Sultan Erdogan lädt zum Gipfel

Muslimische Welt sucht eine gemeinsame Antwort auf Donald Trump und die Anerkennung Jerusalems.

«Es wird ein Wendepunkt.» Erdogan scheint entschlossen, sich zum Führer der islamischen Welt aufzuschwingen – wie einst die Sultane am Bosporus.

«Es wird ein Wendepunkt.» Erdogan scheint entschlossen, sich zum Führer der islamischen Welt aufzuschwingen – wie einst die Sultane am Bosporus. Bild: Keystone

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Die Vasallen von einst spüren wenig Wunsch nach einer Rückkehr der Osmanen: Hunderte Jahre Herrschaft von Algier bis Bagdad. Doch der türkische Staatschef Tayyip Erdogan scheint entschlossen, sich heute in Istanbul zum Führer der islamischen Welt aufzuschwingen wie einst die Sultane am Bosporus.

Als amtierender Präsident der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) hat Erdogan Könige, Staatschefs und Ministerpräsidenten der 56 Mitgliedsländer zu einem Sondergipfel eingeladen. Eine starke Antwort auf die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch die USA soll her. «Es wird ein Wendepunkt», kündigte Erdogan zu Wochenbeginn an. Dafür aber müsste der türkische Präsident mit diplomatischen Geschick erst einmal Konsens unter den muslimischen Staaten finden. Die zeigen sich nur auf den ersten Blick geschlossen in ihrer Ablehnung von Donald Trump und dessen Jerusalem-Anerkennung.

Erdogan hat sie schnell zur «roten Linie» für die Muslime in der Welt erklärt. Die Frage ist nun, was nach der Linie kommen soll. Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu den USA? Eine Revanche-Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt der Palästinenser? Oder doch lieber eine Delegation, die auf Rundreise geschickt wird – Vertreter muslimischer Staaten, die in Europa und in Washington erklären sollen, warum Trumps Beschluss wieder rückgängig gemacht werden muss?

Insgeheime Furcht

Gestern war noch nicht klar, wer am Gipfel teilnimmt. Einladungsschreiben wurden nicht oder nur vage beantwortet. In manchen Ländern der muslimischen Welt gebe es insgeheim eine Furcht, stellt der türkische Aussenminister im Interview mit einem Nachrichtensender fest. «Vor wem, vor was habt ihr denn Angst?», fragt Mevlüt Cavusoglu. Die Türkei plagt sich mit solchen Beschwernissen jedenfalls nicht.

Ein 21 Punkte langer Massnahmenkatalog zirkuliert in manchen türkischen Medien als Vorlage für den Sondergipfel. Ob er echt ist, weiss man nicht. Der Rückruf der Botschafter aller OIC-Staaten aus den USA ist darin enthalten oder auch die Festlegung auf ein Wirtschaftsembargo gegen Israel. Vergangenen Mittwoch noch, als Trump die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem ankündigte, heimste ein türkischer Bushersteller einen Grossauftrag über 22 Millionen Franken in Israel ein.

Seine länger geplante Reise nach Nahost nächste Woche kann sich US-Vizepräsident Mike Pence wohl abschminken. Niemand will ihn nun sehen, nicht einmal der Vertreter der koptischen Kirche in Jerusalem. Auf die Zwischentöne beim Gipfel in Istanbul wird die US-Regierung aber genau achten. Während Erdogan der Antreiber zu einer harten Antwort ist und Iran mit Präsident Hassan Rohani ebenfalls zur Gruppe der Hardliner gehört, steht Saudiarabien am anderen Ende des Spektrums. Kronprinz Salman, der neue mächtige Mann des Landes, denkt nicht daran, sein ausgezeichnetes Verhältnis zur Trump-Regierung zu schmälern. Er braucht die USA für seinen Machtkampf gegen Teheran.

Dem Palästinenserpräsident Abbas, so wurde vergangene Woche kolportiert, soll Salman vorgeschlagen haben, sich mit Abu Dis, einem Vorort von Ost-Jerusalem, als Hauptstadt zu begnügen. Dass der Generalsekretär der OIC, Yussef bin Ahmad Al-Othaimeen, ein ehemaliger saudischer Minister ist, wird Gastgeber Erdogan nicht eben helfen.

Vorschlag für den Frieden

Abbas selbst dürfte in Istanbul für eine vorsichtiger formulierte, wenn auch prinzipienfeste Antwort auf Trump werben, ähnlich wie Jordanien, Ägypten oder auch Indonesien, der Staat mit der grössten muslimischen Bevölkerung der Welt.

Ein türkischer Geschichtsprofessor, der Dekan der fest regierungstreuen Istanbuler Fatih Sultan Mehmet Vakif Universität, hat jedenfalls schon einen Vorschlag. Wenn ein Frieden in Jerusalem gewollt wird, so erklärte Zekeriya Kursun dieser Tage, dann müsste wieder eine Ordnung zwischen den Glaubensgemeinschaften hergestellt werden, wie sie die Muslime in der Zeit des Osmanischen Reichs errichtet hatten. Damals waren Christen und Juden steuerpflichtig und rechtlich geschützt in dem Gemeinwesen der vielen Konfessionen. Und an der Spitze lenkte der Sultan. (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.12.2017, 10:05 Uhr

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