Putin, Stalin, Jesus Christus

Der Entzug einer Kinolizenz zeigt: Bei Stalin hört der russische Humor auf.

Eine russische Künstlerin auf dem Roten Platz in Moskau.

Eine russische Künstlerin auf dem Roten Platz in Moskau. Bild: Keystone

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Die Komsomolskaja Prawda schickte ihren Kriegsberichterstatter Dmitri Setschin los, der sonst aus den Schützengräben Syriens oder der Ostukraine berichtet. Diesmal ging es in den Kinosaal des russischen Kulturministeriums darum, eine britisch-französische Filmkomödie auszuspähen: «Der Tod Stalins». Er sieht «Widerliches»: Stalin liegt in einer Urin-Pfütze auf dem Teppich. Lawrenti Berija (Stalins engster Mitarbeiter) kommt herein: «Mann, das stinkt ja wie ein Klo in Baku.»

Ende Januar hätte der Film des schottischen Regisseurs Armando Inannucci in die russischen Kinos kommen sollen. Aber daraus wurde nichts. Das Urteil der 36 Mitglieder des «Gesellschaftsrates beim Kulturministerium», die das Lustspiel im Kinosaal des Kulturministeriums mit eisigem Schweigen verfolgten, fiel so vernichtend aus wie das der Massenzeitung Komsomolskaja Prawda: «Diese Komödie hätte auch Hitler drehen können.» Oder wie es in einem Schreiben der Kulturschaffenden an Minister Wladimir Medinski heisst: «Bösartig, völlig fehl am Platz, das Gedenken an jene unserer Bürger beschmutzend, die den Faschismus besiegt haben.» Ein neues Format im psychologischen Krieg des Westens gegen Russland, so der kommunistische Parteifunktionär Sergei Obuchow.

Der Minister reagierte schnell. «Bei uns gibt es keine Zensur», versicherte er. «Aber es gibt eine sittliche Grenze zwischen kritischer Analyse der Geschichte und ihrer Verhöhnung.» Medinski strich die Kinolizenz für «Der Tod Stalins».

Ein Film voller Absurdität

Im Westen hatte der Streifen, dessen Drehbuch auf einer französischen Comic-Satire beruht, durchaus gute Kritiken bekommen. «Ein Film voller Absurdität, voller Momente, die passieren, wenn sehr wenig Menschen sehr viel Macht in den Händen behalten», schrieb die Kinozeitschrift Empire. «Seine Komik fusst vor allem darauf, dass in der Sowjetunion 1953 jedes Wort bedeutsam war. Ein unpassender Scherz oder ein falsch ausgesprochener Name konnte deinen Absturz bedeuten.»

Regisseur Inannucci hatte in früheren Filmen auch die Dummheit britischer und amerikanischen Regierungen aufs Korn genommen, das aber rettete die Lizenz seiner Stalin-Satire nicht.

Böse Zungen verweisen darauf, dass Medinskis Ministerstuhl seit Monaten wackelt, unter anderem wegen seiner des Plagiats verdächtigten Doktorarbeit. «Jetzt verbietet er einen Film über das Ende einen grossen Führers und über den Machtkampf der danach ausbricht», sagt der Politologe Michail Winogradow der BaZ. Auf diese Weise heische Medinski um das Wohlwohllen Wladimir Putins, des aktuellen Oberkommandierenden Russlands.

Über Stalins Tod macht man keine Scherze

Aber bei Josef Stalin hört auch der Humor Millionen anderer Russen auf. Trotz oder wegen der neun Millionen bis 40 Millionen Menschen, die nach Ansicht verschiedener Historiker seiner Herrschaft zum Opfer fielen. «Ideologisch schleicht sich das Land in die Sowjetunion zurück», sagt der Historiker Konstantin Schukow im Gespräch mit der Basler Zeitung. «Stalins Figur erfreut sich zusehends überlebensgrosser Verehrung.» Laut Meinungsumfragen halten 38 Prozent der Russen Stalin für die überragendste Gestalt der Weltgeschichte, knapp gefolgt von Putin mit 34 Prozent.

Josef Stalin, sein Gefolge, auch seinen Massenterror mit schottisch-schwarzem Humor durch den Kakao zu ziehen, ist in Russland mehr als nur ein Skandal: Es ist eine Undenkbarkeit. Oder wie der kommunistische Präsidentschaftskandidat Pawel Grudinin es formuliert: «Ein Filmschwank mit dem Titel ‹Die Kreuzigung Jesu Christi›, ist das normal?»

Luis Buñuel, Monty Python und ihre Blasphemien sind im Westen ein alter Hut. In Russland sind sie offensichtlich noch immer nicht angekommen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.02.2018, 09:41 Uhr

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