagt Weahkee, Direktorin der IHS-Abteilung für Verhaltensmedizin. «Jeder muss bei der Selbstmordverhütung eine Rolle spielen.»

Bei der vierstündigen Sitzung unter Beteiligung von zwei Behördenvertretern in Anchorage gab es fast so viele Vorschläge wie Redebeiträge: Besucht die abgelegenen Dörfer in Alaska. Schafft mehr Programme gegen Drogen- und Alkoholmissbrauch, die bei so vielen Selbstmorden eine Rolle spielen. Verbessert die wirtschaftlichen Bedingungen in den verarmten Dörfern, wo die Arbeitslosenraten hoch sind. Nutzt Facebook und andere soziale Netzwerke, um junge Leute zu erreichen. Unterstützt althergebrachte Traditionen. Bildet Menschen in Selbstmordverhütung aus.

Experten des Sozialdienstes verweisen auf das Beispiel eines Studenten aus Anchorage, dessen rasches Handeln einen Selbstmord im ländlichen Alaska verhinderte: Er erhielt Anfang Dezember eine Textbotschaft eines Jungen, der damit drohte sich umzubringen. Die alarmierten Behörden machten den Jungen bei sich zu Hause ausfindig. Er hatte eine Schusswaffe bei sich und schrieb gerade einen Abschiedsbrief. Er wurde in ein Krankenhaus eingeliefert.

Alkohol und Drogen statt psychischem Beistand

Redner bei der Sitzung erwähnten unter Tränen Angehörige und Freunde, die nicht so viel Glück hatten. Andere kamen gerade noch einmal mit dem Leben davon, wie Darrell Vent. Er gab vor mehr als 20 Jahren das Trinken auf, nachdem er sich in der kleinen, 300 Einwohner zählenden Athabasca-Gemeinde Huslia mehr als einmal fast umgebracht hätte. Einmal wachte er mit einem Loch im Trommelfell und einer Schusswaffe neben sich auf – das war knapp.

«Ich habe aufgehört, weil ich mich entscheiden musste», sagt er. «Ich dachte mir, ich würde nicht überleben, wenn ich weiter trinken würde.» Der 48-Jährige hatte damals Depressionen, aber niemanden, mit dem er reden konnte. Dieses Problem bestehe noch heute, sagt er. Als Mitglied des Stammesrats setzt er sich dafür ein, dass ausgebildete Berater in den Dörfern leben.

Über persönliche Probleme zu sprechen ist noch immer tabu, weshalb sich viele Betroffene Alkohol und Drogen zuwenden. Und dies wiederum verstärkt häufig nur den Wunsch, allem ein Ende zu setzen. Im Lauf der Jahre haben sich fast 30 Menschen in seinem Dorf das Leben genommen, darunter ein Cousin, der sich erhängte. «Das ist nicht ein Moment der Dunkelheit», sagt Vent. «Es ist eine Krankheit. Es sind Depressionen.» (mrs/dapd)

Erstellt: 28.12.2010, 14:13 Uhr

Artikel zum Thema

Das glücklichste Volk der Welt

Mit 26 Jahren zieht der Missionar Daniel Everett in den brasilianischen Urwald, um den Stamm der Pirahã zu bekehren. Sieben Jahren später verlässt er die Indianer – seinen Glauben hat er verloren. Mehr...

US-Indianer kaufen ihr Terrain zurück

Viele Indianervölker in den USA sind es müde, darauf zu warten, dass die Regierung in Washington vor Jahrhunderten geschlossene Verträge endlich einhält. Sie werden jetzt aktiv. Mehr...

Suizid-Rate ging leicht zurück

Laut neuesten Zahlen begehen Männer fast doppelt so viel Suizid wie Frauen. Auch die Art und Weise sich das Leben zu nehmen, unterscheidet sich zwischen den Geschlechtern. Mehr...

Paid Post

So können Hausbesitzer viel Geld sparen

Hausbesitzer, die auf lange Sicht Energie und dadurch Geld sparen möchten, sollten Ihr Heim jetzt auf Wärmeverluste überprüfen.

Blogs

Geldblog Warum die Hypozinsen bald ansteigen werden

Tingler Botox und Wahn

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Sie bringen Licht ins Dunkel: Die Angestellten einer Werkstatt in Tuntou, China, fertigen Laternen in Handarbeit. Diese werden als Dekoration für das chinesische Neujahrsfest dienen, das Anfang Februar stattfindet. (Januar 2019)
(Bild: Roman Pilipey/EPA) Mehr...