Die Teufelsaustreibung

Wer gewinnt? Donald Trump oder die Medien? Wahrscheinlich Twitter.

Wortmeldungen aus der Hölle. Der amerikanische Präsident bei seinem ersten Auftritt diese Woche im Kongress.

Wortmeldungen aus der Hölle. Der amerikanische Präsident bei seinem ersten Auftritt diese Woche im Kongress. Bild: Keystone

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In den letzten drei Monaten des Jahres 2016 hat die New York Times 276 000 neue Kunden gewonnen, die ihre Digitalausgabe abonniert haben, und zwar nur diese allein, also ohne eine Version aus Papier. Das ist ein beispielloser Rekord für die Zeitung, die 2011 eine sogenannte Paywall eingeführt hat, das heisst, sie verlangt ab einer gewissen Anzahl von Artikeln, die umsonst zu lesen sind, eine Zahlung. Beispiellos ist diese Zunahme, weil das Blatt noch nie in so kurzer Zeit so viele neue Digitalkunden anzuziehen vermochte, im gesamten Jahr 2015 etwa waren es bloss 184 000 gewesen. Ob die New York Times das allein Donald Trump zu verdanken hat, der sie seit Monaten angreift – oder je nach Standpunkt sich gegen sie verteidigt, wird nie ganz zweifelsfrei zu klären sein, doch immerhin geht die Zeitung selber davon aus. Manche Indizien sprechen dafür. Fest steht: Der selbst für amerikanische Standards ­heftige Wahlkampf muss geholfen haben – und Trumps Wahl, welche die New York Times auf eine ebenso beispiellose Art und Weise zu verhindern versucht hatte, dürfte der Zeitung all jene zugetrieben haben, die das nicht verstehen wollten und denen es bis heute schwerfällt, das zu akzeptieren.

Am schwersten fällt es wohl den Journalisten der New York Times selber, wie die fortwährende, fast grotesk einseitige Berichterstattung und ­Kommentierung gegen die Administration Trump belegt, sodass diese phänomenale Steigerung der Onlinekunden womöglich ein ambivalenter Trost ist. Denn was gilt nun? Sind die Medien nach wie vor wichtig, hört man auf uns – und ich schliesse die Basler Zeitung hier ein – oder verrät Trumps Wahl nicht eher das Gegenteil?

Wie ohnmächtig müssen sich die Journalisten fühlen, wenn es ihnen nicht gelingt, diesen aus ihrer Sicht so problematischen Mann vom Weissen Haus fernzuhalten? Tatsächlich war die mediale Übermacht spektakulär: Kaum eine amerikanische Zeitung war für Trump, ob lokal oder national, ob Boulevard oder seriös, selbst das Wall Street ­Journal, das sonst immer zuverlässig für jeden republikanischen Kandidaten eingetreten war, blieb kühl, wenn nicht ablehnend; desgleichen gab es kaum eine Fernsehstation, die Trump unterstützt hätte; derweil sogar im konservativen ­Sender Fox News ein Bürgerkrieg wütete zwischen Never-Trumpern und Trump-Anhängern. Trump verwirrte alle, Trump brachte alle gegen sich auf, Trump triumphierte.

Wer ist schuld?

Wenn die Journalisten in diesen finsteren ­Nächten wach liegen und sich fragen, warum man ihnen nicht mehr zutraut, besser zu wissen, wer der richtige Präsident für Amerika ist, als die übrigen über hundert Millionen Wähler, dann wäre es vielleicht Zeit, in sich zu gehen. Dass so viele Bürger das Gegenteil dessen tun, was ihnen die Medien empfehlen, weist auf einen sensationellen Ver­trauensverlust hin – und dieser ist weitgehend selbst verschuldet. Ironischerweise zeigt sich das nirgends deutlicher als im Kampf der Journalisten gegen Trump. Es wirkt zuweilen, als wollten die Medien auch noch die dümmsten und bösartigsten Vorhaltungen, die ihnen Trump im Twitter-Takt macht, bestätigen. Wenn Trump die Medien als «dishonest», als unehrlich kritisiert, wenn er sie gar (angeblich) zu «Feinden des Volkes» erklärt, dann wechseln die Journalisten sofort in einen Sturmschritt, der sich bald zum Amoklauf beschleunigt.

Einfachste handwerkliche Regeln, minimalste Anforderungen an Fairness bleiben auf der Strecke: «Donald Trump escalates conflict with media: ‹They are the enemy of the people›», meldete etwa der Fernsehsender ABC; – eine irreführende, bloss halb richtige Titelzeile, denn ursprünglich hatte Trump folgenden Tweet geschrieben: «The Fake-News media (failing New York Times, NBC News, ABC, CBS, CNN ) is not my enemy, it is the enemy of the American People!» – «Die Fake-News-Medien (die scheiternde New York Times, NBC News, ABC, CBS, CNN) sind nicht meine Feinde, sie sind die Feinde des amerikanischen ­Volkes.»

Im Gegensatz zu dem, was die Medien sogleich verkürzend berichteten, hatte Trump eben nicht alle Medien pauschal angegriffen und zu Feinden erklärt, sondern nur jene, die ihm nicht passten. Das alles mag schlimm genug sein, überzogen auf jeden Fall, bestimmt auch unter dem Niveau eines Präsidenten, doch darum geht es nicht: Trump wurde (einmal mehr) falsch zitiert, um ihm maximalen Schaden zuzufügen. Man war ungenau, was immer heikel ist, wenn man auf dem Ungefähren eine maximale Empörungseskalation begründet.

Da alle seiner Anhänger (und viele darüber ­hinaus) inzwischen Trumps Twitter-Meldungen selber im Originalton lesen – was manche erhitzten Journalisten zu übersehen scheinen –, fiel jedem Leser auf, wie einseitig die Medien überspitzten und in Kauf nahmen, dass das Publikum sich ­maximal aufregte – ob über Trump oder die Medien, bleibt dabei eine offene Frage.

Für deutschsprachige Leser kam noch eine ­Verfälschung hinzu: Selbstverständlich übersetzten die meisten deutschsprachigen Medien Trumps Wendung «the enemy of the American People» fast instinktiv mit «Volksfeind», was in unserer Sprache ganz spezielle Assoziationen nach sich zieht: Ursprünglich ein römischer Begriff, mit dem der römische Senat etwa den blutrünstigen Kaiser Nero verurteilt hatte, benutzten die Jakobiner in der Französischen Revolution das Label gerne für ihre Gegner (ennemis du peuple), bevor sie ihnen mit der Guillotine den Kopf abtrennten. Gerne bediente sich natürlich auch Lenin der Formel, um all jene zu bekämpfen und zu töten, die sich gegen seine Revolution wandten, und dass schliesslich auch die Nazis bald von «Volksfeinden» sprachen, wenn sie Menschen umbrachten, hat geradezu etwas Zwangsläufiges: Mit anderen Worten, kaum ein Begriff ist im Deutschen mehr belastet. Wer als Politiker irgendeinen Journalisten zum Volksfeind erklärt, teilt ihm ein Todesdatum mit und stellt sich so in eine der übelsten Traditionen der westlichen Geschichte.

Im Krieg

Aber hat Trump das gemeint? Ich habe nicht die Absicht, mich hier als Exeget Trump’scher Beschimpfungen zu profilieren, dennoch scheint es mir nicht allzu plausibel, dass Trump, ein Bau­unternehmer, an diesen toxischen Sprachgebrauch gedacht hat – zumal im Amerikanischen der Begriff «Volksfeind» kaum geläufig ist. Die römische ­Wendung kennt man zwar, übersetzte sie aber mit Public Enemy und versteht darunter etwas anderes: Schwerverbrecher, in der Regel Gangster aus Chicago, wurden als solche bezeichnet; die politisch-­historischen Sinnzusammenhänge unseres Begriffs sind den Amerikanern also viel weniger vertraut.

Die amerikanischen Medien – und viele europäische – haben Trump den Krieg erklärt und fast zwanghaft untersuchen sie jede seiner vielen impulsiven und unvorsichtigen Äusserungen, als handelte es sich um Wortmeldungen aus der Hölle. Man glaubt so den Teufel zu entlarven, den man in Trump sehen will. Was aber, wenn man dabei scheitert? Die New York Times mag viele neue Leser gewonnen haben, doch die insgesamt an die drei Millionen Abonnenten, die sie inzwischen anspricht, reichen nicht, um die nächsten Wahlen zu gewinnen.

Trump könnte länger im Weissen Haus aus­halten als erwünscht: Denn was die Medien ­ebenfalls übersehen, ist die Tatsache, dass viele Amerikaner von Trumps unsympathisch anmutender Persönlichkeit nicht viel halten und dennoch seine Politik gutheissen. Die Wähler haben oft ein besseres Sensorium für die Stärken und Schwächen eines Politikers als die Journalisten, die sich von Worten und Gesten hinreissen lassen – ob im ­Positiven (Obama) oder Negativen (Trump). Wenn die Medien Trump wirksam zur Rechenschaft ­ziehen wollten, müssten sie auf seine Argumente eingehen – da das offenbar schwerer fällt, als die Empörung jener zu befeuern, die ohnehin empört sind, sobald Trump den Mund öffnet, widmet man sich lieber der regelmässigen Messung des ­Schwefelgeruchsgehaltes im Weissen Haus.

Der Preis aber, den die Medien bezahlen, dürfte hoch ausfallen. Aus lauter Leidenschaft, oft aus blindem Hass vermeinen die Journalisten, der gute Zweck heilige alle Mittel. Was handwerklich nicht überzeugt und faktisch nicht stimmt, überzeugt auf lange Sicht auch keine Leser. Der Vertrauens­verlust, den die Medien erlitten haben, könnte so grosse Dimensionen erreichen, dass am Ende alle nur noch Trumps Twitter-Meldungen lesen, um zu wissen, was er wirklich gesagt hat.

276'000 neue Leser. Gleichzeitig dauert der wirtschaftliche Niedergang der New York Times an: Im gleichen vierten Quartal verlor die Zeitung 20 Prozent ihrer Inserateeinnahmen, und der Reingewinn sank im gesamten Jahr 2016 um 54 Prozent von 65 auf 29 Millionen Dollar. 29 Millionen: In Anbetracht eines Umsatzes von rund 1,5 Milliarden ist das ein extrem bescheidenes Ergebnis. Man kann durchaus von einer «scheiternden» New York Times sprechen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 04.03.2017, 07:55 Uhr

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