«Die Steinigung ist gerechtfertigt»

Die Kritiker der Steinigung im Iran erhalten unerwartete Unterstützung: Der umstrittene Islam-Prediger Muhamed Ciftci findet klare Worte gegen den Iran. Der Islamische Zentralrat um Nicolas Blancho dagegen schweigt.

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Das Schicksal von Sakineh Mohammadi Ashtiani, der iranischen Mutter, die wegen angeblichen Ehebruchs gesteinigt werden soll, löst nicht nur in der westlichen Welt heftige Proteste aus. Doch der Schweizerische Islamische Zentralrat um Nicolas Blancho schweigt. Man wolle keine Kommentare zu ausländischen Themen abgeben, lässt der Mediensprecher Abdel Azziz Qaasim Illi verlauten.

Im Gegensatz dazu findet der deutsche Islam-Prediger Muhamed Ciftci klare Worte und verurteilt die Aktion Irans. «Im Iran wird vieles getan, was vom Islam nicht akzeptiert wird», sagt der 36-jährige Prediger der Islamschule Braunschweig und Vorstandsvorsitzende des Vereins Einladung zum Paradies e.V., zu dessen Mitarbeitern auch der umstrittene Konvertit Pierre Vogel gehört. Der Iran wende nicht das islamische Recht an, sondern das schiitische, was kategorisch abzulehnen sei, sagt Ciftci weiter.

«Es gibt keine Alternative»

Wenn ein Single Sex mit einer verheirateten Person hat, wird sie mit 100 Peitschenschlägen bestraft. Wird eine verheiratete Person beim Seitensprung erwischt, heisst die Strafe Tod durch Steinigung. Diese Regeln stellt auch Muhamed Ciftci nicht infrage. «Alles, was im Koran steht und uns vom Propheten überbracht wurde, ist gerecht und vernünftig. Es gibt auch keine Alternative oder bessere Lösung. Somit ist auch die Steinigung als Strafe für Ehebruch gerechtfertigt.»

Denn Ehebruch sei eine der schlimmsten Sünden, die man begehen könne. Doch, so Ciftci weiter, seien strenge Voraussetzungen zu erfüllen, bis es zu einer Steinigung komme. Es sei fast unmöglich, einer Frau Ehebruch zu beweisen. Im osmanischen Reich habe es deshalb in 600 Jahren nicht eine einzige Steinigung gegeben.

Ehebruch verlangt vier Zeugen

«Liebespaar von Verwandten gesteinigt», «Saudiarabien: Verurteilung einer mittellosen Witwe», «Pakistan: Von Hunderten gesteinigt, anschliessend erschossen» – dafür, dass es strenge Voraussetzungen braucht, scheint es in der Neuzeit ziemlich viele Steinigungen zu geben, wie diese Schlagzeilen aus den vergangenen Jahren zeigen. Doch Muhamed Ciftci betont: «Der Islam ruft nicht zu Steinigung auf, sondern zu Reue.» Der Islam, der heute vielerorts praktiziert werde, insbesondere im Iran, widerspreche dem reinen Islam. Klar, dass der Westen schockiert sei. «Der Iran achtet nicht auf die Auflagen, das ist das Problem», sagt der Islam-Prediger und erklärt, was diese Auflagen sind.

Damit der Ehebruch eindeutig nachgewiesen werden könne, müssten vier Erwachsene, die bei vollem Verstand seien, mit eigenen Augen sehen, dass das männliche Geschlechtsteil im Geschlechtsteil der Frau sei, «so klar und deutlich, wie der Mond ohne Wolken». Solange dies nicht vier Personen bestätigen könnten, dürfe gemäss Koran niemand des Ehebruchs beschuldigt werden. «Im Iran gilt es schon als Schuldbeweis, wenn man eine Frau zusammen mit einem Mann in einem Raum erwischt hat.» Deshalb sei es im Koran auch verboten, dass sich zwei unverheiratete Personen verschiedenen Geschlechts im selben Raum aufhalten, damit es nicht zu solchen Unterstellungen komme, so Ciftci.

«Geständnis am Fernsehen ist Show»

Im Fall der iranischen Mutter liegt der Fall jedoch etwas anders. Sie hat am Fernsehen zugegeben, sie hätte Ehebruch begangen. «Alles nur Show», ist Muhamed Ciftci überzeugt. Der Islam sage, man solle seine Sünde zudecken. «Die Iraner, die diese Frau des Ehebruchs bezichtigen, begehen doch alle selber Ehebruch. Im Iran ist die Prostitution erlaubt worden, das ist ja Ehebruch», ärgert sich der 36-Jährige.

Zudem müsste der Frau die Reue erlaubt sein. Zeige eine Person Reue, müsse sie in Ruhe gelassen werden, so wolle es der reine Islam. «Diese Regel kennen fast keine Muslime. Die meisten denken, eine Frau, die Ehebruch begangen hat, müsse direkt gesteinigt werden.» Das sei falsch. Für Muhamed Ciftci ist der Iran denn auch kein Vorbild für den Islam. «Die Steinigung ist ein Thema für sich. Aber hier geht es um ein Menschenleben. Die Frau soll in Ruhe gelassen werden, wenn sie Reue zeigt.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.08.2010, 16:49 Uhr

Muhamed Ciftci ist Prediger an der Islamschule Braunschweig und Vorstandsvorsitzender des Vereins Einladung zum Paradies e.V., zu dem auch der Konvertit Pierre Vogel gehört. Er setzt sich für den reinen Islam ein. Muhamed Ciftci ist auch umstritten. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, intolerant gegenüber Andersgläubigen zu sein und Gewalt gegen Frauen zu befürworten.

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