Neue Islam-Macht Türkei

Erdogan unterstützt den Islam, wo er nur kann. Der türkische Präsident beabsichtigt damit den Einfluss seiner Religion in der ganzen Region zu verstärken.

Der Sieg der türkischen Armee im Norden Syriens ist ein Punktegewinn nicht nur für Erdogan, sondern, aus seiner Sicht, auch für den Islam.

Der Sieg der türkischen Armee im Norden Syriens ist ein Punktegewinn nicht nur für Erdogan, sondern, aus seiner Sicht, auch für den Islam. Bild: Keystone

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Die Türkei ist diese Woche im Norden Syriens einmarschiert und hat kurdische Gebiete in und um Afrin erobert. Die Kurden begraben ihre Hoffnungen auf Autonomie. Und sie rechnen damit, dass sie künftig den Befehlen aus Ankara gehorchen müssen. Denn die Türkei hat regionale Aspirationen, ähnlich wie Iran. Es ist deshalb nicht damit zu rechnen, dass sich Präsident Tayyip Erdogan bald aus dem eroberten Gebiet zurückziehen wird.

Ankara, vermuten Kenner der Türkei, werde als Erstes versuchen, einen Teil der syrischen Flüchtlinge, die in der Türkei Zuflucht vor dem Bürgerkrieg gesucht hatten, in Afrin anzusiedeln. Damit hofft Erdogan, die sozialen Spannungen in seinem Land etwas abzubauen. Danach wird er sich der zivilen Infrastruktur annehmen. Die Türkei wird sich nicht nur für die Sicherheitskräfte zuständig erklären, sondern auch für Schulen. Der Sieg der türkischen Armee im Norden Syriens ist ein Punktegewinn nicht nur für Erdogan, sondern, aus seiner Sicht, auch für den Islam. Denn Erdogan will den Einfluss seiner Religion in der ganzen Region verstärken. So unterhält er beste Beziehungen zur radikal-islamischen Hamas. In Katar zeigt er militärische Präsenz und baut sich einen Stützpunkt.

Auch auf dem Balkan verstärkt er seinen Einfluss, wie das Beispiel Albanien zeigt. In der Hauptstadt Tirana finanziert die Türkei die grösste Moschee auf dem Balkan. In einem Land, in dem sich rund 70 Prozent der Bevölkerung zum Islam bekennen, wäre das eigentlich kaum der Rede wert. Aber Albanien ist bekannt für seinen Islam light. Alkoholkonsum ist kein Problem: Fröhliche Werbespots ermuntern zum Bierkonsum, und Moslems betreiben Weinkeller, als wäre das für sie die selbstverständlichste Sache der Welt. Nach den in muslimischen Ländern sonst üblichen Begleiterscheinungen sucht man vergebens. Kleidervorschriften für Frauen kennt man in Albanien nicht, und der intellektuelle Diskurs kennt keine religiösen Scheuklappen.

Albaniens Muslimenchef Mucaj will die Menschen jetzt aber davon überzeugen, dass es gut für sie ist, den Weg der Religion zu befolgen, wie er mir bei einem Besuch in Tirana sagte. Er ist stolz auf seine bisherigen Erfolge. Es lasse sich bereits feststellen, dass in Albanien immer mehr Frauen ein Kopftuch tragen, sagt er.

Ohne ausländische Hilfe hätte sich Albanien, wo das Pro-Kopf-Einkommen auf dem Niveau Ägyptens ist, den Bau der neuen Mega-Moschee nicht leisten können. Dankbar nahm Mucaj deshalb das Angebot der Türkei an, das 30 Millionen Euro teure Projekt zu finanzieren. Für die Grundsteinlegung war Erdogan aus Ankara angereist. Damit unterstrich er die geostrategische Bedeutung seiner Investition im europäischen Randgebiet. Im Volksmund nennt man das neue Statussymbol des Islam denn auch «Erdogan-Zentrum». Hier werden ab 2018 4000 Gläubige beten – 3000 im Innern, 1000 draussen. Integriert werden zudem ein Konferenzzentrum und eine Bibliothek. Der Islam türkischer Prägung ist damit institutionalisiert.

Erdogan versucht in Albanien, wo sich der Islam traditionell tolerant und nicht kämpferisch gibt, seine strengen Vorstellungen vom Islam durchzusetzen. Dass das gegenüber früher ein Rückschritt in die Monokultur ist, zeigt die Facebookseite des Zürcher Rechtsanwalts Emrah. Erdogan will den Einfluss des Islam in der ganzen Region verstärken.

Erken «Before Sharia Spoiled Everything» (Bevor die Scharia alles zerstörte). Erken hat historische Fotografien aus der Türkei und anderen muslimischen Ländern zusammengetragen, um zu dokumentieren, wie reichhaltig, frei und fröhlich die Gesellschaft war, bevor sie unter die Knute der islamischen Fanatiker kam. Kopftuch in türkischen Städten sind in den Erinnerungsbildern von Erken die Ausnahme. Zu sehen sind vielmehr Frauen mit kurzen Röcken, Bikinis und Biergläsern in der Hand. Der Kontrast zur heutigen Türkei, die sich vom Säkularismus Atatürks verabschiedet hat, könnte krasser kaum sein. Denn vor Jahrzehnten hatten die Menschen die Wahl, sich zwischen verschiedenen Lebensstilen zu entscheiden. Dem setzen Erdogan & Co. nun ein Ende. (Basler Zeitung)

Erstellt: 20.03.2018, 11:19 Uhr

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