Beifall als patriotische Pflicht

Donald Trumps Entertainment-Präsidentschaft macht Quote mit Hyperaktivität und Provokationen.

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Seine Hand streckte er aus, Versöhnung bot er an. Demokraten wie Republikaner sollten an einem Strang ziehen, auf dass es dem Vaterland gut ergehe. So klang Donald Trump am zweitletzten Tag des Januars bei seiner Rede zur Lage der Nation. Weckte so mancher Misston in seiner Rede Zweifel an der ausgestreckten Hand, so lautete der Befund über den Auftritt des Präsidenten vor dem Kongress, dass es schlimmer hätte sein können: Wie schon in Davos zügelte sich Trump und hielten sich seine Possen in Grenzen.

Das wars dann aber schon. Eine Woche nach seiner Kongressrede und einige Tage mehr nach Davos ist Trump wieder Trump: Ein politischer Pinball und ein Narr, der den Kongressdemokraten Verrat vorwarf, weil sie ihn während seiner Rede zur Lage der Nation nicht beklatschten. Sie hätten sich «verräterisch» und «unamerikanisch» verhalten, sagte Trump – Beifall als patriotische Pflicht, die Verweigerung von Applaus als Landesverrat.

Wenn sich niemand traut, mit Klatschen aufzuhören

Kim Jong-un liess angeblich seinen Onkel hinrichten, weil er nicht laut genug geklatscht hatte. Und bei einer Konferenz der Sowjet-Kommunisten 1937 wurde Josef Stalin endlos applaudiert, denn niemand traute sich, als Erster mit dem Beifall aufzuhören. «Der Applaus dauerte an – sechs, sieben, acht Minuten ... neun Minuten, zehn, bis zum letzten Mann! Mit vorgetäuschtem Enthusiasmus auf ihren Gesichtern sahen sich die Bezirksführer in vergeblicher Hoffnung an und machten weiter und applaudierten, bis sie hinfielen, wo sie standen, und auf Tragbahren hinausgetragen wurden», beschrieb Alexander Solschenizyn das surreale Ereignis.

Da kommt Trump nicht mit, denn er ist nicht böse wie Stalin. Er ist ein eingebildeter Possenreisser, der stets und ohne Rücksicht auf Verluste ausspricht und twittert, was ihm gerade durch den Kopf geht. Weil ihn nichts mehr ängstigt als Nichtbeachtung, will Trump eine Militärparade, wie er sie an der Seite von Emmanuel Macron in Paris erleben durfte. Die Parade beeindruckte den Gast aus Washington zutiefst. Geschütze und Panzer, viele Fahnen und Soldaten in Reih und Glied, bunt und unterhaltsam wie ein Musical am Broadway, zogen an ihm vorbei.

Mehr Soldaten und Fahnen als Macron

Jetzt möchte Trump es dem Franzosen gleichtun. Das Pentagon plant bereits und hat den 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs am 11. November ins Auge gefasst. Da Washington keine Champs-Elysées hat, wird es ein wenig eng zugehen, gewiss aber wird Trump mehr Waffen und Soldaten und Fahnen aufbieten als Macron. Und wenn der demokratische Senator Dick Durbin sagt, ein solches Defilee sei «Geldverschwendung zum Amüsement des Präsidenten», entlarvt er sich als billiger Spielverderber.

Ob Pyongyang, Moskau oder Peking: Trumps Aufmarsch soll niemanden beeindrucken ausser Trump. Er will sich beklatschen, indes «seine» Truppen mit Tschingderassabum an ihm vorbeimarschieren. Trump spricht gern von «meinen Generälen». Wer also wollte ihm den Anblick «seiner» Haubitzen und «seiner» Panzer und Raketen verwehren? Ein Spielverderber wie Durbin!

Trump wähnt sich in der Rolle seines Lebens: Mano a mano mit Mueller!

Hofft der Präsident auf Imageförderung durch das Defilee, so sucht er im Umgang mit Sonderermittler Robert Mueller virilen Nervenkitzel. Die Anwälte des Präsidenten wollen ihn mit allen Mitteln von einem Verhör mit Mueller abhalten, Trump aber tut, als könne er kaum erwarten, bis der Sonderermittler peinliche Fragen an ihn richtet. Die Anwälte befürchten, der Präsident werde sich in der Russlandaffäre um Kopf und Kragen lügen und wegen seiner Falschaussagen im Netz des Sonderermittlers hängen. Trump hingegen wähnt sich in der Rolle seines Lebens: Mano a mano mit Mueller.

30 Lügen unter Eid

Trumps Problem – auch dies ein Nachweis, dass er nicht böse ist, sondern eher komisch – besteht darin, dass er mit dem Lügen sogar dann nicht aufhören kann, wenn das Gelogene keinem Zweck dient und mithin völlig überflüssig ist. Als er 2007 im Zuge seiner Verleumdungsklage gegen den Journalisten Tim O’Brien, der in einem Buch wenig Erbauliches über Trump geschrieben hatte, von den Anwälten des Autors einvernommen wurde, log Trump am Fliessband und oft ohne jeden Beweggrund. Er log, wie andere Leute atmen.

«Meine Anwälte haben Trump dazu gekriegt, 30 Lügen unter Eid einzugestehen», beschrieb O’Brien das Münchhausen-Opus. Trotzdem möchte Trump unter Eid vor Mueller aussagen. Er habe ja nichts zu verbergen, sagt er Freunden. Sicherlich bescherte ihm ein solcher Auftritt einen Nervenkitzel der Extraklasse mitsamt himmelhohen TV-Einschaltquoten. Weder er noch das amerikanische Publikum würden sich eine Sekunde langweilen.

Eine Militärparade ist eine Sache, ein Verhör unter Eid durch ausgebuffte Strafverfolger
eine andere.

Trumps Anwälte wollen davon nichts wissen: Eine Militärparade mag Zerstreuung und allgemeinem Entertainment dienen, ein Verhör unter Eid durch ausgebuffte Strafverfolger ist eine andere und weniger lustige Sache.

Bis dahin wird noch viel Wasser den Potomac hinunterfliessen und Trump so manchen politischen Slalom hinlegen, um die Amerikaner – von rechts bis links – in seinen Bann zu schlagen. Am Mittwoch verständigten sich Senatoren beider Parteien auf eine Vorlage, die einen neuerlichen Shutdown der Regierungsgeschäfte verhindern soll. Um den Präsidenten machten die Senatoren einen weiten Bogen. Er liebe «einen Shutdown», falls die Demokraten bei der Begrenzung der Zuwanderung nicht auf seine Linie einschwenkten, hatte der Präsident am Dienstag gedroht.

Die Bemerkung wirkte theatralisch, den Regierungsgeschäften war sie nicht förderlich. Aber Trumps Äusserung beherrschte die Schlagzeilen. Wie auch sein kindlicher Wunsch nach einer Parade. Oder seine Entrüstung darüber, dass ihn die Opposition nicht beklatschte und sitzen blieb, anstatt vom Applaudieren erschöpft auf Tragbahren aus dem Kongress getragen zu werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2018, 18:48 Uhr

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