«Feige», «gefährlich» und «nahe beim Staatsstreich»

US-Kommentatoren kritisieren den Verfasser des anonymen «New York Times»-Textes. Und es sind nicht nur Trump-Fans.

Freund oder Feind? Trump kann sich bei seiner eigenen Regierung nicht mehr sicher sein. Video: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein angeblich hochrangiges Mitglied der Trump-Administration hat in einem anonymen Artikel in der «New York Times» beschrieben, wie eine Gruppe von Regierungsmitgliedern innerhalb des Weissen Hauses Widerstand gegen den Präsidenten leistet. «Unsere oberste Verpflichtung besteht gegenüber dem Land, und der Präsident agiert in einer Weise, die dem Wohlergehen dieser Republik abträglich ist», heisst es in dem Beitrag.

Potenziert wird seine Wirkung dadurch, dass der Journalist Bob Woodward in seinem neuen Buch «Fear: Trump in the White House» (Angst: Trump im Weissen Haus) dasselbe behauptet. Laut dem als hochseriös geltenden Journalisten der «Washington Post», dessen Enthüllungen zum Watergate-Skandal einst Präsident Richard Nixon stürzen liessen, nehmen im Weissen Haus Mitarbeiter unterschriftsreife Dokumente vom Schreibtisch des Präsidenten, weil sie deren Unterzeichnung für verheerend halten.

Mehrere einflussreiche amerikanische Kommentatoren betrachten allerdings eher das Vorgehen des namenlosen Widerständlers als verheerend. Er habe mit der Publikation seines Artikels keine Heldentat vollbracht, sondern Feigheit gezeigt – und es sind keineswegs Trump-Anhänger, die so argumentieren.

«Das ist eine Verfassungskrise»: So titelt der «Atlantic» seine Einschätzung zum anonymen Beitrag in der «New York Times».

In der «Los Angeles Times» etwa wirft die Trump-Kritikerin Jessica Roy dem Trump-Mitarbeiter vor, ein Feigling zu sein. «Niemand, der wirklich Widerstand leistet, sollte jetzt in Jubel ausbrechen. Wenn Sie in der Trump-Administration arbeiten und irgendetwas aus seiner Agenda umsetzen, unterstützen Sie ihn, statt seine Arbeit zu unterminieren.»

Ein «feiger Coup»

Mutig wäre es laut Roy, wenn sich Trumps interne Gegner offen gegen den Präsidenten stellten und versuchen würden, ihn zu stürzen. Dafür gebe es juristische Mittel, schreibt Roy, in Anspielung an das sogenannte 25th Amendment der amerikanischen Verfassung – ein Paragraf, demzufolge eine Mehrheit des Kabinetts den Präsidenten absetzen kann (Impeachment).

Umfrage

Eine Zeitung druckt einen anonymen Gastbeitrag ab, der den Präsidenten schwer belastet: Finden Sie das in Ordnung?





Laut dem Verfasser des Beitrags in der «New York Times» hatte die Widerstandsgruppe tatsächlich daran gedacht, das 25th Amendment anzurufen, es dann aber bleiben lassen, um keine Verfassungskrise zu schaffen. Darauf antwortet Roy: «Gemäss der Verfassung vorzugehen, würde also eine Krise provozieren – aber zuzugeben, einen demokratisch gewählten Präsidenten zu untergraben, bewirkt dies nicht?»

Ähnlich argumentiert David Frum, ein früherer Gefolgsmann von George W. Bush, in der Zeitschrift «Atlantic». Er nennt das Vorgehen des Regierungsmitglieds einen «feigen Coup», und die Aktionen der internen Anti-Trump-Widerstandsgruppe seien ein Verfassungsbruch. All dies drohe «die Paranoia des Präsidenten weiter anzuheizen und Amerikas Sicherheit zu gefährden.» Der Titel seines Beitrags lautet: «Das ist eine Verfassungskrise.»

Sabotageakte gegen den Präsidenten sind eine Gefahr für das amerikanische Regierungssystem.David A. Graham, «The Atlantic»

In der konservativen Publikation «National Review» unterstellt Jonah Goldberg dem anonymen Verfasser des Artikels, er wolle sich gegen mögliche Vorwürfe absichern, mit denen er sich nach einem allfälligen Sturz Trumps konfrontiert sähe: Nämlich dass er in der Administration eines Wahnsinnigen mitgewirkt habe. Ebenfalls im «Atlantic» schreibt David A. Graham, Sabotageakte gegen den Präsidenten seien eine Gefahr für das amerikanische Regierungssystem. Was in Woodwards Buch und im «New York Times»-Artikel beschrieben sei, komme einem «soft coup» – also einer milderen Form des Staatsstreichs gleich. Dass nicht gewählte Regierungsmitglieder eine Art informelles Vetorecht gegenüber den Beschlüssen eines demokratisch gewählten Präsidenten ausüben, sei inakzeptabel.

Anonyme Anschuldigungen könnten das Problem des unfähigen Präsidenten zwar genauer umreissen, aber sie leisteten keinen Beitrag, um es zu lösen, schreibt Dara Lind in der Onlinepublikation «Vox».

Mehrere Kommentatoren erwähnen, dass das liebste Gesellschaftsspiel innerhalb des Washingtoner Politzirkels in den nächsten Monaten und vielleicht sogar Jahren darin bestehen dürfte, über die Identität des illoyalen (oder, je nach politischer Meinung: heldenhaften) Mitarbeiters zu spekulieren. (Wer ist der Autor des anonymen Schreibens in der «New York Times»?) Auf Twitter versuchen bereits zahlreiche User, das Rätsel durch die Analyse stilistischer Besonderheiten in dessen Text zu lösen. Einig sind sich die Analysten auch, dass Trump nun alles versuchen wird, um den Verräter in den eigenen Reihen aufzuspüren.

In einer Gesprächsrunde des Fernsehsenders MSNBC sagte der konservative Politikberater Rick Wilson: «Trump wird jetzt niemandem im Weissen Haus mehr trauen.» Dies könnte ihn laut Wilson dazu verleiten, alte «bad guys», denen er noch halbwegs vertraue, zurück in den inneren Machtzirkel zu rufen – etwa Steve Bannon. Trump werde all seiner «wilden, paranoiden Verrücktheit» nachgeben. «Es wird verrückt werden im Weissen Haus, es wird glorios und schrecklich.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2018, 15:33 Uhr

Artikel zum Thema

Wer ist der Autor des anonymen Schreibens in der «New York Times»?

Analyse Ein Mitarbeiter von Donald Trumps Regierung hat ausgepackt. Jetzt fallen Namen, wer es sein könnte – sogar Wettbüros steigen ein. Mehr...

«Ich bin Teil des Widerstands innerhalb der Trump-Regierung»

Video Ein ranghohes Mitglied der US-Regierung hat anonym einen Gastbeitrag bei der «New York Times» publiziert. Mehr...

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Kommentare

Die Welt in Bildern

Land ahoi! Die Superjacht «Sunseeker 74 P» wird auf einem Tieflader über eine Strasse transportiert. Ziel ist eine Wassersportmesse in Düsseldorf, Deutschland. (18. Dezember 2018)
(Bild: Sascha Steinbach) Mehr...