China senkt den Kohleverbrauch

Die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt könnte zum Vorbild werden. Experten sind sich nicht einig, ob die Energiepolitik dafür verantwortlich ist oder das gebremste Wirtschaftswachstum.

China verbraucht 4 Milliarden Tonnen Kohle pro Jahr: Arbeiter in einer Mine in Yojie.

China verbraucht 4 Milliarden Tonnen Kohle pro Jahr: Arbeiter in einer Mine in Yojie. Bild: Michael Reynolds/Keystone

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Beim Klimaschutz sind mehr denn je alle Augen auf China gerichtet. So ein Land ist China, dass es in ein und derselben Woche zu ein und demselben Thema gleich zwei Zäsuren vermelden kann: Die eine darf als enorm schlechte Nachricht gelten, die andere als verblüffend gute. Die schlechte zuerst: China wird vielleicht noch in diesem, ziemlich ­sicher aber im nächsten Jahr die USA überholen als weltgrösster Produzent von Treibhausgasen, und zwar in der gesamten Periode von 1990 bis heute. 1990 war das Jahr, in dem die Vereinten Nationen und Regierungen weltweit erstmals zu gemeinsamem Handeln gegen den Klimawandel aufriefen.

Die gute Nachricht aus China: Es scheint, als habe das Land zuletzt seinen unendlichen Appetit auf schmutzige Kohle in erstaunlichem Ausmass ge­zügelt.

Das legt zumindest eine von Greenpeace veröffentlichte Analyse nahe, der zufolge Chinas Konsum von Kohle im ersten Quartal dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 7 Prozent gesunken ist. Das Land habe zudem 5 Prozent weniger Kohlendioxid in die Luft geblasen – das wäre der komplette Ausstoss Grossbritanniens im gleichen Zeitraum. Wenn der Trend anhält, so Greenpeace, dann könnte China im Jahr 2015 der grösste Rückgang bei Kohleverbrauch und CO2 gelingen, den je ein Land vermeldete.

Förderung alternativer Energie

Schon fürs Jahr 2014 hatte China einen Rückgang der CO2-Emissionen um 2 Prozent registriert. Die Autoren des Greenpeace-Berichts machen einen Wandel in Chinas Energiepolitik dafür verantwortlich. Die Regierung pumpt mehr und mehr Geld in regenerative Energien und befahl zuletzt erneut die Schliessung von 1000 Kohle­minen im Land. Andere Beobachter verweisen auf das lahmende Wirtschaftswachstum des Landes.

China ist nach den USA die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt und stösst mittlerweile doppelt so viel Treibhausgase aus wie die USA. Eine Hauptschuld daran trägt die Kohle: China ­verbraucht heute so viel Kohle wie der Rest der Welt zusammen – 4 Milliarden Tonnen waren es im Jahr 2012. China hat sich lange auf das Argument zurückgezogen, wonach es vor allem die Pflicht der Industriestaaten sei, sich im Kampf gegen den Klimawandel zu engagieren. Schwellenländer wie China müssten Nachsicht geniessen, bis sie bei der materiellen Entwicklung mit dem Westen gleichgezogen hätten.

Die Unterhändler der Chinesen hatten recht, wenn sie darauf verwiesen, dass ein Teil des Ausstosses von China letztlich Dreck des Westens war, weil die westlichen Länder grosse Teile ihrer energieintensiven Produktion nach China ausgelagert hatten. Dennoch hat mittlerweile auch die Regierung in ­Peking gemerkt, dass ihr die alte ­Argumentation nur mehr bedingt hilft, seit die Statistiken Jahr für Jahr China eine grössere Verantwortung zusprechen. Da ist zum einen der Pro-Kopf-Ausstoss von CO2: Seit vorletztem Jahr liegt der durchschnittliche Chinese mit 7,2 Tonnen schon vor dem Europäer mit 6,8 Tonnen.

Protest gegen Kohlekraft

Und jetzt kommt die nächste Wegmarke. Das Internationale Klima- und Umweltforschungszentrum Cicero in Oslo prophezeit, dass China noch in diesem Jahr die USA überholen wird als weltgrösster Produzent von Treibhausgasen in all den Jahren seit 1990 zusammen. Das World-Resources-Institut in den USA rechnet damit, dass China diese Marke 2016 erreichen wird: 151 Milliarden Tonnen Kohlendioxid wird China dann in dieser Zeitspanne in den Himmel geblasen haben.

Über die Hauptgründe des momentanen Rückgangs des Kohleverbrauchs und CO2-Ausstosses sind sich Beobachter noch nicht einig. Tatsächlich ist China längst Weltmeister bei der Förderung von alternativen Energien aus Sonne, Wind und Wasser. Gleichzeitig aber nimmt das Land auch immer neue Kohlekraftwerke in Betrieb. Im letzten Jahr erklärte Staatschef Xi Jinping, China werde erst 2030 den Höhepunkt beim Ausstoss an Treibhausgasen erreicht haben. Der Hunger auf Energie insgesamt ist einfach zu gewaltig, solange der Wirtschaftsboom anhält. Einige Experten sehen denn auch den Hauptgrund für die guten CO2-Zahlen nun im momentan stark gebremsten Wachstum der chinesischen Wirtschaft. Sobald diese wieder anziehe, fürchten sie, werde auch der Kohleverbrauch wieder nach oben schnellen.

Für Chinas Führung ist die Senkung des Kohleverbrauchs allerdings mittlerweile auch eine innenpolitische Priorität. Die Luftverschmutzung führt zu grossem Unmut in der städtischen Bevölkerung, letzte Woche demonstrierten der «South China Morning Post» zufolge zehntausend Menschen gegen ein neues Kohlekraftwerk im Nordosten der Provinz Guangdong. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.05.2015, 09:52 Uhr

CO2 braucht einen Preis

Der Weltenergierat (WEC) fordert im eben veröffentlichten Energiebericht unter anderem einen möglichst einheitlichen und verbindlichen Preis für das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2). So würden fossile Treib- und Brennstoffe verteuert und würde klima­freundlichen Technologien schneller zum Durchbruch verholfen. Damit schliesst sich der Weltenergierat der Meinung von global mehr als 1000 Unternehmen und Investoren an, die an der UNO-Klimakonferenz in New York im letzten Jahr für einen CO2-Preis plädiert hatten. Unsicher ist noch, welcher Weg der effektivste ist, um die fossile Energie zu verteuern. Für den Weltenergierat garantiert eine Abgabe im Gegensatz zum Handel mit CO2-Zertifikaten einen stabilen Preis. Der Schweizerische Energierat spricht sich im Sinne des WEC aus und fordert den Abbau von Subventionen für erneuerbare Energien wie Sonnen- und Windkraft, dafür die Einführung von Lenkungsabgaben. (lae)

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