China lässt die Archäologen los

Im Konflikt um die Kontrolle der pazifischen Seerouten setzt China auf die Soft Power der Meeresarchäologie.

Kulturgüter aus der Tiefe: Chinas Meeresarchäologie im Rückblick. (Video: Unesco)

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Mehr als 100 führende Meeresarchäologen aus aller Welt treffen sich diese Woche an der APCONF in Hongkong, einer Wissenschaftskonferenz über das Kulturerbe der Meere. Neben den neusten Bergungs- und Datierungsmethoden gab gemäss dem Co-Organisator des Events, Dr. Bill Jeffery, vor allem ein Thema zu reden: der kometenhafte Aufstieg Chinas als führende Nation im Forschungsfeld der Meeresarchäologie.

«Einige der besten Meeresarchäologen der Welt kommen heute aus China.»Dr. Bill Jeffery, Co-Organisator der APCONF

Während die Unterwasserdisziplin im China der 90er-Jahre kaum eine Rolle gespielt habe, so scheine die Regierung mit grosszügigen Förderbeiträgen das Forschungsfeld mittlerweile als nationale Priorität zu behandeln. «Einige der besten Meeresarchäologen der Welt kommen heute aus China», so Jefferys Einschätzung gegenüber der «South China Morning Post».

Würfel aus Knochen für den Zeitvertreib

Das Ausmass der staatlichen Förderung würde unter anderem an der Ausstellung «Sailing the Seven Seas» im Heritage Discovery Centre in Hongkong ersichtlich, so Jeffery. Die Ausstellung zeigt Hunderte archäologische Funde, die von chinesischen Forschern aus den Schiffswracks zweier Handelsschiffe aus der Wanli-Ära der Ming-Dynastie (1572–1582) geborgen werden konnten.

Wissenschaftlich unterlegter Gebietsanspruch: Poster zur Ausstellung «Sailing the Seven Seas».

Die Relikte reichen von fein verarbeiteten Keramikwaren bis hin zu winzigen Würfeln aus Knochen, die während langer Überfahrten von Matrosen zum Zeitvertreib genutzt worden sein dürften.

Neue Waffe im Kampf um die Vorherrschaft im Südchinesischen Meer: Ein Meeresarchäologe birgt eine Kanone aus dem 18. Jahrhundert.

Die teilweise über 500 Jahre alten Relikte wurden zwar in der Nähe des chinesischen Festlands entdeckt, aber Historiker gehen davon aus, dass die Ming-Dynastie mit ihren Handelsschiffen über die maritime Seidenstrasse bis weit ins Rote Meer hinter dem indischen Subkontinent vordringen konnte.

Aus der Flotte des legendären Eunuchen-Admirals

Diese These stützen könnte der jüngste Fund, der den chinesischen Meeresarchäologen vor der Küste Sri Lankas geglückt ist. Erst vor wenigen Wochen ist dort ein chinesisches Forscherteam auf ein Schiffswrack gestossen, das allem Anschein nach der Flotte des legendären Eunuchen-Admirals Zheng He (1371–1433) angehörte.

Gemäss Jeffery sei das chinesische Meeresarchäologie-Programm ursprünglich in die Wege geleitet worden, um gesetzeswidrigen Schatztauchern zuvorzukommen, die Profite mit chinesischen Kulturgütern machten, die sie aus internationalen Gewässern gefischt hatten. Doch nach und nach hätte die Regierung die Bedeutung des Programms für ihre geopolitischen Ambitionen erkannt, einer Regionalmacht, die sich selbst als globaler Handelspartner und Vorherrscher der pazifischen Handelsrouten identifiziert.

Der wichtigste Seeweg der Welt

Jedes Jahr passiert knapp ein Drittel der weltweit gehandelten Güter das Südchinesische Meer. Gemessen an der transportierten Tonnage sowie am Wert der Waren handelt es sich dabei um den wichtigsten Seeweg der Welt. Und das Tauziehen um den Einfluss im Südchinesischen Meer hat sich in den letzten Jahren intensiviert: Auf der einen Seite steht die erstarkende Regionalmacht China, auf der anderen Seite die Weltmacht USA, stellvertreten durch ihre pazifischen Verbündeten die Philippinen, Vietnam und Malaysia. Es geht primär um die Sicherung der Handelsrouten, aber auch Fischgründe und vermutete Ölvorkommen spielen eine tragende Rolle im Konflikt.

China beansprucht rund 80 Prozent des Südchinesischen Meeres für sich. Dies geht aus der Seekarte mit der sogenannten Neun-Striche-Linie hervor, welche China 2009 bei den Vereinten Nationen vorlegte. Den Gebietsanspruch begründet das Reich der Mitte mit seiner über 2000 Jahre alten Geschichte. «China war das erste Land, welches das Gebiet entdeckt, benannt und sich erschlossen hat. Und es war das erste Land, das Ansprüche in diesem Gebiet geltend gemacht hat», heisst es in einem Positionspapier der chinesischen Regierung.

Das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen regelt die nationalen Einflussgebiete auf See. Demnach können Länder 12 Seemeilen vor ihrer Küste als eigenes Küstenmeer beanspruchen und 200 Seemeilen als «ausschliessliche Wirtschaftszone». Chinas Problem: Dieser Hoheitsanspruch umfasst Inseln, nicht aber Riffe oder Felsen. Doch die meisten Landmassen, die China im umstrittenen Gebiet für sich beansprucht, fallen in letztere Kategorie.

1200 Hektar Landgewinn

Aus diesem Grund hat China dem Meer in den letzten fünf Jahren rund 1200 Hektar Land abgerungen, indem es künstliche Inseln auf bestehenden Atollen gebaut – und seinen Machtanspruch damit wortwörtlich zementiert hat. Auf einigen dieser Inseln stehen heute chinesische Militärbasen, von wo aus sogar Flugverbotszonen durchgesetzt werden, wie Isobel Yeung für «Vice News» im Sommer herausfinden musste:

Obwohl sich Wissenschaftler gemäss Jeffery normalerweise auch über Förderbeiträge und Forschungsaufträge seitens der Politik freuen, so hätten sich viele seiner Kollegen an der APCONF in Hongkong hinter vorgehaltener Hand skeptisch gegenüber dem chinesischen Meeresarchäologie-Programm geäussert. Denn es werde langsam offensichtlich, dass das Programm primär dem Narrativ eines historischen Gebietsanspruchs Chinas diene – und weniger einem Erkenntnisgewinn nach aufklärerischem Vorbild.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.11.2017, 19:57 Uhr

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