Der Messias geht

Viele Politiker haben grosse Egos, dasjenige von Barack Obama aber ist gigantisch. Seine Bilanz hingegen ist verheerend.

Was kümmert mich Europa? Barack Obama hielt lieber schöne Reden.

Was kümmert mich Europa? Barack Obama hielt lieber schöne Reden.

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Obamas Präsidentschaft ist praktisch vorbei, und er vertreibt sich die Restzeit mit dem, was er schon immer am liebsten tat: Reden halten und Leute belehren. Wie auf seiner kürzlichen Abschieds­tournee durch Europa. Dort gab er nach einem Besuch bei Alexis Tsipras, Premier Griechenlands, den europäischen Politikern den dringenden Rat, auf Wachstum statt auf Haushaltsdisziplin zu setzen. Nur eine Wirtschaftspolitik, so die Empfehlung, welche die Auswirkungen der Globalisierung etwas abzufedern vermöge, könne den wachsenden Populismus auf dem alten Kontinent eindämmen.

Aber wer konnte die Worte eines Mannes ernst nehmen, der sich anders als die allermeisten amerikanischen Präsidenten vor ihm kaum für Europa interessiert hat? In dessen Amtszeit sich die Staatsschulden auf unvorstellbare 19 Billionen Dollar verdoppelt haben, während die Wirtschaft weiterhin stagniert? Dessen Partei seit den Wahlen auf der Notfallstation liegt und dessen Volk mit Donald Trump just einen «Populisten» zum neuen Staatschef auserkoren hat?

Desaströse Fehleinschätzungen

Die aussenpolitische Bilanz des coolen ­Präsidenten-Beaus fällt noch verheerender aus als diejenige zuhause. Eine Reihe desaströser Fehleinschätzungen haben dazu geführt, dass der Nahe Osten im Höllenfeuer brennt; dass Libyen ohne Not zur Chaoszone gebombt wurde; dass der Gottesstaat Iran wahrscheinlich die nächste Atommacht sein wird; dass in Afghanistan die Taliban kurz vor einer erneuten Machtübernahme stehen. Nicht zu reden vom machtbewussten Putin, der den hilflos agierenden Obama eins ums andere Mal vorführt und ihn vor aller Welt schwach aussehen lässt. «Viele globale Leader mögen Obama», schreibt Walter Russel Mead, «einige bemitleiden ihn; wenige respektieren ihn als Leader; keiner fürchtet ihn.»

Dass der scheidende Präsident trotzdem unver­drossen überzeugt ist, seine Lektionen seien wertvoll und gefragt, hängt mit seiner Persönlichkeit zusammen. Viele Politiker haben grosse Egos, dasjenige von Obama aber ist gigantisch. Der ehemalige Community Organizer, der sich als politischer Messias feiern liess und 2008 seinen Anhängern zurief, mit seiner Wahl würden die Ozeane aufhören zu steigen und der Planet anfangen zu heilen, hält nicht viel von Fakten. Am liebsten schaut er in sein eigenes Spiegelbild. (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.11.2016, 10:17 Uhr

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