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Der ungeplante Atomausstieg: In Japan sind nur noch 3 von 54 AKW-Reaktoren in Betrieb. Bis April könnten gar alle vom Netz genommen werden. Wie stillt nun das Land seinen Energie-Hunger?

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Japans Atomproduzenten erleben diese Woche einen doppelten Rückschlag. Gleich zwei Reaktoren werden wegen Wartungsarbeiten abgeschaltet. Dies hat zur Folge, dass nur noch 3 von 54 Reaktoren in Betrieb sein werden. Alle 13 Monate müssen die Atommeiler einer Kontrolle unterzogen werden, bevor sie das Okay zur Wiederinbetriebnahme erhalten. Früher war dies eine Routineprozedur. Doch seit der Katastrophe von Fukushima weigern sich die lokalen Behörden, ihre abgeschalteten Reaktoren wieder hochzufahren. Zu gross sind die Sorgen in der Bevölkerung.

Die Regierung versucht mit zusätzlichen Stresstests, die Öffentlichkeit von der Sicherheit ihrer AKW zu überzeugen. Bislang vergeblich. Den Lokalregierungen sind diese Tests nicht ausreichend. Wann die betroffenen Anlagen wieder ans Netz gehen, ist ungewiss. Bis Ende April könnte nur ein Jahr nach Fukushima gar kein Reaktor mehr am Netz sein.

Stromproduzenten satteln um

Japans Regierung sorgt sich daher um die Energieversorgung. Industrieminister Yukio Edano sagte dem «Wall Street Journal», es müssten Massnahmen getroffen werden, falls im Sommer keine Atomanlagen zur Stromerzeugung mehr in Betrieb seien. Ansonsten sei mit häufigeren Stromausfällen zu rechnen. Die Regierung rechnet mit einer Deckungslücke von bis zu 9 Prozent. Vor der Tsunami-Katastrophe stammten 30 Prozent der Energie aus Atomstrom, momentan sind es noch weniger als 8 Prozent.

Die Stromproduzenten satteln seit Monaten um. Eingemottete konventionelle Wärmereaktoren werden wieder in Betrieb genommen. Entsprechend gross ist der Hunger nach fossilen Energieträgern. So stiegen 2011 die Ausgaben für Rohöl im Jahresvergleich um 21,3 Prozent, für Flüssiggas um 37,5 Prozent und für Erdölprodukte sogar um 39,5 Prozent. Dies hat auch dazu beitragen, dass die Exportnation Japan zum ersten Mal seit mehr als 30 Jahren ein Handelsdefizit vorweist. Die Einfuhren überstiegen die Ausfuhren nach offiziellen Angaben um 2,49 Billionen Yen (25 Milliarden Euro).

Die Sorgen der Wirtschaft

Um diese zusätzlichen Kosten zu kompensieren, plant Tepco gemäss der «Yomiuri Shimbun», seine Strompreise um rund 17 Prozent zu steigern. Der japanische Wirtschaftsverband Keidanren sorgt sich um die Folgen der Kostenexplosion. Mit den höheren Produktionskosten sei die Konkurrenzfähigkeit der japanischen Exportindustrie vollends gefährdet. Hinzu komme noch die Last des teuren Yen.

Mit Kostenargumenten der Wirtschaft wird die japanische Öffentlichkeit nach der Katastrophe von Fukushima kaum zu überzeugen sein. Den Sicherheitsversprechen der Regierung und der Betreiber glaubt sie genauso wenig. Eine Mehrheit der Bevölkerung ist gemäss Umfragen gegen die Wiederinbetriebnahme der Reaktoren. Zumal die Angaben über die Gefährdung der Stromversorgung widersprüchlich sind.

So berechnete der Tokioter Stromkonzern Tepco gemäss der Nachrichtenagentur Kyodo, dass die Stromversorgung für sein Gebiet auch ohne Atomkraftwerk gesichert sei. Durch Investitionen in Wärme- und Wasserkraftwerke könne der Stromverlust kompensiert werden. Die Wahrscheinlichkeit für Stromausfälle sei gering. Dies bedeute aber nicht, dass der Betreiber des havarierten AKW Fukushima von seiner Atompolitik abrücke, so ein Tepco-Offizieller weiter.

Export in Schwellenländer

Die japanische Regierung versucht derweil, die Bevölkerung mit einem Gesetz zu überzeugen, das die Lebensdauer eines AKW auf maximal 40 Jahre beschränken würde. Industrieminister Yukio Edano hat zudem die Verstaatlichung aller AKW vorgeschlagen. Gleichzeitig muss die Regierung die heimische Atomlobby zufriedenstellen und forciert daher den Export ihrer Atomtechnologie. Mit Vietnam sind die Gespräche bereits weit fortgeschritten. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.01.2012, 21:58 Uhr

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