Hintergrund

In die Falle gelockt?

Gu Kailai, die Frau des entmachteten Provinzfürsten Bo Xilai, ist wegen Mordverdachts verhaftet worden. Droht die schlimmste Machtprobe seit dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz?

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In China tobt ein Machtkampf, der die Zukunft der aufstrebenden Supermacht entscheidend prägen könnte. «Der Skandal hat in Peking die grösste politische Krise ausgelöst, seit 1989 die Militärs die Pro-Demokratie-Studentenproteste auf dem Platz des himmlischen Friedens gewaltsam beendet haben», stellt das «Wall Street Journal» fest. Der «Economist» spricht davon, dass «die Regeln der chinesischen Politik neu geschrieben werden». Worum geht es?

Vordergründig um einen Polit-Skandal, in dem ein glamouröses Paar im Mittelpunkt steht: Bo Xilai und seine Frau Gu Kailai. Beide gehören der Generation der sogenannten «Princling» an, will heissen: Ihre Väter haben auf dem langen Marsch von Mao an die Macht eine entscheidende Rolle gespielt. Bo ist der Sohn des verehrten Revolutions-Generals Bo Yibo. Madame Gus Vater war Gu Jingsheng, ein General, der sich im Kampf gegen die Japaner ausgezeichnet hat.

Aus dem Politbüro verbannt

Den beiden Princlings schien eine glänzende Karriere bevorzustehen. Bo war auf dem Sprung, Mitglied des neunköpfigen Politbüros der KP zu werden, des entscheidenden Machtgremiums in China. Seine Frau hatte als tüchtige Geschäftsfrau ein Vermögen verdient. Jetzt ist Bo aus dem Politbüro verbannt worden und Gu ist soeben wegen Verdachtes auf Mord verhaftet worden. Haben die beiden ein Verbrechen begangen oder sind sie bei den Parteioberen in Ungnade gefallen?

Angefangen hat alles mit einem mysteriösen Todesfall eines Briten namens Neil Heywood. Der Vorfall hätte direkt aus einem James-Bond-Roman stammen können: Heywood war ein Mitglied der britischen Oberklasse, erzogen in den besten Privatschulen und Eliteuniversitäten. Angeblich war er Mitglied eines privaten Geheimdienstes. Er war mit einer Chinesin verheiratet, die ihrerseits eine enge Freundin von Gu Kailai ist. Heywood hatte beste Kontakte zu Bo und seiner Frau und hat seinem Sohn Bo Guaga die Ausbildung in einer britischen Privatschule vermittelt.

Lange ein Günstling

Im vergangenen November wurde Heywood tot in einem Hotel in der Stadt Chongqing aufgefunden. Als Todesursache wurde offiziell «exzessiver Alkoholgenuss» angegeben, die Leiche wurde sofort kremiert. Heywoods Freunden erscheint diese Erklärung als wenig glaubwürdig, der Brite galt als abstinent. Sie vermuten daher, dass er vergiftet wurde. Als Grund vermuten sie ein Zerwürfnis in geschäftlichen Fragen. Das jedenfalls soll der Polizeichef von Chongqing ausgesagt haben. Er war lange ein Günstling von Bo, hat sich inzwischen mit ihm überworfen und ist nach Peking geflohen.

Ist der mysteriöse Tod des Briten ein Verbrechen eines ehrgeizigen Ehepaars oder ein politischer Plot, um einen unliebsamen Gegner auszuschalten? Bo Xilai ist ein Populist. Er kämpft im Namen des kleinen Mannes und fordert eine Umkehr in Sachen Wirtschaftspolitik. Seine Anhänger liess er die Revolutionslieder der Mao-Ära singen. Damit zog er den Zorn der Parteioberen auf sich. Diese haben eine pragmatische Wirtschaftspolitik verfolgt und in ihrem «Sozialismus mit chinesischen Merkmalen» auch Dinge zugelassen, die andere als Frühkapitalismus bezeichnen. In China gibt es inzwischen sehr grosse Wohlstandsunterschiede und damit wachsende soziale Unrast. Die Anhänger von Bo sind deshalb der Meinung, er sei in eine Falle gelockt worden.

«Verräterische Hunde»

Mit der Verhaftung von Gu Kailai hat dieser Machtkampf einen weiteren Höhepunkt erfahren. Entschieden ist er damit noch nicht. Die Pragmatiker wie etwa der scheidende Premierminister Wen Jiabao warnen vor einem neuen Desaster im Sinne von Maos Kulturrevolution der 1960er-Jahre. Doch auch Bo hat seine Anhänger. Sie verbreiten ihr Loblieb auf den Volkshelden auf dem Internet. Auf der Webseite Utopia der Mao-Fraktion ist gar ein Aufruf an die Militärs veröffentlicht worden. Darin wird aufgefordert, endlich gegen die «verräterischen Hunde» vorzugehen, ein Begriff, mit dem die pragmatischen Reformer wie Wen Jiabao gemeint sind. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.04.2012, 22:27 Uhr

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