Ein Sänger, ein Massenmörder und eine Diktatoren-Witwe

Bei den Wahlen auf den Philippinen treten allerlei umstrittene Kandidaten an, unter ihnen auch die berüchtigte Schuhsammlerin Imelda Marcos.

Noynoy Aquino wirbt für seine Kandidatur.

Noynoy Aquino wirbt für seine Kandidatur. Bild: Keystone

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Die Wahl des Nachfolgers von Gloria Arroyo, der Präsidentin der Philippinen, reduziert sich auf einen Zweikampf der Insider. In den jüngsten Umfragen führt Benigno Aquino, der einzige Sohn der früheren Präsidentin Corazon Aquino, vor Joseph Estrada, der 1998 schon einmal zum Präsidenten gewählt wurde, aber nach drei Jahren zurücktreten musste. Von den andern Kandidaten hat Manuel Villar eine Aussenseiterchance. Er sagt, er sei der Einzige, der gegen die Oligarchie antrete.

Das sagte vor zwölf Jahren auch Estrada von sich, der frühere Filmstar und Sänger, der vor seiner politischen Karriere in über hundert Filmen Rollen eines Rächers der Armen spielte. Aber nach seinem Sturz wegen Korruption, 2001 durch öffentliche Proteste erzwungen, und einer Verurteilung wegen Plünderung der Staatskasse ist er kein Aussenseiter mehr.

Reuige Agitatoren

Neu gewählt werden am kommenden Montag nicht nur der Präsident und sein Vize, sondern auch die 270 Abgeordneten des Repräsentantenhauses und die Hälfte der 24 Senatoren. Zudem werden alle Bürgermeister und lokalen Räte erneuert. 82'000 Kandidaten bewerben sich um 17'000 Mandate. Unter ihnen ist auch Imelda Marcos, die 80-jährige Witwe des 1986 gestürzten Diktators Ferdinand Marcos, deren 3000 Paar Schuhe damals weltberühmt wurden – die Dame möchte ihren Gatten rehabilitieren; ihr Sohn Ferdinant junior kandidiert für den Senat. Andal Ampatuan, der als Massenmörder im Gefängnis auf seinen Prozess wartet, bewirbt sich um das Amt des Gouverneurs der Provinz Maguindanao. Ferner bemühen sich ein siebenfacher Boxweltmeister und einige Showstars um Ämter. Präsident und Vizepräsident werden separat gewählt.

Die Kandidaten treten zwar als Team auf, aber der künftige Präsident muss jenen Vize akzeptieren, den das Volk wählt. Die philippinische Verfassung verbietet dem Staatspräsdenten eine zweite Amtszeit, Arroyo darf nicht mehr antreten. Im Fall Estradas entschied die Wahlkommission, das Verbot gelte nur für jene Präsidenten, die ihre Amtszeit beendet hätten. Das hat Estrada nicht. Sein Sturz vor neun Jahren gilt heute vielen, die damals gegen ihn waren, als Fehler, wie die Bischöfe explizit sagen, die damals gegen ihn agitierten und den Sturz zusammen mit den mächtigen Familienclans besiegelten. Corazon Aquino entschuldigte sich vor zwei Jahren bei Estrada für die Rolle, die sie bei seinem Sturz spielte.

Untersuchung wegen Korruption

Estradas Vizepräsidentin war Gloria Arroyo, die nachrückte und dann 2004 selber zur Präsidentin gewählt wurde. Heute weiss man, dass sie ihr Überlaufen zu den Gegnern Estradas lange vorbereitet hatte. Arroyos Präsidentschaft gilt selbst für philippinische Massstäbe als besonders korrupt. Im Herbst 2007 begnadigte Arroyo ihren Vorgänger und gab ihm seine politischen Rechte zurück. Jetzt will es der alte Schlagersänger noch einmal wissen. Estrada sei Arroyos letzte Hoffnung, schrieb ein Kommentator. Gewinnt ein anderer, der ihr nichts schuldig ist, muss sie mit einer Untersuchung wegen Korruption rechnen. Um sich zusätzlich abzusichern, wie ihr unterstellt wird, kandidiert die Noch–Präsidentin für den Senat. Gloria Macapagal-Arroyo, wie die abtretende Präsidentin mit vollem Namen heisst, ist selber Tochter eines Präsidenten: Ihr Vater war Diosdado Macapagal, Staatspräsident von 1961 bis 1965. Unter Corazon Aquino war sie Vizeministerin.

Lediger Kettenraucher

Favorit für das Präsidentenamt ist allerdings Benigno Aquino, den alle Noynoy nennen. Die Philippiner lieben Abkürzungen und Übernamen: Estrada nennen sie Erap, Villar meist Manny, Marcos-Sohn Ferdinand heisst nur Bongbong. Und Gilberto Teodoro, die Nummer vier in Umfragen, nur Gibo. Er ist übrigens ein Cousin von Noynoy. Der 50-jährige Noynoy ist ein etwas linkischer lediger Kettenraucher, der als Parlamentarier bisher wenig erreicht hat. Sein zentrales Wahlargument sind seine Eltern: sein Vater Benigno Aquino, der Oppositionsführer zu Zeiten von Ferdinand Marcos, den der Diktator ermorden liess und dessen Porträt heute die 500-Peso-Banknote ziert, und seine voriges Jahr verstorbene Mutter Corazon, oder Cory, die 1986 die gelbe Revolution gegen Marcos anführte und der Welt den Begriff People's Power gegeben hat. Noynoys Partner für die Vizepräsidentschaft ist Mar Roxas, der Enkel des ersten Nachkriegspräsidenten.

Am vergangenen Mittwoch sicherten sich die beiden die Unterstützung der Iglesia Ni Cristo, deren fünf Millionen Gläubige stramm nach Vorgabe der Kirchenführung wählen. Noynoy verspricht Wechsel und Transparenz, er will die Korruption ausmerzen und den Armen helfen. Aber er wird nach der Wahl erst einmal erklären müssen, wie seine Familie in den Besitz der 7500 Hektaren grossen Hacienda Luisita gekommen ist. Und um die Armen bemühen sich auch seine Gegner. So verspricht ihnen Peso-Milliardär Manny «Freiheit von der Armut».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.05.2010, 14:21 Uhr

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