Die paranoide Welt von Julian Assange

Wikileaks ist zur Anti-Clinton-Plattform verkommen. Ein Ex-Mitarbeiter beschreibt, was den Wikileaks-Chef antreibt.

Abneigung gegen Hillary Clinton: Wikileaks-Chef Julian Assange.

Abneigung gegen Hillary Clinton: Wikileaks-Chef Julian Assange. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Enthüllungsplattform Wikileaks hat am Sonntagabend die 16. Tranche der geleakten E-Mails von John Podesta veröffentlicht. Podesta ist der Leiter der Präsidentschaftskampagne von Hillary Clinton, der Erzfeindin von Wikileaks-Chef Julian Assange. Seit dem 8. Oktober publiziert Wikileaks jeden Tag Tausende E-Mails. Das Ziel ist klar: Die Enthüllungen sollen Clinton im Wahlkampf schaden.

Die staatlich gelenkten Medien Russlands nehmen die Wikileaks-Enthüllungen gerne auf. Es ist kein Geheimnis, dass der Kreml lieber Donald Trump an der Spitze der USA sähe. Der Umstand, dass Medien wie «Russia Today» die Podesta-Mails bisweilen noch vor Wikileaks in Umlauf bringen, wirft die Frage auf, inwiefern Assange und der Kreml gemeinsame Sache machen. Clinton und die US-Regierung haben Russland für die Cyberattacken auf das E-Mail-Konto von Podesta verantwortlich gemacht.

Keine Probleme mit Russland

«Assange würde sich nie wissentlich in den Dienst des russischen Staates stellen», schreibt Buzzfeed-Journalist James Ball, der einst für Wikileaks arbeitete. Aber wenn ihm von anonymer Quelle Anti-Clinton-Dokumente angeboten werden, nehme Assange diese entgegen, ohne allzu viele Fragen zu stellen. Und er macht diese publik. Wenn Assange die Möglichkeit erhalte, Clinton und der US-Regierung zu schaden, tue er dies, meint Ball. Dagegen habe Assange keinerlei persönliche Aversionen gegen Russlands Präsident Wladimir Putin, oder auch gegen andere autoritäre Herrscher.

Nach Ansicht von Buzzfeed-Journalist Ball, der den Wikileaks-Gründer persönlich erlebt hatte, wäre es zu einfach, Assange als Anti-Amerikaner zu bezeichnen. «Assange würde sagen, dass er das amerikanische Volk unterstützt. Er ist aber überzeugt, dass das ganze politische System der USA total korrupt ist.» Und weiter: «Assange misstraut der US-Regierung, und er hat eine tiefe Abneigung gegen Hillary Clinton.»

Verschwörung aus Washington

Assange verharrt seit Jahren in der Enge der ecuadorianischen Botschaft in London. Dort versteckt er sich vor der Justiz Schwedens, die ihn wegen Sexualdelikten vor Gericht bringen will. Und er versteckt sich vor den Amerikanern, die ihm wegen der Veröffentlichung streng vertraulicher Informationen am liebsten den Prozess machen würden. Als Wikileaks vor sechs Jahren mit seinen teils spektakulären Enthüllungen in der Weltöffentlichkeit bekannt wurde, war Clinton Aussenministerin der USA. Die Leaks lieferten Einblicke in die Geheimnisse der US-Aussenpolitik.

Assange bekam den Zorn Clintons zu spüren. Die USA machten politischen und juristischen Druck auf Wikileaks. Aus dieser Zeit stammt die gegenseitige Abneigung zwischen Assange und Clinton. Assange scheint nicht nur eine offene Rechnung mit ihr zu haben. Vielmehr kämpft er gegen eine Verschwörung an. Assange lebt in einer paranoiden Welt, wie Buzzfeed-Journalist Ball meint.

Ball beschreibt Assange als grossen Charismatiker, der das Enthüllungsgeschäft beherrscht, aber auch als misstrauischen Alleinherrscher, der Kritik und Illoyalität von Mitarbeitern nicht duldet. «Oftmals vertraut er Fremden mehr als Leuten, die er gut kennt», schreibt Ball. «Assange nimmt nicht gerne Ratschläge entgegen. Und er mag keine Konkurrenz in seinem Team, schon gar nicht, wenn diese von Frauen kommt.»

Welt hat sich verändert, nicht Wikileaks

Wikileaks war vor sechs Jahren noch eine Enthüllungsplattform, die mit angesehenen Medien in aller Welt zusammenarbeitete. Wikileaks enthüllte zum Beispiel die Wahrheit hinter dem umstrittenen Drohneneinsatz der Amerikaner in Afghanistan und im Irak. In linksliberalen Kreisen erlangte Assange den Status einer Lichtgestalt. Sechs Jahre später ist Wikileaks zu einer Anti-Clinton-Plattform verkommen, die im laufenden US-Präsidentschaftswahlkampf mitmischt und dem fragwürdigen Kandidaten Donald Trump Hilfe leistet. Die Aktivitäten der Enthüllungsplattform fügen sich auch ein in die antiwestlichen Kampagnen des Kremls.

Warum hat sich Wikileaks zwischen 2010 und 2016 derart verändert? «Weder Assange noch Wikileaks haben sich verändert», meint der frühere Wikileaks-Mitarbeiter Ball. «Es ist die Welt, die sich verändert hat.» Wikileaks sei schon immer eine rücksichtslose und paranoide Schöpfung gewesen. Beifall erhalte Wikileaks nun von rechter Seite. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.10.2016, 15:02 Uhr

Zur Person

Julian Assange, am 3. Juli 1971 im australischen Townsville geboren, gründete 2006 die Enthüllungsplattform Wikileaks. Von den einen als «Freiheitskämpfer des digitalen Zeitalters» gefeiert, bewegt sich Assange nach Meinung seiner Kritiker «im Graubereich zwischen Enthüllung und Verrat». Privat in die negativen Schlagzeilen kam Assange wegen des Verdachts der minderschweren Vergewaltigung und sexuellen Belästigung zweier Frauen in Schweden. Nach einem Haftbefehl floh Assange Ende 2010 nach London, wo er sich der Polizei stellte. Er kam in U-Haft und nach der Zahlung einer Kaution wieder frei. Im Juni 2012 flüchtete Assange in die Londoner Botschaft Ecuadors, um nicht nach Schweden und eventuell später in die USA ausgeliefert zu werden. Ecuador gewährte dem Wikileaks-Gründer Asyl. (vin)

Artikel zum Thema

Clintons Humor-Offensive gegen E-Mail-Affäre

Wikileaks veröffentlichte neue Dokumente von Hillary Clintons Wahlkampf-Team. Demnach wollte man die E-Mail-Affäre mit Ironie entschärfen. Mehr...

Ecuador kappt Assanges Leitung

Die Regierung Ecuadors bestätigte, den Internetzugang von Julian Assange eingeschränkt zu haben. Grund sei die Einmischung von Wikileaks in den US-Wahlkampf. Mehr...

Wikileaks veröffentlicht Reden von Clinton

Gegen Bezahlung hat Hillary Clinton vor ihrer Kandidatur für die US-Präsidentschaft drei Reden bei Goldman Sachs gehalten. Die Enthüllungsplattform Wikileaks hat diese jetzt publiziert. Mehr...

Bildstrecke

Zehn Jahre Wikileaks

Zehn Jahre Wikileaks Die Enthüllungs-Plattform feiert Geburtstag. Gründer Assange nimmt per Videoübertragung teil und kündigt neue Leaks an.

Paid Post

Das «Ende der Nation» ist nah

Die Macht des Staates schwindet. Erfolgreiche Unternehmer definieren heute ihre eigenen Regeln. Was können wir von ihnen lernen?

Kommentare

BaZ Auktion

Auf zur Schnäpplijagd! Traumreisen und mehr bis zu 50% günstiger. Mitbieten vom 25.11. bis 5.12.17.

Die Welt in Bildern

Polizei in Rosa: Demonstranten bewarfen die Ordnungshüter in Nantes (Frankreich) mit Farbe. (16. November 2017)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...