Wer ist dieser Mann?

Im Chapo-Guzmán-Prozess behauptet die Verteidigung, der wahre Boss des Sinaloa-Kartells sei ein anderer: Ismael «El Mayo» Zambada.

Ismael «Mayo» Zambada im Jahre 2010. Foto: PD

Ismael «Mayo» Zambada im Jahre 2010. Foto: PD

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Beim Prozess gegen Joaquín Guzmán Loera alias «El Chapo Guzmán» ist diese Woche die Strategie der Verteidigung klar geworden. Ein Anwalt des mutmasslichen mexikanischen Drogenbosses, der berüchtigte Jeffrey Lichtman, behauptete vor dem New Yorker Gericht, in Wahrheit sei Chapo Guzmán nur ein kleiner, vergleichsweise harmloser Mitläufer. Das Gehirn des Sinaloa-Kartells sei ein anderer: Ismael «El Mayo» Zambada. Dieser sei so mächtig, dass selbst Mexikos amtierender Präsident Enrique Peña Nieto auf seiner Gehaltsliste stehe. Und dessen Vorgänger Felipe Calderón ebenfalls.

Die beiden Politiker haben die Anschuldigung umgehend und entrüstet dementiert, was niemanden überraschte. Es wird spannend sein, zu sehen, ob Guzmáns Verteidiger für seine Behauptung irgendwelche Beweise vorlegen kann.

Unabhängig davon stellt sich die Weltöffentlichkeit nach Lichtmans erstem Auftritt vor den New Yorker Geschworenen die Frage: Wer ist Ismael Mario Zambada García alias «El Mayo»? Und wenn sein Einfluss wirklich bis in die höchsten Sphären der Macht reicht – warum hat man bisher so wenig von ihm gehört?

Geliebte, Blut und Bandenkriege

Mayo Zambada ist eine mexikanische Legende, genau wie Chapo Guzmán. Aber während sich Guzmáns Mythos um Reichtum, Partys, um Geliebte, Gewalt, Blut, Bandenkriege und surreal wirkende Fluchten aus Hochsicherheitsgefängnissen rankt, steht im Zentrum des Mayo-Zambada-Mythos das blanke Nichts.

Dieser Grossmeister des mexikanischen und internationalen Verbrechens handelt seit mehr als fünfzig Jahren mit Drogen, ohne dass es der mexikanischen Polizei oder den amerikanischen Geheimdiensten jemals gelungen wäre, ihn zu verhaften. Nicht einmal die fünf Millionen Dollar, die als Belohnung für den entscheidenden Hinweis zu seiner Festnahme ausgeschrieben sind, haben bisher etwas genützt.

Im sogenannten goldenen Dreieck schützen ihn Berge und unzugängliche Hochtäler, vor allem aber das steinerne Schweigen der Bewohner.

Was man weiss, ist, dass Mayo Zambada vor ungefähr 70 Jahren im Ort El Álamo in Sinaloa geboren wurde und in grosser Armut aufwuchs – genau wie Chapo Guzmán. Aktuelle Fotos von ihm gibt es keine, unbestätigte Gerüchte über ihn zuhauf.

Er habe sich einer Gesichtsoperation unterzogen, nach der ihn nicht einmal seine eigene Mutter wiedererkennen würde, sofern sie noch lebte. Seit Jahrzehnten habe er das Grenzgebiet zwischen den mexikanischen Bundesstaaten Sinaloa, Durango und Chihuahua nicht mehr verlassen. Hier, im sogenannten goldenen Dreieck, schützen ihn Berge, unzugängliche Hochtäler und schroffe Schluchten, vor allem aber das steinerne Schweigen der Bewohner. Mayo Zambada sei Mexikos unberührbarer und unberührter Capo, schrieb kürzlich der Journalist und Schriftsteller Héctor De Mauleón.

Das Verhängnis namens Sean Penn

Niemals würde Mayo Zambada ein Fehler unterlaufen, wie ihn Chapo Guzmán vor etwa drei Jahren begangen hat. Am 8. Januar 2016 wurde der mutmassliche Boss des Sinaloa-Kartells zum dritten Mal in seinem Leben verhaftet, weil er in pubertär anmutender Eitelkeit mit der mexikanischen Schauspielerin Kate del Castillo angebandelt und sich mit dem Hollywoodstar Sean Penn zu einem Interview getroffen hatte – in einem Versteck, das für die Überwachungstechnologie der Ermittler relativ einfach aufzuspüren war.

Gerüchten zufolge war es Mayo Zambada, der jenen beleuchteten, mit Entlüftungsschächten versehenen und mit einem Motorrad befahrbaren Tunnel hatte errichten lassen, durch den Chapo Guzmán ein halbes Jahr zuvor aus dem Hochsicherheitsgefängnis Altiplano entkommen war.

Laut Experten setzt Mayo Zambada Gewalt eher zurückhaltend ein, zumindest gemessen an den grausamen Sitten der mexikanischen Drogenmafia. Er ziehe es vor, zu verhandeln, zu vermitteln, zu bestechen. Er sei unnachahmlich, wenn es darum gehe, Polizisten oder Politiker zu kaufen, und keiner unterwandere die Organe des Staates beharrlicher und erfolgreicher als er. Allein dieser Ruf verleiht der Behauptung, Peña Nieto und Calderón hätten sich von ihm korrumpieren lassen, in den Augen der mexikanischen Öffentlichkeit eine gewisse Glaubwürdigkeit.

«Nach kurzer Fahrt musste ich in ein zweites Auto umsteigen, dann in ein drittes und schliesslich in ein viertes.»Julio Scherer García, Journalist

Mayo Zambada gilt als Capo der alten Schule – ein Relikt aus den späten 1980er-Jahren, als die damals mächtigsten mexikanischen Verbrecherorganisationen eine Pax mafiosa schlossen. Als die Kartelle von Sinaloa, Ciudad Juárez, Tijuana und das Golfkartell Territorien und Transportwege unter sich aufteilten und dank der engen Zusammenarbeit mit kolumbianischen Kartellen Reichtum anhäuften wie nie zuvor. Angesichts der Gräueltaten, die jüngere Capos später begehen sollten, angesichts des Gemetzels, das der mexikanische Drogenkrieg heute anrichtet, gilt Mayo Zambada bei vielen Mexikanern als Drogenboss, der zumindest nicht so blutrünstig ist wie andere.

Dazu hat er auch selber beigetragen. Die Bewohner seines Geburtsortes El Álamo beschenkte er jeweils zu Weihnachten mit Bargeld und Bier, er baute Strassen, Schulhäuser, Sportplätze. Der Preis dafür war Schweigen. Laut der mexikanischen Zeitung «El Universal» gilt er in den Bergen Sinaloas bis heute als «letzter Garant der Grosszügigkeit». Für die Kinder von armen Angestellten und ledigen Müttern gründete er einst den Hort «Das glückliche Kind», der laut amerikanischen Ermittlern auch dazu diente, Geld zu waschen.

Ein Mal, ein einziges Mal hat sich Mayo Zambada eine Extravaganz geleistet. Das war im Jahre 2010, als der mexikanische Journalist Julio Scherer García eine Nachricht von ihm erhielt. Mayo Zambada sei an einem Treffen interessiert, und er werde auch Fragen beantworten. Nun war Scherer García, der 2015 verstorben ist, nicht irgendein Journalist – er war der grosse alte Mann der mexikanischen Publizistik, geachtet, gefürchtet, überhäuft mit Auszeichnungen. Es war, als wollte der Drogenboss das einzige Interview seines Lebens einem Mann geben, der im Journalismus eine ähnliche Stellung erreicht hatte wie er in der Welt des organisierten Verbrechens. Der damals 84-Jährige Scherer García begab sich an den Ort, den ihm Mayo Zambada genannt hatte. Ein Auto holte ihn ab.

Später schrieb er: «Nach kurzer Fahrt musste ich in ein zweites Auto umsteigen, dann in ein drittes und schliesslich in ein viertes.» Zwei Tage habe er in einem kärglich eingerichteten Haus gewartet, ehe man ihn zum Versteck des Drogenbosses brachte. Den genauen Ort behielt Scherer für sich. «Ismael Zambada begrüsste mich mit ausgestreckter Hand. Er sei schon lange neugierig gewesen, mich kennen zu lernen.»

«Ich habe panische Angst»

Das Magazin «Proceso», das Scherer García 1977 gegründet hatte und das man als eine Art mexikanischen «Spiegel» bezeichnen kann, brachte das Interview am 4. April 2010 als Titelgeschichte. Zambada sagt darin Sätze wie: «Ich habe panische Angst, dass sie mich ergreifen und einschliessen.» «Ich hoffe, ich habe bei meiner Verhaftung genügend Mut, um mich rechtzeitig zu erschiessen.» Aus Furcht, von Ermittlern entdeckt zu werden, gehe er seit Jahren nicht mehr ins Kino oder ins Restaurant. Er feiere nicht einmal seine Geburtstage, und er schlafe niemals mehr als eine Nacht am selben Ort.

«Sie werden mich jeden Moment ergreifen, oder nie», sagt er. Als Scherer García nach Zambadas Sohn «El Vicentillo» fragt, den die Polizei ein Jahr zuvor verhaftet und in die USA ausgeliefert hatte, sagt der Drogenboss: «Über meinen Sohn spreche ich nicht, ich betrauere ihn.» In seinen Verstecken lebe er mit seiner Frau und fünf Töchtern. Auf die Frage, warum er begonnen habe, mit Drogen zu handeln, antwortet er: «Einfach so.»

Mayo Zambada, mit Lacoste-Shirt und schwarzer Mütze, den einen Arm in die Hüfte gestemmt, den anderen um die Schultern seines Gastes gelegt.

Das Interview provozierte in Mexiko wochenlang Polemik. Die einen feierten es als grossen journalistischen Scoop, die anderen schmähten Scherer Gercía als publizistischen Laufburschen eines Schwerverbrechers. Der Journalist hatte es kaum gewagt, kritische Fragen zu stellen, oder Mayo Zambada wollte sie nicht beantworten.

Bevor sie sich verabschiedeten, schossen sie ein Erinnerungsfoto, das später zum Titelbild von «Proceso» wurde. Der etwas verlegen lächelnde Scherer García, mit zerzaustem Haar und blauem Hemd, aus dessen Brusttasche zwei Kugelschreiber ragen. Und Mayo Zambada, mit Lacoste-Shirt und schwarzer Mütze, den einen Arm in die Hüfte gestemmt, den anderen um die Schultern seines Gastes gelegt. Eine verletzlich wirkende Figur der eine, ein Ausbund an Siegesgewissheit der andere.

Der Journalist und der Drogenboss, irgendwo in Mexiko. Foto: PD

Heute geht man davon aus, dass Mayo Zambada die Führung des Sinaloa-Kartells übernommen hat, gemeinsam mit zwei von Chapo Guzmáns Söhnen. Es zirkulieren in Mexiko auch Vermutungen, wonach «El Mayo» schon lange vor Guzmáns Verhaftung der wahre Chef des Drogensyndikats geworden sei – was aber nicht bedeutet, dass «El Chapo» nur der kleine Mitläufer war, als den ihn sein Verteidiger vor dem Gericht in New York heute darstellt.

Am Sonntag, dem 26. August 2018, rückten Spezialeinheiten der mexikanischen Armee aus, um ein Bauerngut in der Ortschaft El Limón de los Ramos, Sinaloa, zu durchsuchen. Es sei eine reine Routineaktion gewesen, sagte später der Polizeipräsident. Aber Lokaljournalisten, die sich auf «Quellen innerhalb der Armee» beriefen, behaupteten etwas anderes: Wenige Stunden zuvor habe sich El Mayo Zambada in dem Gehöft aufgehalten. Im letzten Moment sei er von «lokalen Autoritäten» gewarnt worden.

Falls Mayo Zambada den Prozess in New York verfolgt, falls er hört, dass Chapo Guzmán 23 Stunden am Tag allein in einer kleinen fensterlosen Zelle sitzt, in der immer Licht brennt – dann wird er sich zu seiner lebenslangen Vorsicht gratulieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.11.2018, 17:15 Uhr

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