Frankreich, am Zerbrechen

Die mutmasslichen Attentäter von Paris sind tot. Stirbt auch die Grande Nation? Ein Kommentar.

Wie ein Fluch verfolgen Frankreich die Sünden der Vergangenheit: Ein französischer Polizist bewacht die grosse Moschee in Paris.

Wie ein Fluch verfolgen Frankreich die Sünden der Vergangenheit: Ein französischer Polizist bewacht die grosse Moschee in Paris.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Niemand weiss genau, wie viele Muslime in Frankreich leben, niemand weiss, wie viele Menschen algerischer oder allgemein maghrebinischer Herkunft dort eine neue Heimat gefunden haben, ­niemand, der in Frankreich eine Statistik aufstellen möchte, darf danach fragen, weil solche Erforschung der Ethnizität oder der Religionszugehörigkeit hier der durch und durch laizistischen Tradition der französischen Republik widerspricht.

Gezählt werden von den Ämtern nur Staatsbürger oder Ausländer. Daher fehlen offizielle Zahlen. Man schätzt, dass zwischen fünf und acht Millionen Einwohner des Landes ursprünglich aus Nordafrika stammen – entweder sind ihre Eltern eingewandert oder sie selbst –, bei einer Gesamt­bevölkerung von 65 Millionen stellt das inzwischen eine beachtliche Minderheit dar.

Eine Subkultur in der Grande Nation

Zum Teil sind diese Menschen aus Nordafrika mehr als eine Minderheit, viele leben – ob mit Absicht oder unfreiwillig – in einem eigenen ­abgesonderten Land, im Ghetto, in den verwünschten Banlieues von Paris oder den grässlichsten Vierteln von Marseille und Toulouse, sie besiedeln einen Staat im Staat, sie bilden eine Subkultur in der Grande Nation, die nach eigenen Regeln und Werten verfährt. Hier finden die ­Islamisten, strenge, mörderische Ideologen, die im Namen ihrer Religion Menschen vernichten, Gefolgschaft.

Gewiss, viele Einwanderer aus den ehemaligen französischen Kolonien in Nordafrika haben sich gut integriert, gehen einer Arbeit nach, ­gründen Familien, spielen mit ihren Kindern, essen gut und gern, sind Franzosen geworden, wie jene, die schon zur Zeit der Kreuzzüge im Land waren oder einst Napoleon in den Krieg gefolgt sind. Manche fühlen sich sehr wohl, manche weniger, und doch gibt es kaum ein Land in Europa, das wie Frankreich im Begriff ist, innerhalb der eigenen Grenzen eine Art neues Land entstehen zu sehen, dessen Bewohner das grössere Land, dem sie offiziell angehören, feindselig oder verständnislos betrachten.

Licht und Schatten

Verzweiflung, Resignation, Ressentiments, Enttäuschung, Hass: Wenn es ein Land gibt, dessen Immigrationspolitik Ruinen in den eigenen Provinzen und eine Mondlandschaft in den Seelen seiner Einwohner hinterlassen hat, dann ist es Frankreich, ein Land, das wie kaum ein anderes zum Glanz der europäischen Kultur beigetragen hat. Heute ist es besser bekannt als das Land, wo an einem helllichten Tag in einem Redaktionsbüro Menschen über den Haufen geschossen werden, weil sie eine lustige Zeichnung machen wollten. Paris, im Januar 2015, Stadt des Hasses.

Im Jahr 1827, am 29. April, machte Pierre Deval, französischer Konsul von Algier, dem ­dortigen Herrscher Hussein III. Dey seine Auf­wartung. Er war in dessen Palast gekommen, weil der Ramadan angefangen hatte, der Fastenmonat der Muslime, und der Dey, also der Statthalter, deshalb einen Empfang gab. Seit Jahren stritten sich Paris und Algier, weil noch Napoleon zur ­Versorgung seiner Soldaten Weizen in Algerien eingekauft hatte, ohne je die Rechnung zu be­gleichen. Seit 1796, seit also fast dreissig Jahren, schuldete Frankreich dem Dey, dem Statthalter des so genannten Barbareskenstaates in Nordafrika, einer mehr oder weniger autonomen ­Provinz des Osmanischen Reiches, eine Million Francs. Man versteht die Ungeduld.

Der Schlag mit der Pfauenfeder

Als der Dey bei diesem Anlass einmal mehr das Geld verlangte, schnauzte ihn der Konsul an: Er halte das für völlig unnütz, seine Regierung zahle nicht. Offensichtlich mit Absicht beleidigend, brachte der Franzose den Pascha dermassen gegen sich auf, dass dieser zu seinem Fliegenwedel aus Pfauenfedern griff und den Konsul ins Gesicht schlug. Gemäss seinem Leibsklaven, einem deutschen Arzt, den Seeräuber einst dem Dey verkauft hatten, schlug dieser drei Mal zu.

Da es sich um Federn handelte, konnte das nicht sehr weh getan haben, doch es genügte, um dem Konsul die Gelegenheit zu geben, vor Wut zitternd davonzustieben. Er hatte erreicht, was er wohl wollte, denn kurze Zeit später griff Frankreich an: Mit der Begründung, der Dey habe Frankreich tödlich gekränkt, blockierte man zuerst den Hafen von Algier, bald landeten 34'000 Truppen und innert drei Jahren eroberte Frankreich Algerien. Man blieb bis 1962. Ob die Schulden an den Dey je zurückgezahlt wurden, ist nicht bekannt.

L’Algérie française

Das Gebiet wurde Kolonie, dann Teil des ­Mutterlandes, es wanderten Hunderttausende von Europäern vor allem aus Süditalien und Frankreich ein, und besonders Algier wandelte sich praktisch zu einer europäischen Stadt. 1913 lebten rund 140'000 Europäer hier, in der kleinen, engen arabischen Altstadt waren noch ein paar Tausend Einheimische verblieben. Neben Paris galt diese Metropole am südlichen Mittelmeer als eine der grössten und schönsten Städte Frankreichs.

Obwohl die Dritte Republik (1870–1940) sich auf die Ideale der französischen Revolution berief, also auf die Demokratie und die Menschenrechte und die Religionsfreiheit – und tatsächlich gehörte das damalige Frankreich mit der Schweiz oder den USA zu den wenigen Demokratien der Welt, galten diese Ideale in Algerien nur für die Franzosen und Europäer. Wenn ein Araber oder ein Berber Staatsbürger und damit wahlberechtigt werden wollte, musste er den muslimischen Glauben ablegen, was nicht viele wagten, weil es im Islam eine schwere Sünde bedeutete: Im Jahrzehnt vor 1909 erhielten daher bloss 337 Algerier die französische Staatsbürgerschaft, 214 Gesuche waren abgelehnt worden. Bei einer Bevölkerung von damals rund 4,5 Millionen Einheimischen (und 720 000 Europäern) ist das keine sehr hohe Einbürgerungsquote. Weil sie in ihrer Heimat keine Zukunft mehr sahen, wanderten damals viele Algerier aus, in die Türkei oder nach Syrien.

Den Einheimischen gewährte man weniger Rechte, sie zahlten viel höhere Steuern, sämtliche Bürgermeister waren Franzosen, und wenn es in den Dörfern auf dem Land Gemeinderäte gab, die man wählen durfte, erhielten die Algerier weniger Sitze, als ihrer Zahl entsprochen hätte. Wer zu ­diesen glücklichen Magistraten gehörte, weil die französischen Behörden sie für gefügig hielten, galt in den Augen der Araber als Verräter: Man nannte sie die Béni Oui-Oui.

Ende mit Schrecken

Was auf ewige Zeit hätte ein Teil Frankreichs bleiben sollen, ging in den Sechzigerjahren ­ver­loren, als die Algerier sich nach einem blutigen Krieg gegen die französischen Kolonisten, den beide Seiten mit beispielloser Brutalität geführt hatten, für unabhängig erklärten. Geschlagen, deprimiert, verarmt verliessen die Franzosen das Land. Viele fanden sich im Mutterland nie zurecht.

Viele europäische Länder büssen heute für die Sünden ihrer einstigen Kolonialpolitik, doch kein Land zahlt vielleicht einen höheren Preis als Frankreich. Weil es eine Art Apartheid in Nordafrika aufgebaut hatte, gelang es dem Land viel weniger gut, die Bewohner der ehemaligen Kolonien zu versöhnen und für sich zu gewinnen. Inder pflegen ein ungleich entspannteres Verhältnis zu ihren einstigen Herren, den Briten, als die Algerier zu den Franzosen. Was in Nordafrika als Apartheid begann, setzt sich auf eine perverse Art in Frankreich nun fort. Zwar sind die Nordafrikaner vollkommen gleichberechtigt, und von den Ungerechtigkeiten der Kolonialzeit kann keine Rede mehr sein, dennoch leben sie in Frankreich, als ob die Apartheid nach wie vor bestünde: Townships in den Banlieues.

Es sind Parallelgesellschaften entstanden, die Frankreich auf Dauer spalten und zerstören: In manchen Vierteln ­Marseilles, so erzählen Franzosen, herrschen längst eigene Gesetze – wer sich hineinwagt, betritt fremdes Territorium. Dass Frankreich seit Jahren wirtschaftlich kaum mehr vom Fleck kommt, dürfte auch damit zu tun haben, dass hier ein eingewandertes, wachsendes Proletariat ausschliesslich vom Staat lebt, das nur mehr wenig zur Wertschöpfung der Volkswirtschaft beiträgt. Von Produktivitätsgewinnen ist ein solches Land weit entfernt.

Schwer wiegen die unbeabsichtigten Wirkungen des französischen Sozialstaates: Dass unter den Immigranten aus dem Maghreb eine so fürchterliche Arbeitslosigkeit verbreitet ist, liegt auch daran, dass Mindestlöhne, 35-Stunden-Woche oder wasserdichter Kündigungsschutz niemandem mehr schaden als schlecht oder gar nicht ­ausgebildeten Einwanderern, die nichts vorzu­weisen haben als ihre Ressentiments auf eine Gesellschaft, die ihnen nichts mehr zu bieten hat ausser der Sozialhilfe.

Eleganter Untergang

Wenn ein Land immer wieder den gleichen Fehler begeht, dann ist es Frankreich. Kein Land, so scheint es, kann schlechter aus Niederlagen lernen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte man sich à tout prix nicht damit abfinden, nur mehr eine Mittelmacht unter anderen zu sein, sondern man überzeugte die demoralisierten Deutschen davon, mit einem neuen, grösseren Gebilde, der EU, ­wieder nach Weltgeltung zu streben. Was die ­französischen Eliten nie offen deklarierten, ­befeuerte sie bis vor wenigen Jahren: die Hoffnung, mithilfe der Wirtschaftsmacht der ungleich potenteren Bundesrepublik politisch die Rolle einer Grossmacht zu spielen.

Bonn arbeitete im Maschinenraum, Paris regierte auf der Weltbühne. Seit diese Arbeitsteilung nicht mehr sehr realistisch ist, wirken die französischen Eliten wie deroutiert. Und der Euro, den Paris erfand, um die Deutsche Bundesbank zu entmachten: Diese ­Währung plagt nun Frankreich. Es versinkt in ­ewiger Rezession. Es sind die Fehler einer Grande Nation, die in Europa jahrhundertelang mit Triumphen verwöhnt wurde, ein Land, das Niederlagen nicht kannte – und als sie dann eintraten, sie nicht wahrnahm.

Eroberung der nutzlosen Sahara

Als 1871 das zweite Kaiserreich von Preussen im deutsch-französischen Krieg geschlagen wurde, forschten die französischen Eliten nicht danach, warum ihnen ein Land eine solche Demütigung beizubringen imstande war, das man lange für einen Emporkömmling im fernen Osten gehalten hatte, ein unzivilisiertes Gebiet in der Steppe Brandenburgs. Man erkannte nicht, dass Preussen triumphiert hatte, weil Deutschland schon damals Frankreich wirtschaftlich überrundet hatte. Stattdessen forcierte die Dritte Republik die Expansion seines Kolonialreiches.

Wie von Sinnen eroberten die gekränkten französischen Generäle die endlos nutzlose Sahara in Afrika, den unfruchtbaren Dschungel in Indochina oder die völlig abseitige Insel Madagaskar. Statt in seine Fabriken zu investieren, liess Frankreich seine Armeen in der Wüste auf und ab marschieren. 5000 Elsässer und ­Lothringer, die nicht Deutsche werden wollten, nachdem das Deutsche Reich ihre Heimat annektiert hatte, wurden nach Algerien verpflanzt. ­L’Algérie française sollte sie und das ganze Frankreich über den Verlust von Alsace-Lorraine ­hinwegtrösten. Hat es den Schmerz je gelindert?

Wie ein Fluch verfolgen Frankreich die Sünden der Vergangenheit. Islamismus? Er trifft nirgendwo im Westen auf so gut gedüngten Boden wie hier. Das ist beileibe keine Rechtfertigung für das Attentat von Paris, vielleicht eine Erklärung, vor allem aber ein Blick in die Finsternis: Wie kann sich dieses wundervolle, gemarterte Land je von sich selbst erholen? (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.01.2015, 08:02 Uhr

Markus Somm, Chefredaktor der Basler Zeitung.

Artikel zum Thema

«Ich, die Mutter von Amedy Coulibaly, drücke mein Beileid aus»

Nach den Mitarbeitern von «Charlie Hebdo» rücken nun die jüdischen Opfer des Terroristen Coulibaly ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Seine unter Terrorverdacht stehende Frau soll ausgereist sein. Mehr...

Die Schweiz muss aufrüsten

Warum uns das Attentat auf «Charlie Hebdo» in Paris über den eidgenössischen Wehrwillen nachdenken lassen sollte. Ein Kommentar. Mehr...

Bleiben wir, wer wir sind

Das Massaker bei der Pariser Satire-Zeitung« Charlie Hebdo» zielt auf die westliche Öffentlichkeit und stellt sie auf die Probe. Mehr...

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...