Vor zehn Jahren war das noch unvorstellbar

Die NFL arbeitet an neuen Regeln, um das umstrittene Knien während der Hymne zu beenden. Die Bühne für den Protest hat die Liga erst 2009 geschaffen.

Ende September startete Donald Trump den Konflikt, indem er die knienden NFL-Spieler beleidigte und die Teambosse aufforderte, die Protestierenden zu feuern.

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Am Dienstag könnte die NFL beschliessen, dass alle Spieler während der Nationalhymne stehen müssen. Das Thema der knienden Footballspieler, von US-Präsident Donald Trump vor wenigen Wochen neu entfacht, würde damit eine neue Wende nehmen – eine, die bis 2008 gar nicht denkbar war. Damals blieben die meisten Teams während des «Star Spangled Banner» nämlich in der Kabine, das war der Standard.

Erst 2009 änderte sich das, seither stehen die Teams für die Nationalhymne auf dem Feld. Und erst damit erhielt Quarterback Colin Kaepernick letzte Saison überhaupt die Bühne für seinen knienden Protest gegen Polizeigewalt und Rassenhass. Es ist also keine jahrzehntelange Tradition, die von Präsident Trump mit rhetorischer Vehemenz und ab morgen vielleicht von der Liga mit neuen Regeln eingefordert wird, sondern ein relativ neues Phänomen.

Hymne verbreitete sich durch Weltkriege

Hintergrund der Änderung war das Militär. Dort hat die heute als uramerikanisch empfundene Hymnensingerei vor den Spielen auch begonnen. Sporadisch wurde der «Star Spangled Banner» bereits an Baseballspielen im 19. Jahrhundert zum Besten gegeben. Ins öffentliche Bewusstsein gelangte die Militärhymne aber erst 1918. Über 100’000 amerikanische Soldaten starben bis dahin bereits auf den europäischen Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs. Aus Respekt vor den Gefallenen wollte die Baseballliga deshalb auf die World Series, die grosse Finalserie zwischen den Boston Red Sox und den Chicago Cubs, verzichten. Als bekannt wurde, dass die Soldaten in Europa sehnlichst auf die Ergebnisse der Finalserie warteten, entschloss man sich, trotzdem zu spielen.

Auch ein Bombenanschlag in Chicago, bei dem vier Menschen starben, konnte das erste Spiel nicht verhindern. Wegen des Anschlags und des Kriegs war die Stimmung im mässig gefüllten Stadion aber bedrückt. Das änderte sich, als die Militärkapelle in der langen Pause im siebten Inning den «Star Spangled Banner» spielte. Armeeangehörige salutierten, Spieler hielten sich die Hand auf die Brust, und bald sangen die meisten Zuschauer die Hymne mit. Es folgte tosender Applaus, und für die Zeitungen war dieser Moment der Höhepunkt des ersten Finalspiels. Die Hymne wurde danach während aller Partien des Finals gespielt. Noch musste dafür eine Band verpflichtet werden, welche die Musik live spielte. Der «Star Spangled Banner» ertönte fortan immer öfter, nun aber als Ritual zu Beginn des Spiels.

Militär zahlt der NFL Millionen Dollar

US-Präsident Herbert Hoover erklärte den «Star Spangled Banner» schliesslich 1931 zur offiziellen Nationalhymne der USA – ersetzt wurde damit nichts, davor gab es schlicht keine Nationalhymne. Die patriotistische Zelebration wurde im Zweiten Weltkrieg noch wichtiger, nun unterstützt durch die Möglichkeit, das Lied über die Stadionlautsprecher scheppern zu lassen. Das Singen der Hymne verbreitete sich vom Baseball über den Football zu diversen anderen Sportarten und ist heute nicht mehr aus den Köpfen der Zuschauer wegzudenken.

Dass die Footballspieler seit 2009 zur Hymne auf dem Feld stehen, hat auch mit dem Militär zu tun. Dieses hat nach Recherchen des «New York Magazine» alleine von 2012 bis 2015 mehrere Millionen Dollar in die NFL investiert, dazu gehören spezielle Feiern für Kriegsveteranen, aber auch die Kampfjets, die zur Nationalhymne über die Stadien donnern, die Armeeangehörigen, die in Uniform neben der überdimensionierten US-Flagge stehen, und die TV-Spots, mit denen die nächsten Soldaten angeworben werden. Vor und nach dem «Veterans Day» vom 11. November wird der Pomp nochmals gesteigert. Wobei anzumerken ist, dass die NFL auch andere Anlässe wie Thanksgiving gross feiert oder mit teilweise pinkfarbenen Trikots, Hüten, Schuhen und TV-Spots für die Brustkrebsprävention wirbt.

Kaepernick verklagt Team wegen «Verschwörung»

Der amerikanische Patriotismus ist seit den Anschlägen vom 11. September wieder im Aufschwung. Die Liga beorderte die Teams aber erst 2009 aufs Feld und erhält dafür offenbar viel Geld des Militärs. Mit wehenden US-Flaggen in den Händen rennen die Teams nun aufs Feld und stehen neben Uniformierten stramm, während der «Star Spangled Banner» gesungen wird. Dem Verteidigungsdepartement dürfte das gefallen, die Zuschauer haben sich schnell daran gewöhnt, die Einschaltquoten verbesserten sich seit 2009 stark. Die NFL hatte 2013 viermal mehr Zuschauer als die nächsten drei Ligen MLB, NHL und NBA zusammen und galt noch als letzte grosse Bastion im Sportfernsehen.

Das ändert sich seit 2015, die Zuschauerzahlen nehmen ab. Das hat viele Gründe, unter anderem die Übervermarktung der wenigen Spiele, aber unter den Fans wird auch Colin Kaepernick dafür verantwortlich gemacht. Er nutzte das militärische Propagandaspektakel zu Spielbeginn für eine andere politische Botschaft und zog damit den Zorn vieler Patrioten auf sich. Obwohl er zur Hymne kniete und nicht etwa auf der Bank sass – das war eine bewusste Entscheidung, weil das Knien in den USA als demütige, betende Haltung gedeutet wird, wie er erklärte.

Bilder: Kniende Proteste in der NFL

Kaepernick gilt seither in der NFL als Persona non grata, der einstige Star des Spiels erhielt diese Saison keinen Vertrag mehr, obwohl mehrere Teams aufgrund von Verletzungen einen guten Ersatz-Quarterback brauchen könnten. Kaepernick hat seit gestern genug von diesem Ausschluss und hat die Teambosse verklagt, weil diese sich gegen ihn verschwört hätten. Das zu beweisen, wird für ihn allerdings schwierig sein, denn die meisten infrage kommenden Teams verzichten auf ihn, weil sie die Ablenkung der Aufmerksamkeit auf den umstrittenen Spieler nicht wünschen, wie sie sagen.

Proteste flauen ab, Trump freuts

Knien oder stehen war am 3. Spieltag nach Trumps «sons of bitches»-Aussage nur noch für wenige Spieler ein Thema. Die meisten gingen bei den San Francisco 49ers in die Knie, dort, wo der Protest mit Kaepernick begann, ansonsten flauen die Proteste ab, die meisten Spieler stehen, zwar mit ineinander verhakten Armen, aber sie stehen. Es wird angenommen, dass die Liga an ihrem Herbstmeeting morgen Massnahmen einleiten wird, damit alle Spieler wieder die Verhaltensempfehlungen befolgen – diese besagen seit 2009, dass die Hymne stehend mitgesungen wird, den Helm in der linken Hand, die rechte auf der Brust. So würde die NFL das gerne sehen, wenn am 11. November der «Veterans Day» ansteht. Damit würde sie vielleicht die hartgesottenen Patrioten wieder zurückgewinnen, die jetzt schon wegschalten oder angedroht haben, die Spiele am «Veterans Day» zu boykottieren. Dafür gibt es mittlerweile Facebook-Gruppen mit mehreren Zehntausend Mitgliedern.

Es gäbe aber auch einen anderen Weg, den die NFL gehen könnte, wie «USA Today» schreibt, nämlich die Wiederherstellung des Zustandes vor 2009: Die Teams bleiben während der Hymne wieder in der Kabine. So verschwindet der Protest von den Fernsehbildschirmen, und der Boykott endet. Präsident Trump kann zudem nicht mehr über die Spieler lästern, gewinnt mit seiner Extremposition aber nicht. Die Kehrseite: Die Proteste gegen Polizeigewalt gegenüber Schwarzen würden ebenfalls verbannt, es käme der Verdacht auf, man wolle das Thema unter den Teppich wischen. Die Liga müsste das Thema also auf eine andere Art in der Öffentlichkeit halten, damit dieser Weg funktionieren könnte.

Trumps persönliche Fehde mit der NFL

Der momentane Zerfall der NFL dürfte Donald Trump gefallen. Er hat den Funken, den Kaepernick letztes Jahr gegen Polizeigewalt gezündet hat, zu einem regelrechten Flammeninferno gegen die NFL entfacht. Als Anlass diente der kniende Protest einer Handvoll Spieler, eine eigentlich fast schon vergessene Sache, der Öffentlichkeit kaum noch bewusst, aber von Trump geschickt zur Kampfzone ernannt.

Das muss nicht von ungefähr kommen. Trump legte sich schon in den 80er-Jahren mit der Liga an. Er war damals Teambesitzer in einer alternativen Footballliga, der USFL. Diese war zu Beginn erfolgreich, weil sie im Frühling und Sommer spielte, während die NFL nur im Herbst bis Anfang Januar Partien austrägt. Trump wollte aber eigentlich vor allem eines der grossen NFL-Teams kaufen. Die Liga verhinderte das aber. Also verlegte Trump die USFL in den Herbst, um die NFL frontal anzugreifen. Das misslang, die USFL war nach drei Saisons bereits wieder Geschichte und Trump damals der grosse Verlierer im Kampf mit der NFL. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.10.2017, 15:19 Uhr

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