Stunde der Heuchler

Mark Zuckerberg entschuldigt sich, Facebook will sich bessern, Trump bleibt Präsident.

Datenfresser, Datenausbeuter. Mark Zuckerberg wird seine Interessen weiterverfolgen.

Datenfresser, Datenausbeuter. Mark Zuckerberg wird seine Interessen weiterverfolgen. Bild: Keystone

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Hass macht blind. Wenn diese alte Erkenntnis sich derzeit ein weiteres Mal bewahrheitet, dann am Beispiel der zahllosen Gegner des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Ihr Hass ist so gross, dass sie Dinge tun, die sich am Ende als Selbstzerstörung erweisen. Im blinden Eifer, Trump um jeden Preis in Schwierigkeiten zu bringen, sprengen sie die eigenen Truppen in die Luft.

Der neueste Fall betrifft Facebook, eine Firma im Silicon Valley, die seit Jahren berühmt ist für ihre Parteilichkeit. Spenden gehen vorwiegend an die Demokraten, fast das gesamte Management wählt diese linksliberale Partei, während in der Belegschaft die konservativen Republikaner so selten anzutreffen sind wie afrikanische Nashörner in Afrika. Mark Zuckerberg, einer der Gründer und Besitzer, ein Milliardär, der meistens T-Shirts trägt, als wollte er von seinem Reichtum ablenken, genoss jederzeit Zugang zum ehemaligen Präsidenten Barack Obama, den er stets unterstützt hat, ob finanziell oder mit heiliger Begeisterung. Das Silicon Valley war und ist mehrheitlich links, daraus haben die Demokraten enormen Nutzen gezogen.

Linke ruft nach Regulierung

In den Augen der Trump-Gegner steht Facebook neuerdings als Übeltäter da. Die vielen Zuwendungen waren schnell vergessen, seit klar geworden war, dass eine Trump-nahe Firma, Cambridge Analytica, Millionen von Daten von Facebook-Usern dazu benutzt hat, Trump ins Weisse Haus zu bringen. Seither ist Feuer im Dach. Facebook wird selbst in linken Medien kritisiert, auf einmal stellt man entrüstet fest, wie viel Geld die Firma damit verdient, dass sie unsere privaten Daten weiterverkauft.

Der bisher so beliebte Ausbeuter, weil er links stand, wird nun auch in linken Kreisen als das betrachtet, was er immer war: Ein Datenfresser, ein Datenausbeuter, ein Unternehmen, das unter dem Vorwand, Freunde mit Freunden zu verbinden, deren intimsten Geheimnisse an die Werber verkaufte, ohne dass diese Freunde sich dessen allzu bewusst waren – besonders das Ausmass ist bis heute unbekannt. Wurde nur weitergegeben, dass ich Ferien in Italien plante – oder offensichtlich auch, welche Partei ich wählte?

Wie immer in solchen Momenten ruft die Linke nach Regulierungen, vor allem nach Zensur, was Zuckerberg längst beherzigt hat: Konservative Autoren und Websites werden seit ein paar Monaten per Algorithmus systematisch benachteiligt und vom Netz ferngehalten – während Zuckerberg in bester masochistischer Manier sich für Dinge entschuldigt, die er seit Jahren getan hat, denen er sein ganzes Vermögen verdankt, für die er sich an jeder Party feiern liess.

Ein unanständiges Angebot

Denn machen wir uns nichts vor. Wer im Internet unterwegs ist, erhält nur scheinbar alles kostenlos: Was man nicht mit Geld bezahlt, das bezahlt man mit seinen Daten, seinen Kontakten, seinen Vorlieben, seinen besten Freunden. «Soziale Medien» sind nicht besonders sozial, sondern es sind Unternehmen des Verrats, der Indiskretion, der heimlichen Gemeinheiten. Es hat daher etwas zutiefst Heuchlerisches, wenn Leute sich nun plötzlich daran stören, dass mit ihren Daten Geschäfte betrieben werden.

«There is no such thing as a free lunch», sagen die kapitalistischen Amerikaner zu Recht – es gibt kein Mittagessen umsonst. Oder um es aus der Sicht eines Chefredaktors einer abonnierten Tageszeitung zu sagen: Wer glaubt, im Netz seine Nachrichten gratis lesen zu können, hat sich getäuscht. Er hat immer bezahlt, ohne aber zu wissen, wie teuer ihn das zu stehen kam. Vielleicht hat ihn das seine ganze Privatsphäre gekostet. Kurz, abonnieren Sie eine Zeitung, wenn Sie nicht wollen, dass irgendein Werber weiss, was Sie im Geheimsten bewegt.

Bei Obama war es in Ordnung

Der Heucheleien nicht genug. Es wirkt grotesk, wenn nicht gespielt, dass Facebook erst jetzt für Empörung sorgt – und offensichtlich nur deshalb, weil Trump angeblich von deren Geschäftsmodell profitiert hat. Barack Obamas Leute haben für den Wahlkampf von 2012 genau das Gleiche getan – mit dem einzigen Unterschied, dass sie fünf Mal mehr Daten gesammelt und für ihre politischen Zwecke genutzt hatten. Nicht ohne Stolz erzählte Carol Davidsen, die Leiterin dieser perfekt organisierten Bemühungen im Obama-Wahlkampfteam: «Facebook war überrascht, dass wir es fertiggebracht hatten, die vollständigen sozialen Profile [auf Facebook] abzusaugen, doch sie hielten uns nicht davon ab, als sie das merkten.» Auf Englisch sprach Davidsen vom «social graph», einem Schlüsselbegriff im Geschäft von Facebook, es handelt sich um das möglichst detaillierte Profil eines Nutzers, wo alles, was ihn persönlich betrifft, vermerkt ist, damit ein Werber ihn gezielt ansprechen kann. Hinterher, das sagte Davidsen ebenfalls öffentlich, seien die Manager von Facebook «sehr ehrlich gewesen und hätten zugegeben, dass sie uns erlaubt hatten, Dinge zu tun, die sie niemandem sonst zugestanden hätten, doch, so beteuerten sie, hätten sie das zugelassen, weil sie auf unserer Seite standen».

Nachdem Obama wiedergewählt worden war, wurde Davidsens Team in den Medien als «genial» gefeiert. Niemand habe so viele Daten zusammengezogen und sie so raffiniert verknüpft, um Wähler anzusprechen. Alles passte zusammen: Obama, der Star der Moderne, konnte doch gar nicht anders, als sich der modernsten Methoden zu bedienen, stellten die urbanen Eliten mit Genugtuung fest. Wenn eine andere Firma, zum Beispiel Cambridge Analytica, die gleichen Methoden anwendet, um den politischen Neandertaler Trump ins Amt zu spedieren, dann ist allerdings alles anders: Das Mittelalter kehrt zurück, und die verschreckten Gläubigen rufen nach der Heiligen Inquisition.

Wer hat Angst vor dem Stimmbürger?

Gefoltert wird vorderhand nicht. Zuckerberg, dem Sünder, wird wohl verziehen, sofern er sich noch einige Male auf offener Bühne geisselt. Dass Facebook sich ändert, scheint dagegen unwahrscheinlich. Daten zu verkaufen ist ihr Geschäft, und wer sich dieses Netzwerks bedient, muss das wissen und darf sich hinterher nicht beklagen. Trotz aller Reue, trotz aller Heucheleien: Im Hintergrund verfolgt Facebook entschlossen seine Interessen weiter. Eben wurde bekannt, dass die Firma einem politischen Aktionskomitee 200 000 Dollar zukommen liess, um eine Volksinitiative zu bekämpfen, für die in Kalifornien – einer direkten Demokratie – derzeit Unterschriften gesammelt wird. Das Begehren würde Facebook und andere Silicon-Valley-Firmen zwingen, für mehr Transparenz in ihrem Datenhandel zu sorgen. «Sie müssten offenlegen», so berichtet die Los Angeles Times, «welche persönlichen Daten der Kalifornier sie registrieren, kaufen oder weitergeben. Ausserdem müssten sie den Konsumenten zugestehen, dass diese eine solche Praxis allenfalls untersagten.»

Angesichts des «Skandals» um Cambridge Analytica haben die Initianten die linksliberalen Manager von Facebook aufgefordert, ihren Widerstand gegen dieses politische Anliegen einzustellen. Die Antwort steht noch aus. Alles andere als ein Nein wäre eine Überraschung.

Hass macht blind. Das Silicon Valley galt in Amerika neben Hollywood als Hochburg der Linken. Und genauso wie sich Hollywood wohl nie mehr von Harvey Weinstein, dem König der sexuellen Belästigung, erholen wird, weil dieser Freund demokratischer Präsidenten ganz Hollywood als Institution der Heuchler entlarvt hat, dürfte Facebook dem Silicon Valley auf Dauer schaden. Ein Ort der Innovation sieht inzwischen aus wie eine Abteilung einer orwellschen Überwachungsbehörde. (Basler Zeitung)

Erstellt: 24.03.2018, 08:01 Uhr

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