Wie Amerikaner die Kubaner melken wollen

Ausländer strömen in die Bastion des Kommunismus und suchen: das grosse Geschäft. Immer mehr Kubaner reagieren geschockt.

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Um Mitternacht tobt in den heissesten Clubs von Havanna das Leben. Zu den üblichen Gästen aus jungen Kubanern und neugierigen Touristen aus Europa gesellen sich in jüngster Zeit internationale Prominente und amerikanische Hedge-Fonds-Manager. Zehn Monate, nachdem die USA und Kuba die Neuausrichtung ihrer Beziehungen bekannt gaben, hat sich die Atmosphäre auf der Karibikinsel verändert.

Früher kamen Kanadier und Europäer ins Land, die billige Strandangebote gebucht hatten, sowie linksgerichtete Amerikaner auf Besuch in Bio-Farmen und Stadtteilkliniken. Heute strömen Musikproduzenten, Sterne-Köche und Investoren ins Land, alle auf der Suche nach der Chance, in einer der letzten Bastionen des Kommunismus bald Millionen zu verdienen. In der High Society von Havanna macht sich eine Goldgräberstimmung breit, wie sie seit mehr als 50 Jahren nicht zu spüren war.

Nachtleben revolutionieren – auf amerikanische Art

«Das nächste grosse Ding wird das Nachtleben», sagt Ziad Chamoun, der in Boston Restaurants und Clubs besass und heute Weine in die USA importiert. «So war es in Cancún auch.» Er trinkt an diesem Samstagnachmittag in einer Villa mit Meerblick Champagner mit seinen Freunden, darunter der Chef einer der weltgrössten Investment-Fonds, die auf Schwellenmärkte spezialisiert sind. «Wir überlegen, einen Nachtclub zu eröffnen mit DJs, VJs, Laser-Shows, Musik und Tanzen», erklärt Chamoun weiter. «Wir wollen dem Trend voraus sein und ihm nicht hinterherlaufen.»

Die Prominenten sind auf jeden Fall schon da. In den vergangenen Wochen feierten unter anderem Mick Jagger und Katy Perry auf der Insel – wenn auch getrennt. Die Rapper Usher und Ludacris wurden ebenso gesehen wie Jimmy Buffett, der ein Privatkonzert für Freunde gab. Das US-Magazin «Vanity Fair» zeigt Rihanna auf dem Titel, fotografiert von Annie Leibowitz in Havanna.

Die Touristik-Unternehmen in Kuba, die bisher Amerikanern die Insel zeigten, gründen derzeit Consulting-Ableger, um ihren Teil vom Kuchen abzubekommen. Und Kubaner mit Geld und ausländischen Unterstützern renovieren alte Gebäude und verwandeln sie in kleine Hotels mit gehobenen Restaurants und Konferenzräumen.

Die Beziehungen zwischen den USA und Kuba

Hannah Berkeley Cohen kam nach Kuba, um Marxismus zu studieren. Später arbeitete sie als freie Journalisten und als Reiseführerin für Kunden, die sie als «linksgerichtete, selbst ernannte sozialistische Demokraten aus Neuengland» bezeichnet. Heute führt sie drei Wochen pro Monat nachts Amerikaner durch die angesagtesten Clubs der kubanischen Hauptstadt und zeigt ihnen tagsüber den verfallenen Wohnungsbestand. Die Gäste wollen sich schliesslich nicht nur vergnügen, sondern auch lukrative Immobilieninvestments auftun. «Alle wollen hier sein, bevor alle hier sind», beschreibt sie die Stimmung unter ihren Kunden.

Der Anblick von teuren Restaurants und Clubs ist für manchen Einheimischen schwer zu ertragen. Ausländer und reiche Kubaner geben an einem Abend meist ein Vielfaches des durchschnittlichen Monatslohns eines kubanischen Staatsangestellten in Höhe von 30 Dollar aus. «Die Veränderungen sind dramatisch für eine grosse Mehrheit, die die Einstellung hat, dass jeder zu allem Zugang haben sollte», sagt Octavio Borges Pérez, langjähriger Kulturkritiker bei der amtlichen kubanischen Nachrichtenagentur. «Für viele ist es schockierend, dass man in gewisse Läden nur hineinkommt, wenn man zahlen kann.»

Auch Experten wittern das Geschäft

Das Wissen der Akademiker und Reiseführer, die sich auf Kuba konzentrierten, war bis vor kurzer Zeit wenig profitabel. Heute erfinden sie sich als Berater neu. Zu ihnen gehört Collin Laverty, der Bildungsreisen nach Kuba organisiert. Die waren auch früher schon erlaubt. Im Juli gründete er die Firma Havana Strategies und reagierte damit auf die gestiegene Nachfrage nach Kuba-Experten. Laverty berichtet von zahlreichen Anfragen. Die Leute wollten Pfeifen oder Traktoren verkaufen, Hotelprojekte entwickeln, Triathlons oder Konzerte veranstalten. «Das Interesse in allen Bereichen ist unglaublich.»

Die Kuba-Experten Julia Sweig und Phil Peters haben D17 Strategies gegründet, eine Beratungsfirma, benannt nach dem Tag, an dem US-Präsident Barack Obama und sein kubanischer Kollege Raúl Castro im vergangenen Dezember eine Neuausrichtung der Beziehungen beider Länder ausgerufen hatten. Die Beschäftigung mit Kuba sei bisher eher eine akademische Übung gewesen, erklärt Ted Henken, Kuba-Experte am Baruch College. «Jetzt gibt es die Möglichkeit, dieses Wissen und die Kontakte in etwas von praktischem ökonomischem Wert und ein Gehalt zu verwandeln.»

Ein weiter Weg

Seit dem 17. Dezember hat die kubanische Regierung keine grösseren Deals mit amerikanischen Firmen verkündet. Tom Popper, Chef des Touristikunternehmens insightCuba, geht davon aus, dass der Inselstaat Neuankömmlinge nicht euphorisch begrüssen wird. Er traf während der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York kürzlich zu einem kurzen Gespräch mit Castro zusammen. Dieser habe gesagt, dass Kuba weiterhin den US-Firmen vertraue, die schon seit längerem im Land arbeiteten.

«Er hat erklärt, dass Freundschaft und Vertrauen mit der Zeit aufgebaut werden und kein Privileg sind», sagt Popper. «Er sagte, wir hätten einen guten Start erwischt, aber der Weg sei noch weit.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.10.2015, 21:19 Uhr

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