Das Gesetz heisst Scharia

Eine Attentatsserie erschüttert Indonesien. Die Provinz Aceh ist längst unter Kontrolle der Islamisten.

Dutzende, manchmal Hunderte wohnen den Prügelstrafen bei. Es erinnert an öffentliche Hinrichtungen im Mittelalter in Europa.

Dutzende, manchmal Hunderte wohnen den Prügelstrafen bei. Es erinnert an öffentliche Hinrichtungen im Mittelalter in Europa. Bild: Keystone

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Ein Schlag – und der Kopf ist ab. Ali Mohammed tötet im Akkord. Dutzende von Fischen enthauptet der 37-Jährige im Verlauf eines Morgens mit seinem schweren Messer. Vor ihm auf dem Tresen, an seinem Stand im Markt von Banda Aceh, zucken die kopflosen Tiere in einer schleimigen Mischung aus Blut und Wasser, als Mohammed klarmacht, was er von Homosexuellen hält. «Mit denen sollten sie es auch so machen», meint Mohammed lachend, «Kopf ab.»

Man muss lange suchen, bis man in der konservativsten Provinz Indonesiens jemanden findet, der Ali Mohammeds Abscheu für Homosexuelle nicht teilt und sich nicht fast enthusiastisch für die archaischen Strafen ausspricht, die jenen drohen, die der gleichgeschlechtlichen Liebe beschuldigt werden. In der Provinz Aceh im Norden der Insel Sumatra gilt, wovon indonesische Islamisten träumen: die Scharia, das islamische Gesetz.

Wer gewisse Regeln verletzt, dem droht die Rute. Homosexueller Kontakt gehört dazu. Und Ehebruch. Und das Zusammensein nicht verheirateter Männer und Frauen; nicht eheliches Küssen sogar. «Unislamisches Verhalten» sei das alles, wie Ritasari im Fernsehen erklärt, die Chefin der Islamischen Polizei, die wie viele Indonesierinnen und Indonesier nur einen einzelnen Namen trägt. Ihre Leute – unter ihnen viele junge Frauen – patrouillieren in dunkelgrünen Uniformen die Stadt. Die Beamten weisen Frauen zurecht, die ihr Kopftuch nicht korrekt tragen. Sie belehren Männer, die am Freitagnachmittag im Restaurant Tee trinken, statt in die Moschee zu gehen, wie es der Koran vorschreibt.

Besonders ein Dorn im Auge sind ihnen «Leggings», eng anliegende Hosen. Wer sie trägt und von der Polizei erwischt wird, kommt in der Regel mit einer Verwarnung davon, einem «Hinweis», wie die Polizeichefin es ausdrückt. Bei schwereren «Vergehen» wird Meldung an das Scharia-Gericht erstattet. Ehebruch, Glücksspiel etwa. Und homosexueller Geschlechtsverkehr. Dafür droht der Stock. Bis zu 100 Schläge.

Als Präsident Suharto stürzte

85 Prozent der rund 260 Millionen Indonesierinnen und Indonesier sind Muslime. In dem Land gilt ein Kriminalrecht, dass sich an dem der früheren Kolonialherren orientiert, den Niederländern. Doch Aceh geniesst eine Sonderregelung, aus diversen Gründen, nicht zuletzt wegen der Geschichte. Früher war die Provinz eines der führenden islamischen Sultanate in Südostasien. Der Islam soll aus dem arabischen Raum über Aceh nach Indonesien gekommen sein. Seit 1998, kurz nach dem Sturz des Präsidenten Suharto, hat die Provinz eine Sonderstellung im Vielvölkerstaat Indonesien, was Autonomie und Rechtsprechung angeht.

Gesetze nach den Regeln der Scharia einzuführen und vollstrecken zu dürfen, wurde schliesslich zum wichtigsten Eingeständnis der Nationalregierung, damit sie 2005 einen jahrzehntealten Unabhängigkeitskampf beenden konnte. Seit dem Abschluss der Friedensvereinbarung mit der Rebellengruppe Free Aceh Movement (GAM) und Jakarta hat die Provinzregierung von Aceh das Scharia-Recht sukzessive ausgeweitet, auf immer mehr Bereiche des öffentlichen Lebens. Weit über 500 Menschen sind mit der Rute bestraft worden, seit die Provinzregierung im Oktober 2015 den Islamic Criminal Code endgültig eingeführt hatte.

Jeder Schlag wird mitgezählt

Das Szenario ist fast immer dasselbe: Der oder die zu Bestrafende kniet am Boden, Körper und Kopf mit meist einem weissen Gewand verhüllt. Daneben steht der schwarz gekleidete, vermummte Vollstrecker. Mit einem Bambusstock schlägt er dem Opfer auf den Rücken. Jeder Schlag wird von einem Offiziellen mitgezählt, alles muss korrekt ablaufen. Nur selten hört man die Bestraften klagen. Einige wimmern, andere weinen stumm ein paar Tränen des Schmerzes.

Deutlich lauter sind die Zuschauer: Dutzende, manchmal Hunderte wohnen den Prügelstrafen bei. Mit ihren Mobiltelefonen filmen sie das Spektakel. Es erinnert an öffentliche Hinrichtungen im Mittelalter in Europa. Volksfeststimmung herrschte auch vor etwas über einem Jahr, als zwei knapp 20-jährige Männer mitten in Banda Aceh bestraft wurden. Ihr Verbrechen? Nachbarn hatten sie zusammen in einem Apartment erwischt. Die beiden waren nackt, als Polizisten das Haus stürmten. Bilder der Verhaftung machen in den sozialen Medien bis heute die Runde.

Menschenrechtsorganisationen, die UNO und eine Vielzahl humanitärer Gruppen geben jedes Mal lauthals ihrer Empörung Ausdruck, wenn Bilder von Prügelstrafen durch die Medien zirkulieren. Die Proteste aus dem Westen haben in Aceh aber nicht etwa ein Umdenken ausgelöst. Provinz-Gouverneur Irwandi Yusuf verfügte jüngst, Prügelstrafen sollten künftig nur noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit – und vor allem von Smartphones – vollzogen werden. Er hat Angst, die Methoden könnten Anleger davon abhalten, in seiner Provinz zu investieren.

Man zieht den Stock der Busse vor

Aceh ist besonders reich an natürlichen Rohstoffen wie Öl, Gas und Mineralien. Doch die Begeisterung europäischer Geschäftsleute, in Banda Aceh zu leben, hält sich in Grenzen. «Ich bin jedes Mal froh, wenn ich hier wieder weg bin», sagt ein Brite. Er hat sich in der einige Hundert Kilometer südlich liegenden Stadt Medan stationiert. «Dort kann ich am Abend wenigstens ein Bier trinken.»Dabei ist Gouverneur Yusuf nicht einmal einer der radikalsten Anhänger der islamischen Bestrafungsmethoden. Der ehemalige Anführer von GAM hatte sich lange gegen die Einführung noch einschneidenderer Methoden aufgelehnt. So weigerte er sich 2009, ein Gesetz zu unterzeichnen, das die Steinigung von Ehebrechern ermöglicht hätte.

«Ich habe kein Problem mit der Scharia», sagt Sheilisa Pieter, Rektorin an der methodistischen Schule SMA, einer der wenigen nicht islamischen Schulen in Banda Aceh. Zwar gelten gewissen Paragrafen des islamischen Gesetzes auch für Christen und Gläubige anderer Religionen. Doch sie werden deutlich weniger oft an ihnen angewendet. «Wir können wählen, ob wir nach den indonesischen Gesetzen gerichtet werden wollen oder nach der Scharia», sagt Pieter, die sich als Christin im streng islamischen Banda Aceh «immer sehr sicher» fühle, «nicht zuletzt, weil die Leute eben Achtung haben vor der Scharia».

Nicht wenige Nicht-Muslime würden sich für die Scharia entscheiden, wenn ihnen etwas vorgeworfen wird. Der Prozess sei in der Regel schneller als ein Gang durch die traditionellen Gerichte. So erhielt jüngst ein christliches Paar öffentlich die Prügelstrafe, weil es ein Kinderspiel zum Glücksspiel «missbraucht» habe, so der Entscheid des Scharia-Gerichts. Die Verurteilten hatten den Stock den möglichen Alternativen vorgezogen: eine heftige Busse, vielleicht sogar Gefängnis.

Wie der Tsunami alles veränderte

Für den Historiker und Aceh-Experten Michel Feener ist klar: Die Einführung der Scharia in der Provinz war «nie getrieben von einem nostalgischen, utopischen Verlangen nach einer Rückkehr zu einem Arabien des siebten Jahrhunderts», schreibt er. In einer 2013 veröffentlichten Studie kommt er zum Schluss, Scharia habe mehr mit «Social Engineering» zu tun, mit einem Bestreben, die Gesellschaft umzustrukturieren, um Aceh nach dem langen Unabhängigkeitskonflikt und dem Tsunami von 2004 wieder aufzubauen.

Mindestens 280 000 Menschen starben – der Grossteil davon in der Provinz Aceh – , als sich am 26. Dezember 2004 nach einem Unterseebeben vor der Nordküste Sumatras eine Flutwelle aufbaute und weite Teile der Küstenregionen des Indischen Ozeans zerstörte, von Thailand über Myanmar bis Somalia. Banda Aceh wurde von bis zu 30 Meter hohen Wellen vernichtet. Dass mehrere Moscheen als einzige Gebäude dem enormen Druck der Fluten standgehalten hatten, war für viele Menschen der Region «ein Zeichen Allahs».

Das sagt auch Nurlinda, eine Geschäftsfrau, die bei der Katastrophe über 100 Familienangehörige und Verwandte verloren hatte. Keine ihrer Liebsten habe sie begraben können, sagt sie, «das Meer hat sie alle verschluckt». Nurlinda ist überzeugt, dass der Tsunami «eine Strafe Allahs» gewesen sei, für die Sünden der Menschen. «Die Welle hat mich zu einer besseren Muslimin gemacht», meint sie. Dass ihre Provinz Vergehen und Verbrechen nach der Scharia verfolge, sei für sie «selbstverständlich und völlig normal».

Gottesstaat im Anfangsstadium

Noch gilt Indonesien unter islamischen Ländern als eines der liberalsten, offensten. Progressive Kräfte beobachten die Entwicklung in Aceh aber mit wachsender Sorge. Denn sie geht mit einer zunehmenden Radikalisierung in anderen Teilen dieser weitflächigen und ethnisch diversen Nation einher. Vielerorts treten Islamisten forsch und aggressiv auf. Sie fordern – meist mit Erfolg – ein Verbot von Alkohol und zelebrieren Aceh als Vorbild, wie ein «islamischer Gottesstaat» in seinen Anfängen aussehen könnte. Islamistisch motivierte Angriffe auf christliche Kirchen wie am Wochenende auf Java werden häufiger.

Auch in der Politik werden Fundamentalisten immer fordernder und erfolgreicher. Hoffnungen progressiver Kreise, aber auch westlicher Wirtschaftsvertreter, der als liberal geltende Präsident Joko Widodo könne den Trend umkehren, haben sich seit seiner Wahl 2014 nicht erfüllt. Im letzten Jahr führten fundamentalistische Islamparteien einen aggressiven Kampf gegen Basuki Tjahaja Purnama bzw. Ahok, den christlichen Kandidaten für das Amt des Gouverneurs von Jakarta. Der Politiker wurde nicht nur nicht gewählt. Er kam wegen «Gotteslästerung» in Haft.

In Banda Aceh könnte sich der Wunsch des Fischhändlers Ali Mohammed bald erfüllen. Die Regionalregierung lässt neu prüfen, ob es das indonesische Recht zulassen würde, in der Provinz auch die Todesstrafe durch Enthauptung einzuführen. Schwere Gewaltverbrechen könnten so verhindert werden, glauben die Befürworter. Kritik von Menschenrechtlern weisen sie zurück. Komme der Vorstoss durch, drohe schliesslich nur Mördern und Vergewaltigern das Schwert. So, wie es der Koran vorschreibe. (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.05.2018, 08:52 Uhr

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