«Wir werden nicht aufhören zu lachen und zu leben»

Frankreich zeigt eine eindrückliche Reaktion: Mit der grössten Kundgebung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde in Paris der Opfer der Attentate gedacht.

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Fast eine Stunde dauerte es, bis jemand zum ersten Mal die Marseillaise anstimmte. Als hätten sie darauf gewartet, stimmten alle sofort ein: der Mann, der sich eben zum Gehen abgewandt hatte und nun innehielt, die Teenager, die eben noch auf dem Handy getippt hatten, die jungen Männer, die herumwitzelten. Am Sonntag zeigten die Franzosen, was Präsident François Hollande gemeint hatte, als er in den letzten Tagen ein nationales Zusammenrücken gefordert hatte.

Im ganzen Land zogen Menschen gemeinsam durch die Strassen: Marseille, Lyon, Bordeaux, Rennes. Rund 10'000 Menschen versammelten sich im 8000-Seelen-Dorf Dammartin-en-Goële nordöstlich von Paris, wo sich die Brüder Chérif und Saïd Kouachi nach ihrem Attentat auf die «Charlie Hebdo»-Redaktion in einer Druckerei verschanzt hatten, bevor sie am Freitag von einer Sondereinheit getötet wurden.

«Charlie»-Sprechchöre auf der Place de la République. (Quelle: Storyful/manolapoirier)

Der mit Abstand grösste Solidaritätsmarsch aber fand an diesem Sonntag, dem ersten sonnigen Tag seit drei Tagen, in Paris statt. Es dürfte die grösste Kundgebung in der Hauptstadt seit Ende des Zweiten Weltkriegs und die landesweit grösste Mobilisierung in der Geschichte sein. An der Spitze des Zuges liefen die Familien der 17 Menschen, die bei den drei terroristischen Angriffen zwischen Mittwoch und Freitag getötet worden waren.

Nach einer Schweigeminute folgte fast die gesamte Elite der internationalen Politik: An der Seite des französischen Präsidenten François Hollande defilierten die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, der britische Premierminister David Cameron, EU-Ratspräsident Donald Tusk, EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu und Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas. Aus der Schweiz marschierte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga mit – zwischen dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko und dem italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi. Auch zahlreiche Mitglieder von religiösen Organisationen, darunter der Imam der grossen Pariser Moschee, Gewerkschaften, Parteien und Verbänden reihten sich in den Zug ein.

Dahinter wogte eine historische Menschenmasse von über 1,5 Millionen Menschen durch die Strassen der Pariser Innenstadt: junge Pärchen, ein Mann mit einer Frankreichflagge in der einen und seinem Sohn an der anderen Hand, Frauen mit Kopftuch, alte Männer am Stock. Es sei für sie keine Option gewesen, nicht teilzunehmen, sagten viele. Eric, der ein Schild mit der Aufschrift «Je suis Charlie» trug, sagte etwa: «Frankreich ist ein freies Land, und wir werden nicht aufhören zu lachen und zu leben. Die Terroristen haben bereits verloren.» Oder Aïcha, eine Marokkanerin mit französischem Pass und muslimischen Glaubens, fand: «Die Gewalt, die Verletzung der Pressefreiheit, das können wir nicht akzeptieren. Ich bin stolz darauf, dass heute so viele Franzosen gekommen sind.» Viele schwenkten französische Flaggen oder trugen Banner mit «Charlie»-Schriftzug, immer wieder brandete Applaus auf und wurden Sprechchöre angestimmt.

Wie lange hält der Schulterschluss?

Dabei war in den Tagen zuvor heftig darüber diskutiert worden, ob es angebracht sei, jetzt einen solchen Grossanlass zu organisieren. In Paris gilt noch immer die höchste Terrorwarnstufe. Das Sicherheitsaufgebot war denn auch enorm: Rund 2200 Polizisten sicherten das Stadtzentrum ab, an den Bahnhöfen patrouillierten Einsatzkräfte, Helikopter kreisten über dem Demonstrationszug.

Und trotz des kollektiven Zusammenrückens in Frankreich blitzten auch am Sonntag die innenpolitischen Machtkämpfe auf: Marine Le Pen und ihr rechtsextremer Front National waren erst gar nicht zum Gedenkmarsch eingeladen worden. Le Pen nutzte den Affront in der Folge nicht nur für geschicktes Selbstmarketing, sondern rief ihre Anhänger auch dazu auf, zum Protest in anderen Städten zu marschieren. Selber nahm sie an einer Versammlung in der südfranzösischen Stadt Beaucaire teil.

Mit 3,7 Millionen Menschen, die gestern im ganzen Land auf die Strasse gingen, und einer Arm in Arm marschierenden Politelite zeigte Frankreich eine eindrückliche Reaktion auf die Terrorakte. Wie lang der Schulterschluss andauert, wird sich zeigen. Oder wie es eine Frau, die mit Mann und Sohn am Marsch teilnahm, ausdrückte: «Das ist ein aussergewöhnlicher Tag für Frankreich. Nur schade, dass es ein Attentat braucht, bis es dazu kommt.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2015, 22:33 Uhr

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