An der US-Westküste explodieren die Obdachlosenzahlen

An der Westküste der USA steigen die Mieten, was Zehntausende Einkommensschwache in die Obdachlosigkeit treibt. Einige Städte haben inzwischen den Notstand ausgerufen.

Bild: Keystone

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In Parks, unter Brücken, auf den Bürgersteigen, ja sogar auf den Mittelstreifen der Schnellstrassen: In Seattle kampieren Tausende Menschen auf der Strasse, die Stadt an der Westküste der USA zählt inzwischen 400 illegale Camps. Schuld an der dramatischen Obdachlosigkeit sind steigende Mieten und Immobilienpreise, ausgelöst von der boomenden Technologiebranche.

Geringverdiener können sich Wohnraum schlicht nicht mehr leisten: «Ich habe ökonomisch null Arbeitslosigkeit in meiner Stadt, und ich habe Tausende Obdachlose, die tatsächlich auch arbeiten, aber sich eine Wohnung einfach nicht leisten können», sagt Stadtrat Mike O'Brien. «Diese Leute können nirgendwo hinziehen.»

Das Problem hat nicht nur Seattle: In den USA wird die gesamte Westküste von einer Obdachlosenkrise erschüttert, die die Armut öffentlich macht wie nie zuvor. Da mancherorts die öffentliche Gesundheit gefährdet ist, riefen seit 2015 mindestens zehn Städte oder Stadtgebiete in Kalifornien, Oregon und Washington den Notstand aus, was normalerweise Naturkatastrophen vorbehalten ist.

In San Diego werden neuerdings die Bürgersteige mit Chlorbleiche geschrubbt, um einen lebensbedrohlichen Ausbruch von Hepatitis A zu bekämpfen. In Anaheim schlafen 400 Menschen auf einem Fahrradweg im Schatten des Angel-Stadions. Die Organisatoren eines Food-Festivals in Portland brannten Räucherstäbchen ab, um den Uringestank auf dem Parkplatz zu überdecken, auf dem die Stände stehen sollten.

Obdachlosigkeit ist eigentlich nicht neu an der Westküste. Doch nach Angaben von Behörden und Obdachlosenhelfern in Kalifornien, Oregon und Washington wird sie im Vergleich zu den Zahlen vergangener Jahre schlimmer. Früher konnten viele Menschen finanzielle Rückschläge verkraften, heute landen sie wegen unerschwinglicher Mieten schnell auf der Strasse: Es reicht eine längere Krankheit, eine Kündigung, ein gebrochenes Bein, eine familiäre Krise - was früher vorübergehendes Pech war, scheint nun ein düsteres Schicksal zu besiegeln.

2017 sind nach offiziellen Zahlen in Kalifornien, Oregon und Washington 168'000 Menschen obdachlos. Das sind 19'000 mehr als 2015 gezählt wurden, wobei sie wegen neuer Zählmethoden oder Wettereinflüssen nur bedingt vergleichbar sind. Im gleichen Zeitraum kletterte die Zahl derer, die nicht in Heimen untergebracht sind, in den drei Staaten um 18 Prozent auf 105'000.

Die neuen Obdachlosen sind Menschen, die bisher am Rand der Gesellschaft gerade so überleben konnten - bis sich dieser Rand verschob: Das durchschnittliche Ein-Zimmer-Apartment in der San Francisco Bay Area ist inzwischen teurer als im Ballungsraum New York.

Der 62-jährige Stanley Timmings und seine 61-jährige Freundin Linda Catlin legten in den vergangenen Jahren ihre Invaliditätsrenten zusammen, um ein Zimmer im Haus eines Freundes zu mieten. Als ihr Vermieter im Frühjahr an Darmkrebs starb, landete das Paar in Seattle auf der Strasse. Mit ihren letzten Ersparnissen kauften sie sich ein gebrauchtes Wohnmobil für 300 Dollar (knapp 260 Euro) und zahlten weitere 300 Dollar für die Anmeldung. Nun kampieren sie in der Nähe eines kleinen Regionalflughafens - ohne fliessendes Wasser oder Propangas für den Herd. Als Toilette benutzen sie einen Eimer.

Nach vier Monaten ist der Gestank in dem Wohnmobil unerträglich. Die beiden sind erschöpft, haben resigniert. «Zusammen bekommen wir 1440 Dollar (1244 Euro) Invaliditätsrente», berichtet Timmings. «Dafür bekommen wir keine Wohnung.» Insgesamt ging die Obdachlosigkeit in den USA zurück, auch weil Behörden und Hilfsorganisationen effizienter arbeiten bei der Vermittlung von Wohnraum. Doch angesichts der nach oben schnellenden Mieten kommen sie nicht mehr nach: «Alle, die es wegen günstiger Mieten gerade noch so schafften, haben ihre Wohnungen nun verloren und landen auf der Strasse», betont Margaret King von der Obdachlosenorganisation DESC in Seattle. «Es ist einfach explodiert.»

An der Westküste fehlt es vor allem an Wohnraum für Einkommensschwache wie Ashley Dibble und ihre dreijährige Tochter. Die 29-Jährige war nach eigenen Angaben seit etwa einem Jahr immer wieder obdachlos, nachdem ihr Ex-Freund drei Monatsmieten nicht bezahlt hatte, weil er das Geld in sein Auto steckte. Ihr Töchterchen brachte sie bei den Grosseltern in Florida unter. Zusammen mit ihrem neuen Freund schlief sie unter Zeltplanen nahe dem Baseballstadion Safeco Field in Seattle, bevor sie einen Heimplatz bekam. Als Einkommensschwache und mit einer Räumung in ihrer Akte findet sie keine neue Wohnung: «Ich bekam so viele Türen vor der Nase zugeschlagen, es ist absurd», sagt sie weinend.

Die Stadt- und Bezirksverwaltungen investieren Milionen - in einigen Fällen sogar Milliarden - auf der Suche nach Lösungen. Die Rechnung bezahlt vor allem der Steuerzahler: Seit 2015 wurden umgerechnet fast sieben Milliarden Euro Mehrausgaben für erschwinglichen Wohnungsbau und andere Programme gegen Obdachlosigkeit von den Wählern genehmigt, meist in Form von Steuererhöhungen. Angesichts von 34'000 Obdachlosen in der Stadt bewilligten die Wähler in Los Angeles beispielsweise umgerechnet gut eine Milliarde Euro zum Bau von 10'000 günstigen Wohneinheiten.

Jeremy Lemoine von der Organisation Reach in Seattle vergleicht die Lage mit einer Flüchtlingskrise. «Ich will nicht hoffnungslos klingen», sagt er. «Mein Job ist es, Leuten Hoffnung zu geben, eine Zukunft - aber wir müssen jetzt etwas tun.» (amu/dapd)

Erstellt: 07.11.2017, 15:25 Uhr

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