Protest am Klavier

Ein Stimmungsbericht aus Uglitsch vor den Präsidentschaftswahlen am 18. März.

Präsident Putin kam um zu bleiben.

Präsident Putin kam um zu bleiben. Bild: Keystone

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Die 15-jährige Xenia singt ein russisches Volkslied, Larissa, ihre Tante und Lehrerin, begleitet sie auf dem Klavier. Das Holzparkett im Klavierzimmer der Musikschule ist über die Jahre dunkel gefärbt worden, an blassen Blümchentapeten hängen alte Stiche: Bach, Tschaikowski und Mozart. Nur der Nawalny-Aufkleber auf Larissas Handtasche zeigt, dass die Sowjetzeit der Vergangenheit angehört.

Uglitsch an der oberen Wolga ist 1081 Jahre alt, 110 Jahre älter als Moskau, drei Autostunden südwestlich. «Eine patriarchalische Stadt», sagt Larissa Cholmowskaja. Die Klavierlehrerin gehört zu den sehr seltenen Oppositionellen hier, Nichte Xenia aber lacht, im Russisch-Unterricht hätten sie gerade einen Aufsatz geschrieben: Welchen Präsidentschaftskandidaten würdest du wählen? «Ich habe über Alexei Nawalny geschrieben.» Der Korruptionsbekämpfer Nawalny wurde erst gar nicht zu den Wahlen zugelassen, es störte weder Xenia noch ihren Lehrer: «Ich habe ein ‘Sehr gut’ bekommen», freut sie sich.

Gefängnisstrafe angedroht

Am 18. März wählt Russland seinen Präsidenten. Wladimir Putins Sieg gilt schon jetzt als sicher. Trotzdem fliegen bei den TV-Debatten in Moskau zwischen dem nationalpopulistischen Kandidaten Wladimir Schirinowski und der Liberalen Xenia Sobtschak Schimpfwörter und Wasserbecher. Amtsinhaber Putin verspricht eine Verdoppelung des Bruttoinlandprodukts und atomgetriebene Raketen. In einem Dorf am Ural hat eine Lehrerin einer 13-Jährigen mit Gefängnis gedroht, weil sie bei einem Malwettbewerb statt Putin den kommunistischen Kandidaten Pawel Grudinin porträtierte. In Uglitsch aber herrschen statt Wahlkampf minus 21 Grad Frost, die Passanten auf dem leeren Uspensker Platz an der Wolga eilen als vereinzelte Punkte durch weisses Nichts.

Die 32 000 Uglitscher reden durchaus über Politik. Im «Familiencoiffeursalon Andersen» lackiert Chefin Swetlana Grosnowa der Zahnärztin Tatjana die Fingernägel. «Ich wähle Putin, er ist der mit Abstand vernünftigste Kandidat», verkündet Tatjana. Grudinin? «Auch nicht schlecht.» Tatjana grinst: «aAber den kenne ich zu wenig.» Swetlana hält es ebenfalls mit Putin. «Ich will nicht, dass das Chaos der Neunzigerjahre zurückkehrt. In Uglitsch gab es damals in den Lebensmittelgeschäften nur noch Meerkohl.»

Löhne bis knapp 300 Euro

Swetlana lernt eifrig Deutsch, konsumiert ausser dem Staatsfernsehen auch spiegel.online. Eine Familie mit drei Kindern benötige in Uglitsch 150 000 Rubel (über 2100 Euro), um gut zu leben, sagt sie. Aleksei Fedurjow, ehemaliger Stadtarchitekt und stellvertretender Sekretär des Rajonkomitees der Kommunistischen Partei KPRF, beziffert die Löhne hier auf 7000 bis 20 000 Rubel, 100 bis knapp 300 Euro. Und Fedurjow sagt, er kenne jeden Uglitscher mit Vornamen.

Die Uhrenfabrik, wo zu Sowjetzeiten über 10 000 Menschen arbeiteten, hat vor zwölf Jahren Bankrott gemacht. Der Schnee verbirgt die Schlaglöcher der Nebenstrassen kaum, aus der Bauruine des nie zu Ende gebauten Tanzpalasts gähnen leere Fensterhöhlen. Andrei, Inhaber eines Autoersatzteil-Ladens, sagt, die Behörden würden ihn in Ruhe lassen. «Die sind froh über jeden Kleinbetrieb, der sich noch über Wasser hält.»

70 Prozent für Putin ...

Swetlana hofft, man könne die Fehler innerhalb des Systems korrigieren. Das Wichtigste sei ihr die Familie, sie wolle auf keinen Fall, dass ihre drei Jungs auf die Barrikaden gehen.

Auch Larissa sagt, in Uglitsch drehe sich alles um die Familie. «Die Männer zerreissen sich, um Geld zu verdienen, ein Haus zu bauen.» Überlebenskampf sei für viele längst Alltag. «Das Volk schweigt, aber das Volk denkt.»

Larissa und eine Kollegin erzählen, alle Pädagogen der Musikschule hätten Ende des Jahres 60 000 Rubel extra bekommen, das sähe doch arg nach Wahlgeschenk aus. Swetlana sagt, nach dem, was ihre Coiffeurkunden politisch äusserten, seien die rund 70 Prozent der Stimmen, die die Meinungsforschungsinstitute Putin vorhersagen, realistisch. Allerdings wählten bei den Staatsduma-Wahlen 2016 im Bezirk nur 41,3 Prozent Einiges Russland (ER). Larissa versichert, immer mehr Leute wendeten sich von Putin ab.

... bei 70 Prozent Wahlbeteiligung

Hier hängt längst nicht in jedem Direktorenzimmer ein Putin-Porträt, eine Schulleiterin schwärmt von den armen, aber freien Neunzigerjahren, da hätte der Staat die Schulen auch viel weniger bevormundet. Und ihre Kollegin, ER-Mitglied, lacht: «Ich weiss noch nicht, wen ich wähle, aber auf keinen Fall Putin.» Der sei einfach lange genug Präsident gewesen.

In Uglitsch redet man gern und viel, aber man überschreit einander nicht. Man bespritzt seine Opponenten nicht mit Chemikalien, und man hat auch keine Angst vor den ausländischen Journalisten.

Politische Offenheit und Duldsamkeit sind hier erstaunlich alltäglich. Diese Alltäglichkeit gibt es auch in Tausenden anderen russischen Kleinstädten, aber die Repressalien und Skandale in Moskau und den Metropolen haben sie längst überdeckt.

Auch die Parkettdielen im ER-Empfangsbüro von Uglitsch sehen noch sehr sowjetisch aus. An den Wänden hängt spartanische Sachlichkeit: eine russische Fahne, zwei Landkarten, weisse Bären auf einem Kalender und auf dem Wappen der Partei.

Kein Putin-Porträt. Am langen Versammlungstisch sitzt nur Michail Woronow, der Vorsitzende der Bezirksduma von Uglitsch. Warum man in der Stadt keine Putin-Plakate sieht? Der Wahlkampf finde im Fernsehen statt, sagt Woronow. «Aufgabe der Partei ist es, möglichst viele Leute zum Wählen zu bewegen.» Die 70 Prozent Wahlbeteiligung, die als Ziel des Kremls gelten, seien hier durchaus real: «Mitte März sind die Leute noch nicht auf ihren Gemüsebeeten, noch nicht zum Grillen im Grünen.»

Woronow hat gemeinsam mit Larissa Cholmowskaja, der Oppositionellen, die Musikschule absolviert. Und er erzählt, wie Larissa nach einer Protestaktion in Jaroslawl mit anderen Nawalny-Aktivisten festgenommen wurde, sich auf der Polizeistation an ein Klavier setzte und spielte. «Die Leute hier haben eine sanftere Einstellung zum politischen Kampf», erklärt Woronow. Larissa selbst sagt, sie hätte am Klavier die Stimmung auf der Wache entspannen wollen. «Keiner in Russland möchte eine blutige Revolution.»

Schönheit und Überzeugungskraft, hofft sie, werden die Wende im Land bringen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.03.2018, 11:32 Uhr

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