90-Jähriger soll für grösste Chemiekatastrophe aller Zeiten haften

Im indischen Bhopal fielen vor 26 Jahren mehr als 10'000 Menschen einem Chemieunfall zum Opfer. Indien bemüht sich nun um die Auslieferung des US-amerikanischen Chefs der damaligen Betreiberfirma.

Soll vor Gericht kommen: Warren Anderson, damaliger Chef des Chemieunternehmens Union Carbide, das den Chemieunfall verursachte.

Soll vor Gericht kommen: Warren Anderson, damaliger Chef des Chemieunternehmens Union Carbide, das den Chemieunfall verursachte.

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Mehr als 26 Jahre nach dem schweren Chemieunglück im indischen Bhopal bemühen sich die indischen Behörden erneut um die Auslieferung des damaligen Chefs der US- Betreiberfirma Union Carbide, Warren Anderson.

Der Antrag sei heute bei der indischen Justiz eingereicht worden und werde am Mittwoch von einem Gericht in Neu Delhi geprüft, sagte heute ein Sprecher der Bundespolizei CBI, Dharini Mishra.

Indiens Generalstaatsanwalt Goolam Vahanvati sagte der Nachrichtenagentur AFP, er habe sich für das neue Auslieferungsgesuch ausgesprochen. Anderson müsse nach Indien gebracht und vor Gericht gestellt werden, forderte er.

Inzwischen 90 Jahre alt

Anderson, der inzwischen um die 90 Jahre alt ist, war während des Unglücks in der Pestizidfabrik von Bhopal im Dezember 1984 Chef von Union Carbide. Kurz nach dem Unglück reiste er nach Bhopal und wurde dort festgenommen. Doch er kam auf Kaution frei und konnte sich in die USA absetzen. Seitdem gilt er in Indien als Justizflüchtling.

Die USA haben mehrere Auslieferungsanträge Indiens abgelehnt. Im Juni 2010 - mehr als 25 Jahre nach der Katastrophe fällte die indische Justiz die ersten Urteile. Sieben indische Ex- Verantwortliche der Fabrik wurden wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Jahren Haft verurteilt.

Zehntausende Tote

Aus der Pestizidfabrik in Bhopal waren in der Nacht zum 3. Dezember 1984 rund 40 Tonnen hochgiftiges Methylisocyanat (MIC) entwichen. Nach Angaben indischer Ärzte starben in den ersten Tagen bis zu 10'000 Menschen, rund 100'000 erlitten chronische Erkrankungen. Bis 1994 starben demnach rund 25'000 Menschen an den Folgen des Unglücks. Der Unfall gilt als die grösste Chemiekatastrophe aller Zeiten.

1989 einigten sich Union Carbide und die indische Regierung in einem aussergerichtlichen Vergleich auf Entschädigungszahlungen von 470 Millionen Dollar. Im Dezember vergangenen Jahres teilte die indische Regierung jedoch mit, sie verlange nun 1,1 Milliarden Dollar Entschädigung. Zur Begründung hiess es, die Opferzahl sei 1989 zu niedrig eingeschätzt worden.

Der Konzern Dow Chemical, der Union Carbide 1999 übernahm, sieht alle Ansprüche durch den Vergleich abgegolten.

(mrs/sda)

Erstellt: 22.03.2011, 19:02 Uhr

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