Erdogan und Putin in den Flitterwochen

Autokraten unter sich: Von Russlands Comeback in Nahost profitiert auch die Türkei.

Neue Partner haben viel zu besprechen: Wladimir Putin und der türkische Präsident Tayyip Erdogan am 11. Dezember in Ankara.

Neue Partner haben viel zu besprechen: Wladimir Putin und der türkische Präsident Tayyip Erdogan am 11. Dezember in Ankara. Bild: Keystone

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Mit Donald Trump redet der türkische Präsident nur noch am Telefon und zuletzt indirekt über Ansprachen in Kongresssälen und auf Stadtplätzen. «Was für ein Bündnis ist das?», ruft Tayyip Erdogan erbost von Rednertribünen. Die Antwort ist den Türken klar: gar keines. Amerika und die Nato sind abgeschrieben. Mit Wladimir Putin aber hat sich der türkische Staatschef gestern bereits zum dritten Mal innerhalb eines Monats getroffen. Putin legte am Ende eines langen Reisetags von Moskau nach Syrien und Kairo auf dem Rückflug noch kurzfristig einen Stopp in Ankara ein. Neue Partner haben viel zu besprechen.

Die Krise um die Anerkennung Jerusalems, die Donald Trump in der arabischen Welt losgetreten hat, scheint der russisch-türkischen Allianz nun noch mehr Halt zu geben. Auch Putin kritisierte den Schritt des amerikanischen Präsidenten. Ein «Werk der Evangelikalen» in den USA nannte Erdogan die Jerusalem-Anerkennung. Während sich die Trump-Regierung demonstrativ auf die Seite Israels stellt und anderswo – in Syrien zumal – nur eine diskrete Rolle spielt, feiert Russland ein Comeback im Nahen Osten. Damaskus und Kairo, die alten Bastionen der Sowjetunion gegen die USA in den ersten Jahrzehnten des Kalten Kriegs, sind wieder auf dem russischen Radar. Ankara aber ist der Keil, den der russische Präsident am leichtesten in die Nato treiben kann.

Schiedsrichter im Bürgerkrieg

Erst mit Putins Einwilligung konnte Erdogan seine Armee im Sommer vergangenen Jahres über die Grenze nach Syrien schicken. Ankara ging es darum, die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu vertreiben und gleichzeitig die syrischen Kurden zurückzudrängen; gestern begann in Istanbul auch der Prozess gegen den IS-Attentäter auf den Nachtklub Reina in der Neujahrsnacht von 2016 auf 2017.

Mittlerweile weiteten die Türken ihre militärische Intervention im Nachbarland Syrien noch aus. Russland und die Türkei haben die Organisation sogenannter «Deeskalationszonen» verabredet. Putin und Erdogan sind Schiedsrichter im syrischen Bürgerkrieg geworden. Der Erdogan-Putin-Honeymoon scheint so gross und rund, weil das Verhältnis der Türkei zu den USA in den vergangenen Monaten so stark gelitten hat. Aus Wut über die US-Regierung, die den Prediger Fethullah Gülen nicht ausliefern oder wenigstens auf seinem Landsitz in Pennsylvania festnehmen will, hat Ankara begonnen, politische Gefangene zu nehmen: den Pastor Andrew Brunson etwa oder zwei türkische Mitarbeiter von US-Konsulaten in der Türkei. Das hat der Türkei im Oktober den Stopp der Visavergabe für Reisen in die USA eingebracht. Eine beispiellose Strafe unter zwei Nato-Verbündeten.

Taktische Allianz

Im November kam noch ein Zwischenfall bei einer Militärübung der Allianz in Norwegen dazu, wo Erdogan und der türkische Republikgründer Atatürk als «Feindbilder» präsentiert wurden. Und schliesslich ein Prozess in New York, bei dem ein der türkischen Regierung nahestehender Geschäftsmann tagelang Kompromittierendes aussagte – über Schmiergeldzahlungen an Erdogan-Minister und den organisierten Bruch von US-Sanktionen gegen Iran. All das muss sich der autoritär regierende Präsident in Ankara von Wladimir Putin nicht anhören.

Dennoch mahnen Türkei-Experten wie der Franzose Jean Marcou zur Umsicht. «Im Moment ist es eine taktische Allianz, keine strategische Annäherung», sagt Marcou, Professor für Politikwissenschaften an der Universität von Grenoble und Forscher am Französischen Institut für Anatolische Studien in Istanbul. Marcou weist auf die Differenzen hin, die es zwischen Ankara und Moskau in Osteuropa, im Kaukasus und auch im Syrienkrieg gibt: Die Türkei erkennt die Annexion der Krim nicht an; Russland unterstützt das von der Türkei isolierte Armenien militärisch; in Syrien arbeitet Russland mit der kurdischen Miliz YPG zusammen, und Russland ist natürlich die wichtigste Stütze für das Regime des syrischen Machthabers Bashar al-Assad.

«Man kann an der Langlebigkeit dieser Allianz zweifeln», stellt Marcou fest. Die Mitgliedschaft in der Nato bleibe dagegen trotz aller Probleme die wichtigste Achse der türkischen Aussenpolitik. Ihr neues Raketen- und Flugabwehrsystem kauft die türkische Regierung allerdings von Putin. Die USA waren zögerlich mit der Weitergabe von Hochtechnologie an die Erdogan-Türkei. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.12.2017, 10:17 Uhr

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