Drei Mann gegen den Geheimdienst

Russland fährt heftige Attacken gegen die Recherche-Netzwerke Bellingcat und The Insider.

Enttarnte Agenten. Die Offiziere Alexander Mischkin und Anatoli Tschepiga in London.

Enttarnte Agenten. Die Offiziere Alexander Mischkin und Anatoli Tschepiga in London. Bild: Keystone

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Im Moment stehe man im Mittelpunkt. «Alle Welt redet über uns. Das bedeutet auch Schutz», sagt Roman Dobrochotow, Chefredaktor der Moskauer Internetzeitung The Insider. Noch gäbe es keine Probleme.

Dabei rollen in Russlands Öffentlichkeit heftige Attacken gegen The Insider und seinen britischen Partner, das Rechercheportal Bellingcat. «Bellingcat und jene, die mit ihm kooperieren, sind Pseudo-Medien», schimpft Maria Sacharowa, Pressesprecherin des russischen Aussenministeriums. Westliche Sicherheitsdienste benützten sie, um Desinformationen zu verbreiten. Die Kreml-nahe Agentur FAN legt nach: «Das Bloggerprojekt Bellingcat wurde oft mit offenen Fälschungen und Fakes erwischt.» Und der Duma-Abgeordnete Iwan Sucharjew will eine Anfrage an die Staatsanwaltschaft richten, weil The Insider gemeinsam mit Bellingcat geheime persönliche Daten veröffentlicht und damit gegen das russische Strafrecht verstossen habe. «Diese Bürger verhehlen nicht, dass sie mit berüchtigten britischen Medien zusammenarbeiten.»

Die Adresse in Lettland

Die Bellingcat-Fahnder wurden 2014 international bekannt. Damals lieferten sie als Erste mithilfe von Fotos und Einträgen aus sozialen Netzen zahlreiche Indizien dafür, dass ein BUK-Flugabwehr-System aus Russland die malaysische Passagiermaschine mit der Flugnummer MH17 über dem Donbass abgeschossen hat. Diese Art von Onlineermittlungen waren neu. Bei den Recherchen im Fall Skripal aber kooperiert Bellingcat mit The Insider, einer kleinen investigativen Redaktion in Moskau.

Roman Dobrochotow, 35, Journalist und liberaler Oppositionsaktivist, gründete The Insider 2013. Das Team bestehe aus 13 Leuten, erzählt er im Gespräch mit der BaZ. Die juristische Adresse befinde sich in Lettland, der Umstand erschwere juristische Angriffe aus Russland. Das Moskauer Gerücht, The Insider werde von der amerikanischen Stiftung National Endowment for Democracy finanziert, dementiert Dobrochotow. «Wir bekommen einzelne Stipendien, aber von sehr unterschiedlichen Geldgebern, betreiben ausserdem Crowdfunding.» Und man habe geringe Ausgaben, die meisten Redaktoren recherchierten von zu Hause aus – wie die Kollegen von The Insider.

Die Hilfe aus London

Anastasija Kirilenko, eine investigative Journalistin, die auf Korruption und Kriminalität in Putins Umgebung spezialisiert ist, bestätigt, The Insider zahle nur 200 Euro für eine exklusiv ermittelte Geschichte. Das ist ein Drittel des in Moskau üblichen Honorars. «Aber dafür gibt es keinerlei Zensur, und sie publizieren viele Artikel auch auf Englisch, sodass die westliche Presse ebenfalls aufmerksam wird.» Low-Budget-Journalismus, dessen Publikum allerdings jetzt auf drei Millionen Leser im Monat hochschnellte.

Auch die beiden russischen Agenten des Militärgeheimdiensts GRU, Mischkin und Tschepiga, enttarnte man ohne viel Manpower. Laut Dobrochotow wurden sie im Wesentlichen von zwei Leuten des Insider und einem russischsprachigen Bellingcat-Experten ermittelt. Drei Mann gegen den Militärgeheimdienst. Bellingcat-Gründer Eliot Higgins sprach gegenüber Londoner Reportern immerhin von «ein paar Freiwilligen» seines Teams. Gemeinsam durchwühlte man soziale Netze nach Absolventen einschlägiger russischer Militärlehranstalten, kramte in den Datasets von Moskauer Autoversicherungen. «Wir tauschten uns ständig aus, analysierten alles gemeinsam, es gab keine Hierarchie», sagt Dobrochotow. The Insider habe entdeckt, dass beide GRU-Männer als Helden Russlands ausgezeichnet wurden, und in Mischkins Geburtsort mit Augenzeugen gesprochen, die ihn als Verdächtigen Petrow wiedererkannten.

Bellingcat aber hat laut Dobrochotow Fotos und Passangaben der Verdächtigen aus der geschlossenen Polizeidatei «Rossijski Passport» beschafft. Ausser den Staatsmedien vermuten auch liberale Journalisten in Moskau, diese Informationen hätte Bellingcat vom britischen Geheimdienst.

Aber das ändert nichts am Ergebnis der russisch-britischen Recherche. «Ihr könnt uns und Bellingcat noch so sehr misstrauen», sagt Dobrochotow. «Es gibt diese Dokumente, und es gibt leicht überprüfbare Fakten und Passnummern.» Wenn die Behörden beweisen wollten, dass Boschirow und Tschepiga doch verschiedene Menschen sind, sollten sie beide einfach gemeinsam der Öffentlichkeit präsentieren. (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.10.2018, 17:44 Uhr

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