Trumps irrwitzige Seifenoper

Eine zunehmende Anzahl Menschen fragt sich irritiert, wie viel Einfluss Ivanka Trump auf ihren Vater hat.

Regieren, das war gestern – heute herrscht «Der Washington Clan». Tamara Wernli über die Präsidenten-Familie Trump.


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Stellen Sie sich vor, Sie hätten zu Hause ein Problem mit dem Herd. Sie rufen also den Elektriker an – aber an seiner Stelle kommt seine Tochter. Die ist zwar nicht Elektrikerin, dafür versteht sie etwas von Mode und Wirtschaft. Ausserdem ist sie klug und charmant, nach der Logik des Vaters bringt sie den Herd gewiss wieder in Schuss. So ähnlich offenbart sich das Szenario in Amerika. Nur ist der Papa nicht Elektriker, sondern US-Präsident.

Eine zunehmende Anzahl Menschen fragt sich irritiert, wie viel Einfluss Ivanka Trump auf ihren Vater hat. Vergangene Woche setzte sie einen Tweet ab, in dem sie ihre Abscheu über den Giftgasangriff in Syrien ausdrückte – 24 Stunden später flogen die Tomahawk-Raketen. Gemäss der britischen Zeitung Sunday Times spielte sie eine entscheidende Rolle beim Sinneswandel ihres Vaters. Ob sie ihn tatsächlich zu dem Angriff überredet hatte, ist unbekannt. Bekannt ist, dass Trump auf niemanden so hört wie auf seine Lieblingstochter.

Sie verkauft die Familienmarke besser

Ivanka, 35, Wirtschaftsstudium, früher Modeunternehmerin und Vizepräsidentin in der «Trump Organization», heute setzt sie sich für Frauenthemen in der US-Regierung ein. Mit ihrer Eloquenz und der einnehmenden Erscheinung ist Ivanka der Weichzeichner ihres Vaters. Ist sie an seiner Seite, scheint er angenehmer, milder, sie verkauft die Familienmarke besser als er, gewinnt jene, die er nicht gewinnt. Schon vor ihrem offiziellen Job im Weissen Haus war sie bei seinen Treffen mit Staatsoberhäuptern anwesend, bei Shinzo Abe, Justin Trudeau, Angela Merkel, oder am Telefon mit Mauricio Macri. Für manche zu viel des Guten: «Ich erinnere mich nicht, sie gewählt zu haben», liest man in US-Kommentarspalten immer häufiger.

Donald Trump hat selbstverständlich das Recht, Tochter (und Schwiegersohn) zu seinen engsten Beratern zu machen, auch wenn beide keinerlei politische oder militärische Erfahrung mitbringen – immerhin sind sie mit der Immobilien- und Fashionbranche bestens vertraut. Er darf Entscheide treffen, die auf ihren emotional-gefärbten Ansichten basieren. Kann sie an staatspolitische Meetings mitnehmen – das ist etwa so, wie wenn Eltern ihre adretten Kleinkinder benützen, um auf andere einen guten Eindruck zu machen. Vetternwirtschaft geht in Ordnung – irgendjemand muss ja vom Präsidentenamt profitieren.

Nicht vom amerikanischen Volk gewählt

In den sozialen Medien präsentiert Ivanka nahezu täglich Fotos und Videos von sich im Kontext mit dem Weissen Haus; ihr Sohn krabbelt dort auf dem Teppich, mit dem Gatten gehts an eine Gala, mit Politikern lächelt sie in die Kamera. Oder sie äussert sich zu politischen Themen. Neulich nahm sie in einem CBS-Interview zu Vorwürfen Stellung, sie würde kritiklos die Positionen ihres Vaters unterstützen: Ihre Meinung sage sie ihm im Privaten, da es ihr «nicht darum geht, ihre eigenen Ansichten zu promoten». Sie sei ja nicht vom amerikanischen Volk gewählt worden. Unter dem Aspekt scheint ihre Hingabe, mit der sie fast jeden ihrer Schritte mit dem Volke teilt, ja umso lobenswerter. So sehen es auch ihre Facebook-Fans: «Ivanka, the first female president!»

Regieren, das war gestern. Heute herrscht «Der Washington-Clan». In den Hauptrollen: Daddy-Milliardär, sein Schwiegersohn und die schöne Vorzeigetochter. Dass mit dieser Konstellation dereinst auch das Schicksal eines gewissen berühmten Koffers vom Gutdünken letzterer abhängig sein dürfte, ist für den Spannungsbogen einer Soap nur angemessen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.04.2017, 10:14 Uhr

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