Störgeräusche gegen US-Diplomaten

Mysteriöse «akustische Attacke» auf amerikanische Botschaftsangehörige in Havanna: Die Ursachen sind geheimnisvoll.

Hörsturz, Kopfweh, Schwindel. Kubas Hauptstadt Havanna ist Schauplatz eines echten Mysterythrillers.

Hörsturz, Kopfweh, Schwindel. Kubas Hauptstadt Havanna ist Schauplatz eines echten Mysterythrillers. Bild: Keystone

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Die Symptome sind beunruhigend: Störungen des Hörorgans, Verlust des Gleichgewichts, Hörsturz, Kopfweh, Schwindel. Insgesamt 24 Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft in Havanna sollen im letzten Jahr Attacken mit einer bislang unbekannten «Ultraschall-Waffe» ausgesetzt worden sein, die ihre Gesundheit so schwer beeinträchtigte, dass sie in die USA zurückreisen mussten.

Die Nachrichtenagentur AP will sogar Tonaufnahmen erhalten haben, die tatsächlich eher unangenehme Geräusche dokumentieren, mit denen US-Bürger in Havanna traktiert wurden. Angeblich.

Ausgereifte Technologie

Diese Ereignisse führten dazu, dass die noch unter Präsident Barack Obama von einer Interessensvertretung zur Botschaft aufgewertete Repräsentanz der USA auf der letzten Insel des Sozialismus bis heute mehr oder minder verwaist an der Uferpromenade Malecón steht – nur noch ein US-Beamter hält die Stellung.

Und natürlich fliegen wie in den besten Zeiten des Kalten Kriegs die Anschuldigungen hin und her. Senator Marco Rubio aus Florida, Sohn von Exil-Kubanern, veranstaltete ein Senats-Hearing, in dem er behauptete, dass diese Angriffe so raffiniert seien, dass damit bewiesen sei, dass sie nur von der kubanischen Regierung oder einem Drittstaat wie Russland initiiert sein könnten: «Was auch immer diesen Beamten widerfahren ist, ist das Ergebnis einer ausgereiften Technologie, die ehrlich gesagt so ausgefeilt ist, dass wir sie nicht verstehen.»

Wie Science-Fiction

Sie ist tatsächlich so raffiniert, dass es selbst dem FBI, das von der kubanischen Regierung zwecks Teilnahme an den Untersuchungen nach Havanna eingeladen worden war, bis heute nicht gelungen ist, irgendwelche Beweise oder Indizien für eine Attacke mit einer Hightech-Waffe zu finden.

Deshalb beschuldigt die kubanische Regierung anticastristische Kreise in den USA, diesen Vorfall als Vorwand zu verwenden, um die bilateralen Beziehungen der beiden Länder zu verschlechtern. Es gebe keinerlei Indizien, die die Verwendung des Wortes «Attacke» auf US-Diplomaten in Havanna rechtfertigen würden.

Das kommunistische Parteiorgan Granma zitierte zudem eine ganze Reihe internationaler Experten, die die Existenz einer solchen Ultraschall-Waffe in den Bereich der Science-Fiction verweisen.

Als Kollateralschaden müssen seit letztem Jahr Kubaner in Drittstaaten ausweichen, wenn sie sich ein Visum für die USA verschaffen wollen, da der einzige US-Konsularbeamte natürlich von den Anträgen völlig überfordert ist. Das führt wiederum dazu, dass beispielsweise die kolumbianische Botschaft in Havanna von Kubanern belagert wird, die sich zuerst ein Visum für dieses lateinamerikanische Land besorgen wollen.

Internationales Phänomen

Der ganze Vorfall bleibt ein Mysterium. Auch ein Mitarbeiter der kanadischen Botschaft in Havanna klagte über die gleichen Symptome und wurde ebenfalls in sein Heimatland abgezogen, ohne dass Kanada weitere Massnahmen ergriffen hätte.

Da diese Gesundheitsbeeinträchtigungen an verschiedenen Orten, in Hotelzimmern oder in der Wohnung der Diplomaten stattfanden, ohne dass es weitere Opfer gab, beispielsweise in angrenzenden Hotelzimmern, sind die Ursachen tatsächlich geheimnisvoll.

Die ganze Affäre erinnert an den Roman «Unser Mann in Havanna» von Graham Greene aus dem Jahre 1958. Kurz vor der Revolution der Brüder Castro lässt sich der Staubsaugervertreter James Wormold aus Geldnot als Spion anwerben und erfindet die Existenz eines eigenen Spionagenetzes und eines riesigen militärischen Komplexes auf der Insel. Die von ihm gelieferte Skizze entpuppt sich allerdings bei näherer Betrachtung als die ins Groteske vergrösserte Darstellung eines Staubsaugers. Obwohl all das nur der Fantasie von Wormold entspringt, gibt es in der realen Welt reale Tote.

Nachdem sich diese Affäre in Havanna schon fast in Schall und Rauch aufgelöst hatte, vermelden die USA aktuell die Erkrankung von zwei US-Diplomaten in der chinesischen Stadt Guangzhou, nachdem sie «ungewöhnliche Geräusche» wahrgenommen haben, wie die New York Times schreibt.

Auch hier sind bislang keine Ursachen entdeckt worden, obwohl die Symptome «vollständig mit den medizinischen Befunden übereinstimmen», die in Kuba erhoben wurden, sagt US-Aussenminister Mike Pompeo.

Ein echter Mysterythriller. Sollten tatsächlich Kuba, Russland oder China mit einer Akustikwaffe experimentieren und die ausgerechnet an US-Diplomaten ausprobieren? Oder ist es wie meist die CIA? Oder ist ein Hightech-Bösewicht aus einem James-Bond-Film zum Leben erwacht?

Zumindest ist aus einem kubanischen Phänomen ein internationales geworden. (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.06.2018, 10:26 Uhr

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