Ein Keil mitten durch das Land

Die Vereinigten Staaten sind in zwei unversöhnliche Lager gespalten.

Kluft zwischen Unversöhnlichen: Seit neun Monaten ist das Land in zwei unversöhnliche Lager gespalten.

Kluft zwischen Unversöhnlichen: Seit neun Monaten ist das Land in zwei unversöhnliche Lager gespalten. Bild: Keystone

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Seit neun Monaten ist Donald J. Trump der Präsident dieses Landes, das ich seit 30 Jahren immer wieder besuche. Beim ersten Mal, 1987, war Ronald Reagan im Amt und stiess bei vielen auf Verachtung. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts war George W. Bush für acht Jahre im Weissen Haus der Mann, der das Sagen hatte – und man begegnete ihm aufseiten der Demokraten mit heftiger Ablehnung, aber noch nie habe ich das Land so gespalten erlebt wie jetzt.

An der Küste von Maine, wo ich seit meinen ersten Tagen in Amerika immer wieder war, Jahr für Jahr, ist die Situation verzwickt. Und obwohl Maine ein dünn besiedelter Staat ist, der nur gerade vier Elektoren stellen kann, ist der grösste der Neu-England-Staaten ein fast perfektes Abbild für das Amerika im Jahr 2017: Sieht man sich die Resultate der Präsidentschaftswahl vom letzten November aufgeschlüsselt nach den Countys an, so zeigt sich: In den Gemeinden entlang der Küste dominiert Blau – also sind die Demokraten dort in der Mehrzahl. Geht man aber ins Land, näher zu den dichten Wäldern und den kleinen Gemeinden am nördlichen Ende der Appalachen, wird es rot und röter – also überwiegen dort die Republikaner.

Was bedeutet das in Bezug auf die Bevölkerungsstruktur in Maine? Wer lebt an den Küsten, wer lebt im Inneren des Landes?

Es wird inbrünstig rezykliert, man fährt Subaru, Saab oder Volvo, aber nicht Ford.

An den Küsten, wo die Bodenpreise erheblich höher sind, wo die Villen der reichen New Yorker und Bostonians stehen, die hier für ein paar Wochen die Sommerfrische oder ihre Weihnachtstage geniessen, sind die Zuzügler mittlerweile in der Mehrheit. Gut ausgebildete Menschen von weiss nicht woher, aber nicht aus Maine, denn den starken, markanten Akzent der richtigen Mainer – aus «garden» wird bei ihnen «gaaden» –, der unverkennbar ist, hört man kaum mehr in Portland, Boothbay oder Camden. Dafür gibt es jetzt in all diesen Orten viele «Liberals» aus Massachusetts, viele Intellektuelle und auffällig viele Homosexuelle.

Es wird inbrünstig rezykliert, die Bio-Läden haben eine treue Stammkundschaft, man fährt Subaru, Saab oder Volvo, aber nicht Dodge, Ford oder Buick. Die Pick-ups gehören überwiegend den Hummerfischern oder Handwerkern, aber nicht den Lehrerinnen, Sozialarbeiterinnen oder den pensionierten Professoren und ihren noblen Frauen. Das totale Unverständnis für Donald J. Trump ist offen spürbar bei diesen Menschen. Dass er zum Beispiel nicht sofort stärkere Hilfsmassnahmen für die vom Hurrikan gebeutelten Menschen auf Puerto Rico angeordnet hat, empört meine lesbischen Nachbarinnen über alle Massen. Und sie fürchten sich davor, dass er einen Nuklearkrieg auslöst.

Klug, gebildet, international

Diese Kluft zwischen den liberalen, gut ausgebildeten, aufgeweckten, alternativen Menschen an den Küsten und den Cowboys, Berglern, Farmern im Inneren des Landes zeigt ein erweiterter Blick auf die Wahlergebnisse vom letzten November exemplarisch. Im Inneren der USA gibt es mit New Mexico, Colorado, Minnesota und Illinois nur vier Staaten, die nicht Trump gewählt haben. Den Ausschlag gaben dort aber immer die grossen Städte: Albuquerque, Denver, Minneapolis und Chicago. Das ländliche Umfeld hatte auch dort fast nirgends Hillary Clinton den Vorzug gegeben.

In Neu-England ist die Situation sogar noch etwas komplexer. In jüngerer Vergangenheit eher links (demokratisch) ausgerichtet, regieren in Maine, Massachusetts, New Hampshire und Vermont seit den letzten Wahlen überall republikanische Gouverneure. Das Auffällige daran ist: Keiner dieser Staaten entschied sich für Trump, alle wählten Hillary Clinton. Massachusetts (60 Prozent) und Vermont (56 Prozent) gingen ganz klar an die Demokratin, Maine (47,8 zu 44,9 Prozent) und New Hampshire (46,8 zu 46,5 Prozent) nur knapp. Was bedeutet das? Dass ein guter Teil der Wählerinnen und Wähler nicht nach dem Parteibuch entschieden hat, sondern nach der Person. Gouverneur Charlie Baker in Massachusetts beispielsweise hat sich offensichtlich auch über die Parteigrenzen hinaus Achtung und Respekt verschafft. Er hat eine hohe Zustimmungsrate.

Es wird also sehr wohl unter die Lupe genommen, was für einen Leistungsausweis ein Kandidat oder eine Kandidatin vorlegen kann. Was wiederum den Rückschluss zulässt, dass die Wahl von Donald Trump beziehungsweise die Nichtwahl von Hillary Clinton ernst zu nehmen sind. Und das Augenmerk muss wohl eher auf ihrer Nichtwahl als auf seiner Wahl liegen. Denn überall wurde sie ja als klare Favoritin gehandelt. Mit allen bekannten Vorzügen: klug, gebildet, politisch erfahren, international vernetzt. Aber dennoch scheiterte sie. Es war also sie, die es aus der Hand gab.

Häme, Spott, kübelweise

Von den Verlierern der Präsidentschaftswahl 2016 wird immer wieder das Argument ins Feld geführt, eigentlich sei Hillary ja Präsidentin, denn sie habe, aufs ganze Land gesehen, ja mehr Stimmen erhalten als Trump (65 853 625 zu 62 985 106). Sieht man sich aber die nach Blau und Rot aufgeteilte Karte des Landes an, ist Rot ganz klar dominierend. Viel mehr Countys zwischen der Ost- und der Westküste wollten den Republikaner – nur sind sie weniger dicht besiedelt als die Städte.

All jenen, die sich für Trump entschieden haben, wird tagtäglich eingebläut, wie dumm, wie schrecklich und wie gefährlich ihr Präsident sei. Da die Medienhäuser auch in den Staaten, die für Trump waren, immer in den Städten sind, nie auf dem Land und da zudem die Medien oft «syndicated» sind, also zusammengeschlossen, ist die Botschaft fast einhellig: Trump ist ein Idiot.

Als Beispiel sei hier die beliebte Sendung «The Tonight Show» bei NBC angeführt, jeden Abend aus dem Rockefeller Center in New York City ausgestrahlt. Gastgeber ist der ehemalige Comedian Jimmy Fallon. Es vergeht fast keine Sendung, bei der Fallon seinen Monolog zum Beginn nicht mit der Phrase «Here’s what people are talking about» beginnt – und dann mit den neusten negativen Schlagzeilen aus dem Weissen Haus eröffnet. Häme, Spott, Herablassung. Kübelweise. Täglich, ausser am Wochenende.

Aber stimmt das? Ist es wirklich das, worüber die Menschen reden? In New York City vielleicht schon. Oder in Boston, Washington, D.C., oder Los Angeles. Aber wie steht es im Pottawatomie County in Oklahoma, im Johnson County in Wyoming, im Casey County von Kentucky oder im Piscataquis County von Maine? Was denken die Menschen, Bürger, Wähler, Steuerzahler dort?

Kürzlich war Hillary Clinton bei Fallon zu Gast. Sie wurde empfangen, als wäre sie die Präsidentin. Ihr wurde gehuldigt. Natürlich kam man auch auf ihr Buch «What Happened» zu sprechen, in dem sie aufgearbeitet hat, wie es gegen Trump zu dieser unerwarteten Niederlage hatte kommen können. Sie sprach unter anderem von dem «Geheimnis» («Mystery») rund um die Wahl. Ein kaum zufällig gewähltes Wort, sie wollte wohl andeuten, dass nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Clinton führte sich extrem staatsmännisch auf und sagte noch etwas anderes, Bemerkenswertes: Es hätte sie nicht so sehr getroffen, wenn sie gegen einen anderen Republikaner verloren hätte, einen der «temperamentally capable» sei, behauptete sie. Mit anderen Worten: Sie kann es nicht verwinden, gegen Trump verloren zu haben, der vom Temperament her unberechenbar ist. Oder wollte sie sagen: «Mentally incapable» – unzurechnungsfähig.

Krasse Parteinahme

Diese absolute Unausgewogenheit in der Darstellung der Dinge im Rahmen der «Tonight Show» ist augenfällig. Alle Gäste bei Fallon sind sich im Urteil über Trump einig. Nie wehrt sich jemand für den Präsidenten, schon gar nie sagt einer der Schauspieler, Musiker, Komiker oder Regisseure: «Er ist mein Präsident. Ich habe ihm meine Stimme gegeben.» Keiner bis dato. Das ist derart einseitig und störend, dass es die Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenkt: Nie, nie, nie wird einer der Gäste mit einem kritischen Wort bedacht. Fallon «liebt» immer alles, was seine Gäste tun, oder er «liebt» sie generell, findet jeden neuen Film, jede neue Platte, die sie vorstellen, grossartig, «the best». Auch wenn einige dieser Filme und Platten nachher fürchterlich floppen und niemand sie so toll findet wie er.

Das Augenmerk muss wohl eher auf der Nichtwahl Hillary Clintons liegen.

Was heisst das: dass diese Sendung – eine Institution im amerikanischen Fernsehen, auf Sendung seit September 1954 – eine lockere Abfolge von Lügen, Unwahrheiten und Fehleinschätzungen ist. Es brauchte die Wahl Trumps und diese krasse Parteinahme Fallons um mir, der ich die Sendung seit 30 Jahren mehr oder weniger regelmässig anschaue, endlich die Augen zu öffnen.

Es fragt sich, was die Menschen über eine solche Sendung denken, die Trump die Stimme gaben. Will man sich das ansehen, egal ob man mit all dem einverstanden ist oder nicht, was der Mann im Weissen Haus macht? Will man jeden Abend die Botschaft hören, dass der Mann ein Trottel und eine Zeitbombe ist – und man in dem Fall selber auch, denn man hat den Trottel und diese Zeitbombe ja schliesslich gewählt. Zu was für einem Medienverhalten führt dieses Gebaren eines Leitmediums bei den 62 985 106 Menschen, vorwiegend auf dem Land? Diese Arroganz, diese absolute Überzeugung, man habe selber die Weisheit mit dem Löffel gefressen, der Blonde aber mit der Haartolle sei der Dümmste aller Dummen?

Ich weiss, was Arroganz bedeutet. Ich habe sie selber auch schon kennengelernt. Ich war Student der Geschichte an der Uni Basel, als am 9. Dezember 1987 – ich war frisch zurück vom ersten Aufenthalt in den USA – Adolf Ogi zum Bundesrat gewählt wurde. Der Aufschrei war riesig, das blanke Entsetzen herrschte. Und ich weiss noch genau, welcher Spruch die Runde machte: Man sollte gewisse Leute einfach nicht wählen lassen.

Heute schäme ich mich für diesen zutiefst undemokratischen Spruch, der auch mir über die Lippen kam. Aber es ist exakt diese Haltung, Ablehnung statt aufrichtiger Auseinandersetzung, die grösste Sorgen bereitet. Werden die Amerikanerinnen und Amerikaner wieder lernen, einander ernst zu nehmen? (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.10.2017, 10:09 Uhr

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