Jagd auf eine Christin

Unerträgliche Zustände in Pakistan: Ein islamistischer Mob fordert den Tod der freigesprochenenen Asia Bibi und legt die Regierung an die Leine.

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96 Prozent der Pakistani sind Moslems. Asia Bibi ist Christin und gehört damit zu einer verschwindend kleinen, zudem ungeliebten Minderheit im Lande. 2009 kam es offenbar zu Streit mit Musliminnen, mit denen zusammen sie auf dem Feld arbeitete. Anlass war ein Glas Wasser, das sie den anderen brachte, nicht ohne selbst daraus zu trinken. Asia Bibi wurde im Verlaufe des Streits bezichtigt, den Propheten Mohammed beleidigt zu haben; der Mob im Dorf Ittan Wali formierte sich, um auf sie einzuprügeln. Nur die Polizei verhinderte einen Lynchmord.

2010 wurde Asia Bibi von einem Provinzgericht wegen Blasphemie zum Tode verurteilt, 2014 bestätigte ein Berufungsgericht das Urteil. Asia Bibi legte abermals Rechtsmittel ein, diesmal erfolgreich. Das Oberste Gericht Pakistans sprach sie dieser Tage frei, weil es die Beweise zu dürftig fand und ihr Geständnis für erpresst hielt. Nach acht Jahren verliess Asia Bibi die Todeszelle. Aber noch ist die 51-jährige Mutter von fünf Kindern nicht in Sicherheit, noch ist sie in höchster Gefahr.

Nach dem freisprechenden Urteil gingen Abertausende auf die Strasse, um gegen den Richterspruch zu demonstrieren; es gab Strassenblockaden, Plünderungen; Schulen und Behörden machten mancherorts zu. Der Führer der Islamistenpartei TLP gab kund: «Wir werden uns nicht zurückziehen, bis die Richter entlassen sind und Bibi gehängt wird.» Sein Stellvertreter forderte die Menschen in Bibis näherer Umgebung auf, das Todesurteil von eigener Hand zu vollziehen.

Aufenthaltsort: unbekannt

Wo Asia Bibi sich im Moment aufhält, wo sie Unterschlupf gefunden hat, weiss niemand. Es gibt Informationen, dass sie zu ihrem eigenen Schutz wieder in Polizeigewahrsam genommen wurde. Auch zum Lynchmord an den drei Richtern, die sie freigesprochen hatten, riefen die zornigen Massen auf. Noch zwei Tage nach dem Gerichtsentscheid hielt die Regierung von Premier Imran Khan den Juristen den Rücken frei. Der Freispruch stehe im Einklang mit der Verfassung, meinte Khan in einer landesweit übertragenen Fernsehansprache, die Demonstranten sollten Ruhe geben.

Aber weil die Demonstranten keine Ruhe gaben und das Land mit ihren Protesten lahmzulegen drohten, knickte die Regierung ein. Sie schloss mit den Extremisten einen Deal.

Der Deal sieht so aus: Um die Wut der Islamisten einzudämmen, sicherte die Regierung zu, Asia Bibi im Land zu halten, ihr die Reise ins sichere Ausland zu versagen. Ausserdem forderte sie das Verfassungsgericht auf, den Freispruch nochmals zu überprüfen, also seinem letzten Wort noch ein allerletztes Wort hinzuzufügen. Wie dieses Wort aussehen wird, dürfte klar sein.

Anwalt geflohen

Dass (angebliche) Blasphemie in Pakistan mit der Todesstrafe geahndet wird, ist brutal genug. Nun aber haben sich Regierung und Justiz in Pakistan vom tobenden Mob an die Leine legen lassen. Dies bedeutet eine Kapitulation der Staatsorgane vor religiösen Eiferern. Auch Asia Bibis Ehemann Ashiq Masih und die Kinder müssen sich nun versteckt halten, ihre Unterkunft wechseln, um nicht dem Zorn der Massen zum Opfer zu fallen. Die Familie hat Italien um Asyl gebeten. Ihr Anwalt ist, so hört man, bereits ins Ausland geflohen.

Ob Asia Bibi selbst es dorthin schafft, steht in Zweifel. Unerträgliche Zustände in Pakistan. (Basler Zeitung)

Erstellt: 08.11.2018, 10:21 Uhr

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