Der Wasserdrache ist ein trojanisches Pferd

Chinas neue Propellermaschine soll Brände löschen – und wohl auch Gebietsansprüche festigen.

Gross, grösser, China. Typ AG600, das grösste Wasserflugzeug dass je gebaut wurde.

Gross, grösser, China. Typ AG600, das grösste Wasserflugzeug dass je gebaut wurde. Bild: Reuters

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Der Public-Relations-Coup ist gelungen. Am 24. Dezember flog das neue chinesische Wasserflugzeug AG600 «Water Dragon» erstmals. Die Medien der Welt berichteten mit Begeisterung und Bewunderung. China propagiert die neue Maschine als grösstes serienmässig hergestelltes Wasserflugzeug der Welt. Es sei vor allem zum Löschen von Waldbränden entwickelt worden, man könne aber auch Seeleute retten und Kranke transportieren. 17 Bestellungen lägen schon vor, auch aus dem Ausland gebe es Interesse für den «Wasserdrachen». Die Message war klar: China ist innovativ und technologisch auf der Überholspur.

Allerdings zeigte der Erstflug neben einem grossen, bauchigen Rumpf mit Schiffsform und einem Flügel mit zwei Schwimmern auch noch etwas anderes: vier schwarze Rauchstreifen. Das ist bei neuen Flugzeugen schon seit vielen Jahren nicht mehr erwünscht. Der Rauchschleier führt auf die Spur eines grossen Bluffs und gleichzeitig einer «Hidden Agenda».

Flügel und Motoren von 1957

Die vier dunklen Rauchstreifen sind das Markenzeichen der Antonow An-12. Das in Kiew entwickelte Frachtflugzeug ist 1957 erstmals geflogen. Bis zum Produktionsende im Jahr 1972 wurden über 1200 Stück gebaut. Viele fliegen immer noch. Mehr als 200 sind auch verunfallt, vor allem in Afrika, wo die Maschinen oft unter haarsträubenden Bedingungen betrieben werden.

Kurz nach Produktionsende der An-12 in Kiew wurde das Modell an China lizenziert. Doch als sich die Volksrepublik und die Sowjetunion in den 1970er-Jahren politisch verkrachten, stoppte Moskau die Zusammenarbeit. Die Chinesen bauten Flugzeug und Triebwerk ohne russische und ukrainische Hilfe. Die erste Shaanxi Y-8, montiert noch aus von der Sowjetunion gelieferten Teilen, flog deshalb schon 1972, die eigentliche Serienproduktion mit in China gebauten Komponenten und Nachbauten des ukrainischen AI-20-Triebwerks unter der Bezeichnung WJ-6 begann aber erst im Jahr 1981.

Die Y-8 wird noch immer gebaut, mittlerweile in sehr vielen Versionen. Doch rauchen tun sie alle. Eine modernisierte Variante mit Triebwerken des kanadischen Herstellers Pratt & Whitney flog nie, weil die Kanadier die Software für die Triebwerkssteuerung nicht liefern durften – aufgrund der militärischen Verwendungsmöglichkeit des Flugzeugs.

Vergleicht man nun das nagelneue Wasserflugzeug AG600 «Water Dragon» mit der Antonow An-12 beziehungsweise der Y-8, wird plötzlich vieles klar.

Die Abmessungen entsprechen praktisch auf den Zentimeter der mittlerweile mehr als 60 Jahre alten Konstruktion aus der Ukraine. Auch Geschwindigkeit und Nutzlast sind praktisch gleich. Der Flügel mit der Triebwerksintegration ist unverändert, und selbst das charakteristische An-12-Dreieck zwischen Höhenleitwerk und Rumpfoberseite ist geblieben.

Die Triebwerke sind ohnehin dieselben. Der einzige wirkliche Unterschied zur Antonow An-12 ist, dass die AG600 schwimmt.

Die Ähnlichkeit wirft sofort viele Fragen auf. 1957 war die An-12 ein leistungsfähiges Flugzeug. Sie entsprach noch in den 1970ern ziemlich genau den damaligen Versionen der C-130 Hercules, wie Testpiloten von Lockheed bei Tests mit chinesischen Maschinen bewundernd feststellten. Doch mittlerweile ist die Maschine hoffnungslos veraltet. Es wird gespottet, der viermotorige «Fuel-Smoke-Converter» fliege nur dank der Erdkrümmung.

Ähnlich dürfte es der AG600 gehen. Das nach Abmessungen kleinere russische Wasserflugzeug Berijew Be-200 ist deutlich leistungsfähiger. Es kann im Gleitflug über Wasser ebenfalls 12 Tonnen Wasser tanken, um dieses über Brandherden abzuwerfen, und es hat mit 65 Sitzen sogar Platz für mehr Passagiere. Doch die Be-200 ist ein Jet, braucht nur zwei statt vier Triebwerke. Sie ist leichter und fliegt viel schneller und höher als die AG600 und ist wendiger. Die AG600 ist für ihre Leistung zu gross oder bringt für ihre Grösse zu wenig Leistung – wie ein Flugzeug der 1950er-Jahre.

Doch weshalb baut China mit so grossem Aufwand ein derart veraltetes Flugzeug? Um Waldbrände zu löschen und Menschen in Seenot zu retten, sind die Berijew Be-200 oder die kanadische Canadair CL-415 genauso geeignet – und wären billiger, besser und mit weniger Aufwand zu haben. Dass sich Kunden im Ausland für die Maschinen interessieren, ist wahrscheinlich Bluff. Die alten Chruschtschow-Mao-Triebwerke sind nirgends mehr zertifizierbar. Zudem sind CL-415 und Be-200 auch nicht eben Bestseller, obwohl beide international zertifiziert sind.

Wasserflugzeuge statt Schiffe

Dagegen scheint die AG600 für einen anderen Zweck ideal: Sie ist genau das Fluggerät, das China braucht, um seine Gebietsansprüche im südchinesischen Meer rund um die Spratly-Inseln zu festigen. Teile der Inselgruppe werden auch von Taiwan, den Philippinen, Malaysia, Indonesien, Vietnam und Brunei beansprucht. Sie liegen strategisch wichtig an den meistbefahrenen Schifffahrtsstrassen der Welt.

In der Region werden aber auch grosse Öl- und Gasvorkommen vermutet. Internationale Schiedsgerichte haben schon mehrmals gegen Chinas Interessen entschieden. Trotzdem betreibt Peking seine Politik verbissen weiter. Viele der Inseln liegen nur bei Ebbe über dem Wasser und sind kaum mehr als Riffe oder Felsspitzen.

China setzt deshalb oft erst einmal Bojen auf die Felsen, dann Flaggenmasten, und schliesslich kommen Schiffe mit Baumaterial und vorfabrizierten Bau-Elementen. Wenn Fischer oder die Marinen anderer Staaten solche Bojen sehen, entfernen sie diese sofort wieder – bis ein paar Monate später erneut Bojen schwimmen.

Mit grossem Aufwand hat China nun einige dieser Felsen und Riffe eingenommen und zu Mini-Inseln aufgeschüttet, permanent besetzte Posten eingerichtet oder sogar Fischer angesiedelt. Entsprechend sauer sind die anderen Staaten. Denn es geht nicht um die einzelnen Felsen, sondern um die im internationalen Seerecht festgelegte territoriale Zwölfmeilenzone darum herum, in der dann Hoheitsrechte gelten – für Fischerei, Militär und Bergbau. Überschneiden sich Zwölfmeilenzonen einzelner weit verstreuter Inseln, ergibt sich mit der Zeit ein grosses, zusammenhängendes Seegebiet, auf welchem ein Staat Souveränitätsrechte beanspruchen kann.

Die meisten der Inseln sind viel zu klein, um Landepisten zu bauen. Zudem liegen sie vom chinesischen Festland aus ausserhalb der Reichweite von Helikoptern. Bisher waren sie nur per Schiff erreichbar. Die grösste, eine der wenigen permanent besiedelten Inseln des Archipels, ist zudem fest in der Hand von Taiwan, das von den Kommunisten in Peking als abtrünnige Provinz betrachtet wird. Ein Wasserflugzeug, das mit der zehnfachen Nutzlast eines Helikopters dreimal so weit und dreimal so schnell fliegt, ist da das perfekte Transportmittel.

Die Reichweite des Wasserdrachen ist denn auch komfortabel gross genug, um zur vom chinesischen Festland am weitesten entfernten Insel und wieder zurück fliegen zu können. Mit der AG600 können die Chinesen vor den kleinen Riffs wassern und sie schneller zu Inseln ausbauen, die Inseln schneller besiedeln und die Meeresgebiete darum herum wirksamer für sich reklamieren.

Geschützt durch alte Technik

Die vorsintflutliche Technik des Wasserdrachen stört dabei nicht im geringsten – im Gegenteil. Sie ist ein effizienter Schutz gegen ausländische Einmischung. Denn jedes moderne Wasserflugzeug, ob nun aus Kanada, Russland oder Japan, ist angewiesen auf internationale Technologien und deren Versorgungsketten. Doch Politiker in Europa, Asien, den USA oder Kanada können diese unterbrechen und damit sowohl die Entwicklung wie auch den Betrieb des Flugzeuges stören oder gar verunmöglichen. Genau das ist bei der Modernisierung der Y-8/Antonow An-12 mit kanadischen Triebwerken geschehen.

Gegen die alte sowjetische Technologie, die seit Jahrzehnten komplett in China hergestellt wird, sind solche Störmanöver nicht möglich. Dafür nimmt man die vergleichsweise schlechte Performance und den Rauch gerne in Kauf. Die mit China wegen der Inseln über Kreuz liegenden Staaten können im Gegensatz dazu aber für gleiche Zwecke wohl kaum bei andern Herstellern Wasserflugzeuge kaufen. Das würde sofort einen diplomatischen Aufschrei in Peking provozieren. China hat deshalb mit dem AG600 im grossen Spiel im südchinesischen Meer nun einen entscheidenden Vorteil.

Pekings grosses Wasserflugzeug, so harmlos es auf den ersten Blick daherkommen mag, hat das Potenzial, eine ganze Region politisch zu destabilisieren. Der Wasserdrache ist deshalb keine technische Errungenschaft. Er ist ein trojanisches Pferd. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.01.2018, 10:21 Uhr

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