Narziss im Gefängnis

Kim Jong-un hätte sein Volk von der Leibeigenschaft erlösen können – und die Welt hätte applaudiert. Er entschied sich stattdessen für den einfachen Weg.

Kim Jong-un und die Wärter seines Lebens.

Kim Jong-un und die Wärter seines Lebens.

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Der junge Mann steht im grössten Theater der Hauptstadt, unten bei den besten Plätzen. Zwei Männer in Uniform haben sich bei ihm untergehakt, Sprechchöre hallen durch den Saal. Das Publikum klatscht und klatscht und hört nicht auf zu klatschen. Versammelt ist die Elite des Landes, gefeiert wird die schiere Existenz des jungen Mannes. Alle Augen sind auf ihn gerichtet, er scheint die Aufmerksamkeit mit fast kindlicher Freude zu geniessen – grinsend, strahlend, winkend.

Sein Name ist Kim Jong-un. In Nordkorea, wo sich die Szene am Wochenende zutrug, ist er bekannt als «Erlöser» oder «Lenkender Stern des 21. Jahrhunderts». Sein Vater vererbte ihm vor bald sechs Jahren den Schlüssel zum grössten Freiluftgefängnis der Welt. Es war die Chance seines Lebens.

Kim, der auftritt wie ein Narziss, verliebt in den Applaus und in die Adoration, hätte sein Volk von der Leibeigenschaft erlösen und in das 21. Jahrhundert führen können, wie es südlich seines Landes real existiert, mit Freiheitsrechten und Wohlstandsfreuden – und die Welt und nicht nur ein Saal hätte applaudiert. Er hätte den Friedensnobelpreis erhalten und Ehrendoktorate der besten Universitäten, er wäre in Hauptstädten behandelt worden wie ein lebender Heiliger und zu Hause wie ein Mensch gewordener Gott. Er hätte seinen Narzissmus in einer Art befriedigen können, wie es in seinem verarmten Land mit dem versklavten Volk nie möglich sein wird – und wie es kaum einem Menschen je möglich war.

Kim warf den Schlüssel weg und begann, seine Konkurrenten aus dem Weg zu räumen.

Er entschied sich für den einfachen Weg. Wie gross auch immer sein Handlungsspielraum gewesen sein mag, als sein Vater starb; ob er Nordkorea tatsächlich hätte öffnen können oder nicht: Er warf den Schlüssel weg und begann, seine Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Die sieben Männer, die den Sarg seines Vaters trugen, sind heute tot oder verschwunden.

Kim Jong-un ist 33 oder 34 Jahre alt. Er kann von seinem Leben nicht mehr erwarten, als dass ihn Menschen in Todesangst ab und zu mit rituellen Schwüren hochleben lassen. Als er sich den Spass am Wochenende ein weiteres Mal gönnte, hakten sich zwei Männer in Uniform bei ihm unter. Sie wirkten wie die Wärter seines Lebens. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.09.2017, 12:22 Uhr

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