Dosierte Empörung in Moskau

Russland empört sich über die Raketenattacke auf Syrien – und feiert sie als eigenen Triumph.

Die russischen Staatsmedien entfachten eine triumphale Debatte über die Gründe für die «vernichtende Niederlage der USA», wie Radio NSN jubelte.

Die russischen Staatsmedien entfachten eine triumphale Debatte über die Gründe für die «vernichtende Niederlage der USA», wie Radio NSN jubelte. Bild: Keystone

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Russlands Präsident Wladimir Putin gilt eigentlich als Langschläfer, der dazu einen Grossteil des Vormittags Sport treibt. Aber am Samstag reagierte auch Putin grimmig und früh. «Ein Akt der Aggression gegen einen souveränen Staat, der sich ganz vorne befindet im Kampf gegen den Terrorismus», schimpfte der russische Präsident schon um 10.35 Uhr. «Die USA vertiefen die humanitäre Katastrophe in Syrien noch, bringen der friedlichen Bevölkerung Leiden, begünstigen im Grund die Terroristen.»

Seit dem frühen Samstagmorgen hagelt es böse Worte aus Moskau gegen Washington, London und Paris, die in der Nacht zuvor Ziele in Syrien mit Raketen attackiert hatten. Russland gibt sich empört, aber die Empörung wirkt doch dosiert. Anscheinend hat man insgeheim Schlimmeres befürchtet. Und die Staatspropaganda müht sich schon wieder eifrig, die Angelegenheit auszuschlachten.

«Internationale Rowdys»

Schon am frühen Samstagmorgen sorgte Anatoli Antonow, der russische Botschafter in Washington, für Unruhe: «Solche Handlungen werden nicht ohne Folgen bleiben», verlautbarte er unheilschwanger. Später sprach Aussenamtssprecherin Maria Sacharowa von einer «groben und unverschämten Verletzung des internationalen Rechts».

Russland beantragte eine Sondersitzung des UNO-Sicherheitsrates. Dort titulierte Russlands UNO-Botschafter Wassili Nebensja den amerikanischen Präsidenten und seine Verbündeten als «internationale Rowdys».

Aber bei allem Drohen und aller Schelte signalisierte Moskau auch eine gewisse Friedfertigkeit. Der stellvertretende Aussenminister Sergei Rjabkow erklärte, Russland bleibe an einer Zusammenarbeit mit dem Westen inte-ressiert.

Die russischen Medien widmeten der Attacke in den vergangenen zwei Tagen einen Grossteil ihrer Aufmerksamkeit. Einige staatliche TV-Kanäle änderten am Samstag sogar das Programm.

Rossija 1 strahlte direkt ein Briefing des Verteidigungsministeriums aus. Die Aussagen der Militärs, der Angriff habe keine russischen Positionen berührt und die russische Luftabwehr sei nicht an der Abwehr beteiligt gewesen, vermeldeten Fernseh- und Radiosender als erste Hauptnachrichten. Offenbar war man erleichtert, nachdem in den Vortagen schon ein möglicher Weltkrieg gegen die USA debattiert worden war, einige Medien das Publikum sogar über das Leben in Luftschutzkellern belehrt hatten.

Gleichzeitig versuchte Russland lautstark, die Deutungshoheit nach dem Angriff an sich zu reissen. Während die USA mitteilten, die syrische Luftabwehr habe keine einzige Rakete abgefangen, erklärte der russische Generalstab, von 103 abgefeuerten Flugkörpern seien 71 abgeschossen worden, darunter alle zwölf Tomahawk-Raketen, die den Flughafen Damaskus angeflogen hätten.

Informationskrieg

Nach Angaben aus Washington gehörte dieser gar nicht zu den Zielen der Aktion. Die russischen Staatsmedien aber entfachten eine triumphale Debatte über die Gründe für die «vernichtende Niederlage der USA», wie Radio NSN jubelte. Der amerikanische Mythos über die eigene allgegenwärtige Dominanz sei jetzt endgültig zerfetzt worden, erklärte Wladimir Jermakow, Waffenkontrollexperte des Aussenministeriums.

Allerdings vermerkte Alexander Koz, Kriegsberichterstatter der kremlnahen Zeitung Komsomolskaja Prawda, aus Damaskas, das «Abfangergebnis» wäre «viel höher» gewesen, wenn man den Syrern beizeiten modernere S-300-Luftabwehrsysteme geliefert hätte. Kein Indiz für einen realen Triumph.

Auch russischen Experten ist klar, dass eine «symmetrische Antwort» auf den Raketenangriff böse hätten enden können. Man werde zurückschiessen, wenn bei einem vielleicht noch ausstehenden US-Angriff Geschosse auf russische Militärs flögen, sagt Adschar Kurtow, Chefredaktor der Zeitschrift Problemy Nazianalnoi Strategii, der BaZ. Aber auch dann würde man zuerst versuchen, die US-Raketen zu vernichten und nach Möglichkeit vermeiden, auf ihre Träger, also Schiffe und Flugzeuge, zu schiessen. Trump scheint den Russen nicht geheuer zu sein. Sie erwähnen jetzt eher vorsichtig diplomatische Offensiven etwa vor der UNO. «Der Informationskrieg entwickelt sich von selbst weiter», sagt Kurtow. «Aber es wird hinter den Kulissen intensive Verhandlungen geben, um einen direkten militärischen Zusammenstoss zu vermeiden.»

Angebliche Fake News

Dabei gilt es in Russland weiter als Grundwahrheit, dass alle westlichen Chemiewaffen-Vorwürfe gegen Assad auf Fakes beruhen. «Trump, May und Macron werden demnächst grosse Probleme auf der internationalen Bühne bekommen», prophezeit der Moskauer Politologe Alexei Muchin. Allerdings unterstützten im UNO-Sicherheitsrat nur drei von 15 Länder den russischen Antrag, Washington und seine Alliierten wegen des Raketenangriffe zu verurteilen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.04.2018, 10:14 Uhr

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