Häme, Hundertfüssler und «Hitlery» – Trumps Online-Heer

Wer das Phänomen Trump verstehen will, muss sich sein inoffizielles Internethauptquartier anschauen. Und bleibt ratlos.

«Hundertfüssler! Ihr werdet gebraucht!»: Screenshot von The_Donald auf der sozialen Plattform Reddit.

«Hundertfüssler! Ihr werdet gebraucht!»: Screenshot von The_Donald auf der sozialen Plattform Reddit. Bild: Keystone

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«Es ist, als hätte die Natur ein Trump-Bias!», prahlt einer im Chat von The_Donald als Kommentar auf die jüngsten Umfrageergebnisse für die Vorwahl in New York. Trump ist klarer Favorit.

«Hundertfüssler! Ihr werdet gebraucht! Helft der Kampagne heute noch!», steht im The_Donald-Unterforum auf der sozialen Plattform Reddit.

Seit Barack Obama, dem Social-Media-Präsidenten, ist nichts mehr, wie es einmal war. Plötzlich steht das Internet im Zentrum der Aufmerksamkeit, wenn Politiker um Wähler buhlen wollen. Zuletzt war es der US-Präsident selber, der das Ideal der Politik in den sozialen Medien vorlebte. Eine 23’000 Fragen schwere, überwältigende Buchstabenlawine donnerte vor drei Jahren auf ihn nieder. Obwohl er längst nicht auf alle Inputs der Reddit-Community reagieren konnte, schrieb Obama damals: «Das ist ein Beispiel, wie Technologie und das Internet Gespräche unterstützen können, die unsere Demokratie stärken.»

Spätestens damit wurde klar: Der Kampf um die nächste Präsidentschaft wird mitunter im Netz entschieden. Nicht mehr nur in TV-Debatten und an Demonstrationen mit Rednern und Fähnchen. Gerade auch Reddit, als soziale Plattform besonders hierzulande oft unterschätzt, erreicht schwindelerregende Zahlen. Im nationalen Ranking liegt die Seite vor Internetgiganten wie Netflix oder Linkedin. Vor Microsofts Suchmaschine Bing. Und vor CNN.

Und genau hier setzt The_Donald, ein Teil der Reddit-Community, an. Mit zuletzt über drei Millionen Besuchern in einem Monat.

Ein Schlachtfeld der Häme

Trotz seiner enormen Reichweite – The_Donald erreicht regelmässig die Reddit-Front – wirkt The_Donald wie ein enigmatischer Insiderclub mit ganz eigener Bildsprache und eigenem Vokabular. Es ist einer der vielen Widersprüche, die der Community innewohnen. Trump könnte sich kaum akkurater in den sozialen Netzen manifestieren.

Selbst sieht sich The_Donald als «so etwas Ähnliches» wie ein offizielles Kampagnen-Unterforum für Donald Trump. Tatsächlich, da wird organisiert zum Wählen aufgerufen. Es gibt tonnenweise Erklärressourcen, Argumentarien, Grafiken und Artikel, die Trump verständlich machen sollen. Und zum Beispiel beweisen sollen, dass Trump weder misogyn noch rassistisch sei. Das kommt einer richtigen Kampagne schon ziemlich nahe.

«Für ernsthafte Trump-Unterstützer»

«Dieses Forum ist für ernsthafte Trump-Unterstützer», heisst es da. Und gleich danach: «Wir haben auch Witze, Comics und so weiter.» Ausserdem, wen wunderts: «Wir sind nicht politisch korrekt.» Und dort entgleist dann der Trump-Zug in ähnlicher Manier wie sein Lokführer es öfter tut. Und das trotz einer Armada von fast 60 Moderatoren. Es ist klar: Jede Provokation ist gewollt.

Genau wie Trump tritt auch seine Onlinecommunity wie ein Heer hämischer Trolle auf, die ihre politischen Gegner verunglimpfen. Zum Beispiel so:

  • Ted Cruz wird «Lyin’ Ted» (der lügende Ted) genannt, und es wird scherzhaft behauptet, er sei in Wahrheit der «Zodiac-Killer».
  • Hillary Clinton wird wahlweise als Shillary (ein Kofferwort aus «shill» (Lockvogel) und Hillary), «Crooked Clinton» (korrupte Clinton) oder Hitlery betitelt.
  • Über falsche Twitter-Posts sollen Bernie-Sanders-Anhänger dazu angestiftet werden, Geld unter dem Hashtag #burnitforbernie zu verbrennen – um sie so der Lächerlichkeit preiszugeben.
  • Ein Artikel, in dem Bürgerrechtler Al Sharpton als Rassenstricher bezeichnet wird, erhält Tausende Stimmen.
  • Bernie Sanders wird vorgeworfen, er ziehe den Leuten das Geld aus der Tasche und zocke sie ab. Bernie Sanders hat den grössten Teil seiner Kampagnenspenden von normalen Bürgern erhalten und unterhält keine PACs (Political Action Committees), die für ihn zahlen.

Des Weiteren: Bilder von Hitler («ein Selfie von Hillary Clinton»), ein Comic, der behauptet, Diversität heisse, «die Weissen loszuwerden», ein Poster, das Bernie Sanders neben kommunistische Diktatoren stellt, und Witze, die Jeb Bush zu einem Baby degradieren. Politik durch Witze, nicht durch Inhalte.

Das kleine The_Donald-ABC

  • Centipede: Hundertfüssler. Bezeichnung für Trump-Anhänger. Insiderwitz, der durch dieses Video entstand. (Regel 10 des Forums: «Neue Hundertfüssler müssen sich assimilieren.»)
  • Nimble Navigator: Geschickter Steuermann. Ebenfalls Bezeichnung für Trump-Anhänger, entstanden durch dasselbe Video.
  • High / low energy: Hohe / tiefe Energie. «High energy» wird oft als Zusatz für positive Trump-Nachrichten gebraucht.
  • Cuck: Kurzform von Cuckold. Bedeutet «Ehemann einer untreuen Frau». Hat sich aus Cuckoo, also Kuckuck entwickelt. «Eine gute Metapher dafür, was unsere Politiker mit unserem Land machen», schreibt einer. «Cuck» wird als Beleidigung für Nicht-Trump-Supporter gebraucht.
  • Schlonged: «Stark geschlagen», stammt von «Schlong», einem umgangssprachlichen Wort für Penis. Spezifisch gegen Hillary Clinton verwendet.
  • Berniebot: Unterstützer von Bernie Sanders, die Robotern gleich dessen Parolen wiederholen.
  • SJW: Social Justice Warrior. Krieger für die soziale Gerechtigkeit. Abwertend für Personen gebraucht, die sich für soziale Anliegen einsetzen. Wird im Netz auch andernorts gebraucht.

Aber: Immerhin macht die Community auch Witze über ihren eigenen Propheten und dessen Frisur. Manchmal bis zur postironischen Unkenntlichkeit. Das hat seinen Grund: Nicht wenige der The_Donald-Benutzer kommen aus dem berüchtigten Forum /pol/ (politically incorrect) der sogenannten Internethölle 4chan.

Wäre The_Donald nicht so gross, könnte man die Community als Randerscheinung ignorieren. Doch zu seinen prominenten Gästen für Fragerunden zählt die Gruppe etwa die konservative Moderatorin Ann Coulter, die in den USA ein Millionenpublikum erreicht und immer knapp an offen rassistischen Sprüchen vorbeischrammt. Oder Scott Adams, der Schöpfer der Dilbert-Comics – und nicht zuletzt der erzkonservative Karikaturist Ben Garrison, der nicht davor zurückschreckt, Hillary Clinton als Prostituierte zu stilisieren.

Chatten mit den Trump-Fans

Im Grunde genommen überraschen diese Tatsachen nicht. Die The_Donald-User sind Internetabbilder von Trump, könnte man meinen. Doch ein Besuch im offiziellen The_Donald-Chat zeigt: Die User fühlen sich arg missverstanden – und sie geben sich um einiges zahmer als erwartet.

«Aus der Schweiz? Cool! Hast du eine Knarre?» ist die erste Frage, die man stellt, als sich der Journalist offenbart. Einige andere sind misstrauisch und fragen nach Verifikation. «Ich kann deine Tweets nicht lesen, die sind in irgendeiner Mondsprache verfasst», sagt einer, als der Twitter-Account als Beweis herhalten soll.

Was verstehen die Medien denn ihrer Meinung nach falsch? Das Wort Lügenmedien fällt nämlich immer wieder. Gleich mehrere Chatter melden sich umgehend zu Wort. Der Tenor ist einhellig: Trump-Fans würden als Rassisten, Sexisten und Homophobe karikiert.

Weisser Abschaum

«Als wären wir alle weisser Abschaum, der in Wohnwagen lebt», beschwert sich einer. Ein anderer behauptet, er wäre Künstler. Noch ein anderer, er sei Physikstudent. Und dazu noch Asiate, schwul und Kanadier.

Ein weiteres von Trump-Supportern identifiziertes Problem: Die Medien würden Anti-Trump-Vorfälle unter den Teppich kehren. Trump-Freunde könnten ihre Meinung nicht aussprechen aus Angst vor Konsequenzen. War er denn selber schon einmal von solchen Konsequenzen betroffen? Der User verneint.

Als Ersatz wird der Vorfall «The Chalkening» ins Feld geführt. Dabei kam es nach diversen Pro-Trump-Kreidezeichnungen zu polizeilichen Untersuchungen – weil sich Linke und Liberale bedroht gefühlt hätten, heisst es.

Die Anhänger von The_Donald verstehen sich als politisch gebildet. Als Gruppe, die Fakten präsentiert statt Ideologie. Dem Klischee des arbeitslosen Rednecks wollen sie alle nicht entsprechen. Rassistisch seien weder sie noch Trump. Sie seien einfach nicht politisch korrekt, betonen sie immer wieder. Als wäre es das zentrale Mantra der ganzen politischen Bewegung. Als bedürfe es meditativer Wiederholung, um wahr zu sein.

Wie gerufen loggt sich ein «Hitler» ein. Ein User postet einen Artikel, der zeigen soll, dass viele syrische Immigranten Analphabeten sind. Die Leute lachen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.04.2016, 18:54 Uhr

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