«Hängt die Mörder, hängt die Fabrikbesitzer»

Nach dem Gebäudeeinsturz mit über 400 Toten fordern Tausende Arbeiter in Dhaka die Hinrichtung der Fabrikbesitzer. Die EU zeigt sich über die Arbeitsbedingungen in Bangladesh zunehmend besorgt.

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Die Wut über den Einsturz eines Fabrikgebäudes hat sich in Bangladesh zum Tag der Arbeit Bahn gebrochen: Mehrere tausend Arbeiter strömten auf die Strassen der Hauptstadt Dhaka und forderten die Hinrichtung der Fabrikbesitzer. «Hängt die Mörder, hängt die Fabrikbesitzer», rief die Menge, die mit roten Bannern und Fahnen durch Dhaka zog.

Die Arbeiter seien wütend über den «Mord» an ihren Kollegen, sagte Kamrul Anam, ein Anführer einer Textilarbeitergewerkschaft. «Wir wollen die härtest mögliche Bestrafung für die Verantwortlichen dieser Tragödie.» Seit dem Einsturz des achtstöckigen Gebäudes nahe Dhaka vor einer Woche wurden nach neuesten Angaben der Armee mehr als 400 Leichen geborgen. Zudem würden noch immer 149 Menschen vermisst, sagte Armeegeneral Chowdhury Hassan. Arbeiter hatten nach dem Unglück berichtet, das Gebäude sei nach der Entdeckung von Rissen am Vortag evakuiert worden, doch hätten die Manager sie zur Rückkehr gezwungen. Bisher wurden sieben Menschen, darunter der Besitzer des Gebäudes und mehrere Ingenieure, wegen fahrlässiger Tötung festgenommen. Bei Protesten gab es wiederholt gewaltsame Zusammenstösse mit der Polizei.

Viele der rund 4500 Textilfabriken des Landes sind seit vergangenem Mittwoch aus Protest gegen die oft mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen und schlechten Arbeitsbedingungen geschlossen. Für die Textilindustrie, die der wichtigste Wirtschaftszweig des Landes ist, ist dies ein harter Schlag. Ministerpräsidentin Sheikh Hasina kritisierte Angriffe auf Fabriken und rief die Angestellten auf, zur Arbeit zurückzukehren. Die Arbeiter sollten einen «kühlen Kopf» bewahren und die Fabriken am Laufen halten, sonst riskierten sie, ihren Job zu verlieren, sagte Hasina vor dem Parlament.

EU zeigt sich besorgt

Nach dem Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesh hat die EU das Land aufgefordert, internationale Sicherheitsstandards einzuhalten. Dhaka müsse «sofort handeln», erklärten die EU-Aussenbeauftragte Catherine Ashton und EU-Handelskommissar Karel De Gucht in Brüssel.

Die Arbeitsbedingungen in den Fabriken des südasiatischen Landes böten sowohl sicherheits- als auch gesundheitstechnisch grossen Anlass zur Sorge, hiess es in der Erklärung. Die EU als grösster Handelspartner des Landes bot ihre Hilfe bei der Umsetzung internationaler Standards an.

Die EU erhebt dank eines speziellen Programmes für arme Länder keine Zölle für die meisten Produkte aus Bangladesh. Nun würde Anreize erwogen, um ein verantwortliches Verhalten bei Herstellern zu fördern, hiess es in der Erklärung weiter.

Die Textilindustrie ist in Bangladesh ein bedeutender Wirtschaftszweig, er erzeugt rund 80 Prozent der nationalen Exporte. Da viele Arbeiter, insbesondere Frauen, für weniger als 40 Dollar im Monat arbeiten, können ausländische Konzerne hier billig produzieren.

Illegal errichtetes Gebäude

Bislang bestätigte nur die britische Kette Primark, dass sie in dem Unglücksgebäude arbeiten liess. Die spanische Kleidermarke Mango forderte nach eigenen Angaben lediglich Muster an; der italienische Konzern Benetton bestätigte eine «einmalige Bestellung».

Bei der vor einer Woche eingestürzten Fabrik handelte es sich um ein illegal errichtetes Gebäude, das fünf Werkstätten beherbergte. Zum Unglückszeitpunkt sollen sich etwa 3000 Menschen in der Fabrik aufgehalten haben, mehr als 400 kamen ums Leben.

Es war der schlimmste Industrieunfall in Bangladeschs Geschichte. Bislang wurden im Zusammenhang mit dem Unglück sieben Menschen festgenommen, darunter der Eigentümer des Gebäudes. (bru/sda/AFP)

Erstellt: 01.05.2013, 09:55 Uhr

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