Interview

«Fukushima ist ganz und gar nicht unter Kontrolle»

Am Sonntag jährt sich Fukushima zum ersten Mal. Die Schweizer Journalistin Susan Boos reiste zweimal in das Katastrophengebiet, hat ein Buch zum Thema verfasst und zieht Parallelen zur Schweiz.

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Frau Boos, Sie sind nach der AKW-Katastrophe in Fukushima zweimal nach Japan gereist. Wie war die Stimmung im Land?
Bei der zweiten Reise Ende 2011 hatte ich das Gefühl, dass der Unmut in der Bevölkerung zugenommen hat. Den Japanern ist bewusst geworden, dass sie belogen oder zumindest nicht genügend über den Ernst der Lage aufgeklärt wurden. Das Ausmass dieser Katastrophe wird vielen erst jetzt richtig bewusst. Das hat zum Teil damit zu tun, dass in weiten Teilen der radioaktiv belasteten Gebiete die Bevölkerung erst vor wenigen Monaten informiert wurde. Die grösste Wut habe ich bei Müttern von kleinen Kindern gespürt. Sie fühlen sich schuldig, weil sie sich im Nachhinein Vorwürfe machen, nicht genügend für die Sicherheit ihrer Kinder gesorgt zu haben.

Die japanische Regierung hat die Katastrophe tatsächlich lange runtergespielt. Dabei hatte man doch aus Tschernobyl Lehren gezogen?
Anscheinend nicht. Mich hat das sehr erstaunt. So wurden zum Beispiel praktisch gar keine Jod-Tabletten verteilt, obwohl sie in Japan – im Gegensatz zu Tschernobyl – vorhanden gewesen wären. Aber die Regierung hat die Verteilung der Jod-Tabletten nie veranlasst. Nur eine Gemeinde hat ihre Bewohner, entgegen des Regierungsentscheids, mit Tabletten versorgt und der Bürgermeister wurde dafür sogar stark kritisiert. Ausserdem hat man den Grenzwert zur Evakuierung höher als in Tschernobyl angesetzt, nämlich bei 20 Millisievert pro Jahr.

Warum?
Das sind vor allem finanzielle Gründe. Die japanischen Behörden haben beschlossen – ausserhalb der gesperrten 20-km-Zone um das Atomkraftwerk Fukushima – nur dort die Menschen zu evakuieren, wo die 20-Millisievert-Grenze überschritten wird. Hätte man diesen Wert weiter unten angesetzt, müsste man weit mehr Menschen evakuieren: schätzungsweise 2 Millionen, statt der bisherigen 70'000. Das hätte wiederum nebst etlicher Mehrkosten auch viel mehr Entschädigungszahlungen zur Folge. Also vermittelt man lieber das Gefühl, es sei alles in Ordnung, so wie es ist.

Erst kürzlich ist eine Studie veröffentlicht worden, die verheerende Fehler im Zusammenhang mit Fukushima aufgezeigt hat. Was wurde Ihrer Meinung nach falsch gemacht?
Ein grosses Problem war mit Sicherheit die Fehlkommunikation nach dem Unglück. Natürlich ist man im Fall einer solchen Katastrophe schlichtweg überfordert. Dass die Angestellten im AWK teilweise nicht genau wussten, wie sie nun reagieren sollten, ist angesichts der Umstände nachvollziehbar. Denn schliesslich lief vor Ort gar nichts mehr: Messgeräte funktionierten nicht, die Computer stiegen aus und strikte Anweisungen wurden auch nicht gegeben. Für diese wäre die Tepco-Leitung zuständig gewesen. Doch die hat ihren Hauptsitz in Tokyo, anscheinend zu weit weg vom Geschehen, jedenfalls war die Kommunikation lausig.

Am 11. März jährt sich die Katastrophe zum ersten Mal. Wie viel ist von Fukushima in unserem Bewusstsein hängen geblieben?
Fukushima ist relativ schnell aus den Schlagzeilen verschwunden. Ich war erstaunt, wie schnell. Ein Jahr später hat man das Gefühl, die Situation sei mehr oder weniger unter Kontrolle. Tatsache ist, dass Fukushima ganz und gar nicht unter Kontrolle ist. Viele Fragen sind immer noch nicht geklärt, man weiss weder genau, wie viel radioaktives Material aus der Anlage entwichen ist, noch kennt man den genauen Zustand der zerstörten Reaktoren. Viele geben sich zufrieden mit den Informationen, die sie aus den Medien bekommen. Ich möchte aber gern die Tatsachen kennen.

In Ihrem soeben erschienenen Buch «Fukushima lässt grüssen» (siehe Box) sind Sie unter anderem der Frage nachgegangen, ob man bei uns in der Schweiz auf ein ähnliches Reaktorunglück vorbereitet wäre. Sind wir es?
Ich habe mit der Bevölkerungsschutzorganisation Aargau gesprochen, die während eines Unglücks der AKWs Leibstadt und Beznau verantwortlich wäre. Selbstverständlich ist ein Evakuierungsplan vorhanden und es existieren detaillierte Verordnungen, die das alles regeln. Sie basieren aber auf Überlegungen, die völlig naiv sind, weil die Katastrophenplanung nur theoretisch funktioniert. Denn wenn Massenpanik ausbricht, kann man den vorhandenen Evakuierungsplan über Bord werfen, da der Verkehr völlig zusammenbrechen würde. Und davon muss man ausgehen, denn es ist höchst unwahrscheinlich anzunehmen, dass die Schweizer im Fall eines Reaktorunglückes ruhig bleiben würde.

Ist denn eine derartige Katastrophe in der Schweiz überhaupt denkbar? AKW-Befürworter argumentieren, dass über die Schweiz kein Tsunami einbrechen könnte und wir – im Gegensatz zu Japan – kein erdbebengefährdetes Land sind.
Gerade was Erdbeben betrifft wurden wir kürzlich eines Besseren belehrt. Experten erwarten in Zukunft sogar weitere und vor allem heftigere Beben. Eine ähnliche Katastrophe ist durchaus denkbar. Gerade in einem so dicht besiedelten Land wie der Schweiz darf das Risiko nicht unterschätzt werden. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Beznau das älteste Kraftwerk der Welt ist. Oder nehmen wir das AKW Mühleberg, das gleiche Modell übrigens wie der Nuklearreaktor in Fukushima. Oberhalb von Mühleberg befindet sich ein alter Staudamm, der voller Erdschlamm ist. Wie sicher ist diese Staumauer noch? Hält sie einem starken Beben stand? Was, wenn sie es nicht tut? Dann haben wir eine Springflut, die auf das AKW Mühleberg trifft. Oder Kriege, auch sie können eine Bedrohung sein. Was wäre gewesen, wenn in Ex-Jugoslawien AKWs gestanden wären? Wir wissen es nicht, aber die Gefahr, die von AKWs ausgeht, ist zu gross.

Es bringt aber auch nicht viel, wenn nur gewisse Länder den Atomausstieg planen.
Ja, das Thema ist problematisch. Die Ukraine etwa hat grosse Pläne in Sachen Atomenergie. Und es bringt tatsächlich nichts, wenn wir aus der Nuklearenergie aussteigen, nur um billigen Atomstrom aus dem Ausland zu beziehen. Also müssen wir nicht nur einen Atomausstieg planen, sondern müssen auch unseren Stromkonsum drosseln. Trotzdem, ein Atomausstieg ist realistisch und die Zukunft gehört den erneuerbaren Energien. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.03.2012, 11:17 Uhr

Susan Boos ist Redaktionsleiterin der Wochenzeitung WOZ und beschäftigt sich seit Jahren mit Atom- und Energiepolitik. Soeben ist ihr Buch «Fukushima lässt grüssen. Die Folgen eines Super-GAUs» erschienen.
Diesen Freitag (9. März) findet im Zürcher Volkshaus (Weisser Saal) die Buchvernissage statt.
(Bild: Ursula Häne)

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